(„The Turn of the Screw“ directed by Tim Fywell, 2009)

Schloss des Schreckens 2009Kurz nach dem Ersten Weltkrieg sucht die schüchterne Ann (Michelle Dockery) eine Stelle als Gouvernante. Tatsächlich wird sie dabei fündig und darf sich von nun an im Auftrag von deren Onkel um die Waisenkinder Flora (Eva Sayer) und Miles (Josef Lindsay) kümmern. Zunächst ist sie hingerissen von dem schlossähnlichen Landgut Bly und den beiden Kindern, von dem warmen Empfang. Doch in Folge ereignen sich seltsame Dinge, immer wieder sieht Ann einen fremden Mann auf dem Grundstück. Aber auch Miles’ Schulverweis liegt ihr schwer auf der Seele.

Hollywood und seine Horrorremakes – seitdem die Traumfabrik entdeckt hat, dass mit Neuauflagen schrecklicher Klassiker richtig viel Geld zu machen ist, wird im Archiv geplündert, wie es nur geht. Meist mit bescheidenem Ergebnis. Ob Evil Dead, Carrie oder Poltergeist, nötig gewesen wäre nichts davon. Und das gilt dann auch für Schloss des Schreckens, das wie der gleichnamige Film von 1961 auf der Novelle „The Turn of the Screw“ von Henry James beruht, die 1898 das erste Mal erschien.

Dabei sind die Voraussetzungen nicht die schlechtesten: Anders als die obigen Beispiele ist Schloss des Schreckens bei keinem großen Studio entstanden, sondern eine BBC-Produktion. Und wenn es jemanden gibt, der etwas von der Adaption historischer Stoffe versteht, dann ja wohl der britische Fernsehsender. Wie zu erwarten war, ist die Ausstattung dann auch mal wieder makellos, ob es nun das Landhaus ist oder die Kostüme, hier gibt es wahnsinnig viel zu sehen. Doch das ist gleichzeitig symptomatisch für die weniger lobenswerte Neigung zum Pomp: Regisseur Tim Fywell wollte überwältigen. Was er auch tut, mit großen Bildern, großer Musik, bis man sich von dem Film erschlagen fühlt. Und das ist bei einem Grusler keine besonders gute Idee.

Die Novelle von James lebte auch davon, dass man sich nie sicher sein konnte, ob das Beschriebene real ist, denn die Geschichte wurde exklusiv aus dem Blickwinkel der zwischenzeitlich verstorbenen Gouvernante erzählt. Das ist bei einem Film natürlich schwierig umzusetzen, man versuchte es auch gar nicht. Stattdessen wurden weitere Figuren hinzugefügt, unter anderem die des überflüssigen Psychiaters der Rahmenhandlung, die ebenfalls alle Zeugen der Ereignisse werden. Zu guter Letzt war man hier wohl der Ansicht, dass Andeutungen und Selbstzweifel nicht genug Stoff für ein heutiges Publikum liefern, also baute man Stellen ein, die mehr an Der Exorzist erinnern, dazu noch irritierende Sexszenen und –fantasien sowie exzessive Flashbacks, die aber kaum von der Gegenwart zu unterscheiden sind.

Spannend ist das Ergebnis leider weniger, dafür wurde hier einfach zu oft mit dem Holzhammer gearbeitet, jede Spur von subtilem Grauen von einer höchst dramatischen Musik zu Tode geprügelt. Und sehr viel Abwechslung bietet der Film auch nicht, alle vermeintlich unheimlichen Momenten funktionieren nach demselbem Schema. Das ist schade, der guten Darstellungen der erwachsenen Schauspieler wegen (die der Kinder sind weniger ruhmreich), der stimmungsvollen Vorlage und eben auch besagter toller Ausstattung. Wer Geistergeschichten gerne etwas expliziter mag, wird das eventuell sogar mögen, durchschnittlich ist Schloss des Schreckens immerhin. Aber eben auch ein Beispiel für die oft bemühte These, dass weniger manchmal mehr wäre.



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Schloss des Schreckens (2009)
Die Neuverfilmung des Horrorklassikers ist, wie man es von der BBC gewohnt ist, opulent ausgestattet. Zu sehen gibt es bei „Schloss des Schreckens“ also genug, dafür aber nur wenig zu fürchten. Insgesamt mangelt es an Abwechslung und Subtilität, der Film ist am Ende ein gerade mal durchschnittlicher Grusler.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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