(„Nie Yin Niang“ directed by Hsiao-hsien Hou, 2015)

The Assassin

„The Assassin“ läuft ab 30. Juni im Kino

Nach 13 Jahren der Abwesenheit kehrt im China des neunten Jahrhunderts Nie Yinniang (Shu Qi) in ihre alte Heimat zurück. Um ein freudiges Wiedersehen handelt es sich jedoch nicht, wurde die junge Dame in der langen Zeit doch zu einer Attentäterin ausgebildet und für einen Auftrag hierher geschickt. Und auch das designierte Opfer trägt dazu bei, dass Nies Rückkehr eine schwierige ist: Gouverneur Tian Jian (Chang Chen). Schließlich war der ihr einst selbst als Ehemann versprochen gewesen, bevor intrigante Machenschaften dem ein Ende bereiteten. Ganz erloschen sind ihre Gefühle jedoch bis heute nicht. Und so muss sich die Auftragsmörderin zwischen der ihr zugedachten Rolle und ihrem Herzen entscheiden.

Ein Martial-Arts-Film in deutschen Kinos? Das hatte die letzten Jahre Seltenheitswert. Sieht man einmal von Ip Man 3 ab, der als Teil einer erfolgreichen Reihe einen kleinen Sonderstatus hat, muss man ziemlich genau drei Jahre zurückgehen, um ein weiteres Beispiel zu finden: The Grandmaster. Mit diesem teilt The Assassin auch deutlich mehr Gemeinsamkeiten als der neueste Film der oft glorifizierten Biopic-Reihe. Zum einen weil hier kaum etwas glorifiziert wird, es viel um Abgründe und Verrat geht, zum anderen weil die Erzählung deutlich ruhiger ist, als wir es gemeinhin aus dem Wuxia-Bereich kennen.

Tatsächlich ist das neueste Werk des Taiwanesen Hsiao-hsien Hou, der hierfür 2015 als bester Regisseur in Cannes ausgezeichnet wurde, so ruhig, dass man nicht einmal wirklich sagen kann, ob es überhaupt noch Martial Arts ist. Schön anzusehen sind die Kämpfe sicherlich, aber recht selten und auch deutlich weniger spektakulär als in Genreklassikern wie Tiger & Dragon. Hier wird nicht durch die Luft geflogen, auf Bäumen getanzt oder Wände rauf und runter gerannt. Es wäre aber auch nicht angemessen, The Assassin deshalb als realistische und geerdete Variante der Fernostkämpfe anzusehen. Denn wenn es eines gibt, das den Film auszeichnet, dann ist es eben seine unwirkliche, fast märchenhafte Atmosphäre.

Das liegt in erster Linie an den unglaublichen Bildern, mithilfe derer Hou hier seine Geschichte erzählt. Weitläufige Landschaften, in denen die Menschen verlorengehen, dazu eine Farbpracht, als hätte jemand seinen gesamten Malkasten an die Leinwand geworfen. Ganz so überwältigend ist es innerhalb der Gebäude dann zwar nicht, die aufwändige Ausstattung und die historischen Kostüme beschäftigen das Auge dafür unentwegt – selbst dann wenn es das Geschehen an sich nicht tut.

Und das tut es fast nie. The Assassin gleicht oft eher einer Aneinanderreihung von Stillleben, weniger einem tatsächlichen Film. Das Tempo ist dabei sehr niedrig angesetzt, bis hier etwas passiert und die Handlung weiterläuft, das kann mitunter etwas dauern. Langweilig werden das die einen finden, meditativ die anderen. Insgesamt ist das Martial-Arts-Drama auch aufgrund der etwas vertrackt durch Rückblenden erzählten Geschichte recht unnahbar. Gerade die intriganten Zustände erschließen sich nur allmählich, sind komplexer, als es zunächst erscheint, aber nicht so komplex, dass sie einen derartigen Zugang gebraucht hätten. Aber um das Brauchen geht es hier ohnehin nicht, vielmehr um das Genießen, das Aufsichwirkenlassen. Wer das kann, sich in diesen kunstvoll komponierten Film hineinwirft und treiben lässt, der darf hier einiges finden, was die Geduld belohnt. Der Rest wird mit dem Angebot in der Videothek dann aber vielleicht doch glücklicher werden.

The Assassin
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The Assassin
„The Assassin“ ist nur wenig mit herkömmlichen Martial-Arts-Filmen vergleichbar, dafür sind die Kämpfe zu selten, Handlung und Tempo zu gering. Zusammen mit den kunstvollen, farbenprächtigen Bildern zaubert Hsiao-hsien Hou eine unwirkliche, teils meditative Atmosphäre auf die Leinwand, in der es sich zu verlieren gilt.
7von 10

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