(„We Are the Strange“ directed by M. dot Strange, 2007)

We Are the StrangeOb es die surrealen Landschaften in Der phantastische Planet und Gwen ou le livre de sable sind, der durchgedrehte Humor von Samurai Flamenco, das futuristische Aeon Flux oder auch die wahnwitzigen Stilmischungen in Mind Game, unser fortlaufendes Animationsspecial hat schon so manches seltsame Beispiel aufgetrieben. Doch so abgefahren wie bei Teil 73 wurde es noch nie – was dann auch schon der Titel verrät.

„Once Upon a Time there was a game that nobody ever played sitting on the floor of a backroom of an empty arcade. The game was full of life and strife, megamonsters and robot fights. ‘We Are the Strange’ was the title. Now meet the players.”

Die Wahl war gefallen, auf eine Figur, die es nicht besonders mochte, mit anderen zu interagieren, und die auch keine besonderen Fähigkeiten hatte. Man nannte sie Kamera. Dafür konnte sie gut beobachten, was auch immer um sie herum passierte, wem auch immer sie begegnete. Und das waren einige. Das wäre zum einen Blue, die an einer seltenen Krankheit litt, aber auch eMMM, eine kaputte Puppe, deren größten Traum es war, einmal Eiscreme zu kaufen. Doch das war alles andere als einfach, wie die beiden feststellten, als sie gemeinsam durch die Welt von „We Are the Strange“ reisten, eine finstere Welt, bevölkert von vielen bösartigen Kreaturen. Aber auch einem mutigen Helden.

Wer sich an der Stelle verlegen den Kopf kratzt, sollte sich gut überlegen, ob er We Are the Strange einen Besuch abstattet, dessen einziges nachvollziehbares Element der Titel ist. Denn eines der Ziele des Avantgarde-Animationskünstlers M. dot Strange bei seinem Langfilmdebüt war es wohl, der Welt zu beweisen, wie ernst er seinen Künstlernamen nimmt. Was nicht heißen soll, dass Blues und eMMMs Abenteuer in irgendeiner Form einen ernsten Inhalt haben. Das haben sie nicht. Man darf sich vielmehr fragen, ob sie überhaupt einen Inhalt haben. Sie streifen durch die Welt, größtenteils wortlos, sehen seltsame Wesen, wir werden Zeuge von Kämpfen, irgendwann ist alles vorbei.

Dünn? Ja. Langweilig? Das vielleicht auch, je nachdem, wie empfänglich man für surreale Bilderwelten und unheimliche Stimmungen ist. Denn das ist der Bereich, der We Are the Strange bei aller Konfusion zu einer sehenswerten Erfahrung macht. Anstatt eine kohärente Geschichte zu erzählen, kombiniert der amerikanische Film verschiedene konträre Animationstechniken – Computergrafiken und Stop-Motion – zu einer simplen, gleichzeitig aber berauschenden Märchenwelt. Nur dass es eben nicht die freudestrahlenden happily-ever-after-Märchen sind, sondern deren böse Verwandten, in der Blau bereits die freundlichste aller Farben sind.

Ein wenig erinnert We Are the Strange an die sehr experimentellen Musikvideos, die einst auf Musikfernsehsendern spät in der Nacht gezeigt wurden, als kein normaler Zuschauer mehr verschreckt werden konnte, und in denen man sich komplett verlieren konnte. Nur dass der bizarre Trip hier nicht nur ein paar Minuten, sondern knapp anderthalb Stunden andauert. Musik spielt auch hier eine große Rolle, changiert zwischen traurig und bedrohlich, besteht manchmal auch nur aus 8-Bit-Computerspiel-Retroklängen. Allgemein scheint Strange eine große Vorliebe für diese virtuellen Welten zu haben, vieles hier ist nicht zufällig den alten Zeitfressern nachempfunden, als einfache Pixelmännchen durch fremde Welten stapften und die „Geschichte“ aus ein paar Zeilen und übertriebenen Dialogen bestand. Wer sich diesen verbunden fühlt oder allgemein eine Vorliebe für das Experimentelle hat, sollte hier auf jeden Fall einmal reinschauen – zumal M. dot Strange seinen kompletten Film alternativ zur DVD auch auf YouTube hochgeladen hat. Denn auch wenn das Ergebnis zweifelsfrei billig wirkt und kompletter Unsinn ist, es steckt so voller Charme und befremdlichen Elementen, dass so mancher fasziniert auf den Bildschirm starren und dabei komplett die Außenwelt vergessen wird.



(Anzeige)

We Are the Strange
3.87 (77.39%) 23 Artikel bewerten

We Are the Strange
„We Are the Strange“ hat keine Geschichte zu erzählen und keine schönen Bilder zu zeigen. Dennoch ist der experimentelle Animationsfilm eine sehr ungewöhnliche Erfahrung, ein bizarrer von elektronischer Musik begleiteter Bilderrausch um kaputte Figuren, bedrohliche Kreaturen und eine Welt, die noch nie jemand betreten hat.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.