Mit Puppen zu spielen, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat, das erntet schon einmal etwas zweifelnde Blicke. Ganz besonders, wenn derjenige männlichen Geschlechts ist. Bei den Muppets war das anders: Die waren nicht nur selbst Stars, auch die Leute dahinter – oder darunter – erlangten weltweit große Bekanntheit. Aber bei den Muppets war ja so vieles anders. An die ersten Auftritte der von Jim Henson erdachten Handpuppen dürften sich nur die wenigsten erinnern, denn die liegen mittlerweile über 60 Jahre zurück und fanden im Rahmen der Serie Sam and Friends statt. 86 Folgen lang, aufgenommen zwischen 1955 bis 1961, scherzten die Figuren, machten sich über andere Sendungen lustig oder verkörperten bekannte Lieder. Auch Kermit war damals schon mit von der Partie, wenngleich er da noch einer Echse glich. 1969, als die Puppen zur neu geschaffenen Kindersendung Die Sesamstraße stießen, hatte er bereits sein heutiges Aussehen eines Frosches. Doch es sollte noch einmal sieben Jahre dauern, genauer bis zum 5. September 1976, als er das erste Mal den Vorhang zur Muppet Show öffnete und damit Fernsehgeschichte schrieb.

Jim Henson

Jim Henson (Foto: Jeff Kravitz)

Henson hatte seinerzeit von den Einnahmen der Sesamstraße gut leben können, in denen seine Puppen gemeinsam mit Menschen die lieben Kleinen unterhielten, ihnen aber auch Wissen vermittelten. Das war alles schön und gut, reichte dem inzwischen bald 40-jährigen Puppenspieler aber nicht: Er wollte lieber ein Programm auf die Beine stellen, mit dem er jung wie alt ansprach. Also scharte er alte und neue Mitstreiter um sich und ließ die Puppen tanzen. Wortwörtlich.

„Jetzt tanzen alle Puppen,
macht auf der Bühne Licht!
Macht Musik, bis der Schuppen
wackelt und zusammenbricht!

Schmeißt euch in Frack und Fummel
und Vorhang auf: Hallo!
Freut euch auf Spaß und Rummel
in der heutigen Muppet Show!“

Das Konzept entnahm er prinzipiell den seinerzeit schon so beliebten Variety Shows, in denen ein oder mehrere Gastgeber Berühmtheiten aus dem Showbiz zu sich einluden, diese befragten und auf die Bühne baten. Die Muppets taten das auch, wenn auch auf ihre Weise: Nur dabeisitzen war nicht, sie machten einfach mit. Ob das Schwein Miss Piggy ihr Gesangstalent demonstrierte, Fozzy-Bär Witze erzählte oder der unidentifzierbare Gonzo sich aus einer Kanone schießen ließ, die Puppen nutzen jede Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu drängen und ihre menschlichen Kollegen notfalls beiseite zu schubsen. Anfangs war das nicht einmal so wahnsinnig schwierig, denn nicht jeder Künstler war Feuer und Flamme, in einer Show mitzumachen, in der Puppen das Sagen haben und einen dabei durchaus mal durch den Kakao ziehen konnten. Wer sich die erste Staffel der Show ansieht, dürfte deshalb nur wenige der Gesichter erkennen. Doch das sollte sich bald ändern: Im Laufe der fünf Staffeln waren die Muppets ein derartiger Kult geworden, dass die Stars bei ihnen Schlange standen. Elton John, Roger Moore, Diana Ross, Mark Hamill, Steve Martin, John Cleese – die Liste an Prominenten ist endlos. Das Erfolgsrezept dabei war, eingängige Musik mit Humor zu kombinieren, absurden Szenarien und Selbstironie, dazu noch diverse Running Gags und Wortspiele, eine unermüdliche Aneinanderreihung von Verrücktheiten, die man sich tatsächlich auch als Erwachsener anschauen durfte, fast schon musste.

Auf zu neuen Ufern

Einiges davon nahmen die Muppets mit sich, als sie ab 1979 versuchten, auch außerhalb ihres Stammtheaters Karriere zu machen. Klappen wollte das aber nur ab und an. Während der erste Kinoauftritt Muppet Movie damals noch zu den zehn erfolgreichsten des Jahres gehörte, sanken die Einnahmen mit jedem weiteren Film. Ein Grund war sicher, dass das Show-Konzept ursprünglich kurze Sketche ohne Zusammenhang vorsah – was bei 25 Minuten deutlich besser funktioniert als bei 90. Als Folge versuchte man mal mehr, mal weniger eine längere Geschichte auszudenken, in der die Sketche und Musiknummern integriert werden können. Und da dies offensichtlich nicht so recht funktionieren wollte, ging man in den 90ern dazu über, einfach bekannte Bücher mit den Muppets neu zu verfilmen (Die Muppets-Weihnachtsgeschichte, Die Schatzinsel). Gleichzeitig wurde am Humor immer wieder geschraubt: Durchbrachen die Puppen bei ihrem ersten Auftritt regelmäßig die vierte Wand, geschah das später nur noch gelegentlich, die Autoren wussten nie so recht, ob sie sich auf das profitable Kinderzielpublikum konzentrieren oder doch zusätzlich Witze für Erwachsene einbauen sollten.

Frank Oz

Frank Oz (Foto: WireImage.com)

Und auch Musik, in der Show noch ein integraler Bestandteil, wurde anschließend in sehr unterschiedlichem Maße eingesetzt. Mit Liedern wie „Rainbow Connection“ aus Muppet Movie und „Together  Again“ aus Die Muppets erobern Manhattan gab es eine Reihe von Ohrwürmern, Klassiker sogar. Bei den späteren Filmen wird man sich aber schwer tun, sich noch einzelne Melodien zu erinnern, bei Muppets aus dem All wurde 1999 gleich ganz auf das Musical-Erbe verzichtet. Dass die Filme mit der Zeit immer aufwendiger geworden waren, große Kulissen und beeindruckende Animationssequenzen hatten, half dann auch schon nicht mehr, um gegen die eher langweiligen Witze und dahinplätschernden Lieder anzukommen. Die Puppen waren müde geworden, nicht zuletzt, weil die alte Garde sich längst verabschiedet hatte. Henson war 1990 gestorben, Frank Oz, der Miss Piggy und Fozzie Bär gespielt sowie gesprochen hatte, zog sich zunehmend zurück, um nun selbst Realfilme zu drehen (Der kleine Horrorladen, Die Frauen von Stepford).

Eine nicht immer erwiderte Liebe

Aber auch in ihrer alten Heimat, dem Fernsehen, wollte es anschließend nicht so richtig klappen. Was auch immer die Puppen anfassten, es wurde relativ schnell wieder eingestellt: Ob The Jim Henson Hour (1989), Muppets Tonight (1996/98) oder zuletzt The Muppets (2015), langlebig war nichts davon, das meiste schaffte es auch gar nicht mehr nach Deutschland, bevor der Stecker gezogen wurde. Nur einmal sollten sie noch einen Volltreffer landen: Muppet Babies. Doch mit der von 1984 bis 1990 laufenden Serie verabschiedeten sich die Macher gleich in mehrfacher Hinsicht von dem, was die Figuren einst so bekannt gemacht hatte. Nicht nur, dass die aus einer Sequenz in Die Muppets erobern Manhattan entstandene Sendung komplett auf Puppen verzichtete und stattdessen auf Zeichentrickgeschichten setzte, sie war zudem rein für Kinder konzipiert. Was sicher nicht unschuldig daran war, dass man später begann, sich stärker auf das jüngere Publikum zu konzentrieren.

Waldorf Statler Muppet Show

Dürfen in keiner Muppets-Geschichte fehlen: die ewig nörgelnden Alptraumsenioren und Hobbykritiker Waldorf und Statler

Verständlich war diese Fokusverschiebung ja, aber auch sehr schade. Denn der Reiz dieser Puppen war es eben immer gewesen, dass hier Dinge zusammen kamen, die nicht zusammen gehörten: harmlose Lieder und Metakommentare, skurrile Figuren aus einer anderen Welt und höchst irdische Alltagssorgen. Nicht ohne Grund rückten schon während der Muppet Show die Puppen selbst zunehmend in den Mittelpunkt, die Geschichten hinter der Bühne wurden ebenso wichtig wie die darauf. Und irgendwann, so ganz nebenbei, waren sie ein fester Bestandteil geworden, von dem eigenen Leben, der Kindheit. Kermit, der verzweifelt versucht, seine Show in all dem Chaos zusammenzuhalten. Die ihn ewig anhimmelnde Rampensau Miss Piggy. Fozzie, der wohl schlechteste Witzeerzähler und seine beiden Dauerkritiker Waldorf und Statler. Der schwedische Koch, der klavierspielende Hund Rowlf, das Schlagzeugjunkie-Biest, der schlaue Scooter, Gonzo, der verrückte Erfinder Bunsen und dessen vom Pech verfolgte Assistent Beaker … Es waren so viele Figuren, die da aus der Henson-Schmiede kamen, so einzigartige Figuren, dass man sie trotz ihrer später oft zweifelhaften Auftritte unmöglich je vergessen könnte.

Der Beweis: Als man die Muppets schon ganz abgeschrieben hatte, waren sie wieder da, landeten 2011 mit Die Muppets sowohl an den Kinokassen wie auch bei den Kritikern ein Comeback. Die Sehnsucht nach den anarchischen, unbändigen Handpuppen war groß, die Auftritte der Gaststars im dem schamlos nostalgischen Streifen so überwältigend, als wären sie nie weg gewesen. Und auch wenn der Nachfolger Muppets Most Wanted schon wieder distanzierter aufgenommen wurde, die grotesk hohe Zahl an Berühmtheiten, die dort auftritt, teils nur für wenige Sekunden, teils ohne namentlich genannt zu werden, die könnte ein normaler Mensch nicht bezahlen. Aber die Muppets waren ja nie Menschen, normal ohnehin nicht. Und das ist auch gut so.

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