(„Red Army“ directed by Gabe Polsky, 2014)

Red ArmyZur Zeit des kalten Krieges legte die sowjetische Regierung einen großen Wert auf Eishockey. So diente diese Sportart nicht nur als Mittel der Propaganda, sondern auch als Fingerzeig in Richtung USA. Konnte man doch aufgrund der sportlichen Leistung zeigen, dass man dem Westen überlegen ist, und dass diese Tatsache auf das sowjetische System zurückzuführen ist. Die Methoden, die diesen Erfolgen vorausgingen, sind allerdings mehr als fragwürdig. 11 Monate Trainingslager mit vier mal täglichem Trainieren und nur 36 Tage Urlaub im Jahr (bezogen auf eine Sieben-Tage-Woche, da an Wochenenden ebenfalls trainiert wurde). Ein Spieler, der diese Tortur über sich ergehen ließ ist Wjatscheslaw „Slava“ Fetissow. Zusammen mit seinem damaligen besten Freund Alexej Kassatonow und den drei Offensivspielern Sergej Makarow, Igor Larionow und Wladimir Krutow bildete er einen der besten und legendärsten Fünferblöcke in der Geschichte des Eishockeys.

Zusammen spielten sie beim HK ZSKA Moskau und in der Nationalmannschaft und gewannen unzählige Titel. Als 1989 der eiserne Vorhang verschwand wurde das Team auseinandergerissen. Sie alle wechselten in die National Hockey League, die stärkste Eishockeyliga der Welt. Doch anfangs konnten sie sich an den neuen Spielstil kaum gewöhnen und ihre Leistungen nicht abrufen. Dies führte zu noch mehr Missmut bei den Fans, die es ohnehin nicht so gerne sahen, dass Spieler aus der Sowjetunion in den Reihen ihres Teams spielten. So hatte es die sowjetische Exportware (in der Heimat wurden die Spieler von der Regierung als solche gesehen) gleich doppelt schwer. Sie mussten sich in der neuen Heimat zurecht zu finden, zumal sie in ihrer wirklichen Heimat nun nicht mehr gerne gesehen waren. Für einige hat sich der Wechsel nach Nordamerika gelohnt, andere haben Leergeld gezahlt. Doch egal wie erfolgreich einzelne Spieler im Ausland gespielt haben, ihre spielerisch beste Zeit hatten sie alle beim ZSKA Moskau und in der sowjetischen Nationalmannschaft.

Sportdokumentationen oder im generellen Filme über eine bestimmte Sportart haben es selten leicht. Sind sie doch meistens zu sehr auf eine Sportart zugeschnitten, sodass sie nur eine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Gerade in Deutschland ist die Zielgruppe noch kleiner, wenn es sich bei der thematisierten Sportart um eine handelt, die in den USA sehr populär ist, wie beispielsweise Football, Baseball oder eben Eishockey (wobei die Letztgenannte in Deutschland weitaus mehr Fans anzieht, als die beiden zuvor genannten Sportarten). Da trifft es sich doch gut, dass Red Army keine reine Sportdokumentation ist, sondern den Sport gekonnt mit einigen daran gebundenen Einzelschicksalen verbindet, sodass nahezu nie Eintönigkeit oder gar Langeweile aufkommt. Ein etwas tieferer Blick in die damalige sowjetische Politik wäre allerdings auch nicht gerade uninteressant gewesen. So kratzt Gabe Polsky mit seiner Doku in dieser Hinsicht an der Oberfläche und wirft ab und zu einen kurzen Blick darunter, aber mehr auch nicht. Völlig neue Erkenntnisse aus dem Bereich Politik bekommt man hier also nicht serviert, dafür ist der Blick hinter die Kulissen des Eishockeys in der Sowjetunion umso interessanter.

Man wird bereits Zeuge bei der „Auslese“ von Kleinkindern, die mit ihren Eltern teils stundenlang anstanden, um beim Sichtungstraining des lokalen Eishockeyvereins teilzunehmen. Wenn man sich nicht sehr viel mit dieser Sportart beschäftigt erscheinen einem die Trainingsmethoden ein wenig merkwürdig. Ebenso der Einfluss, den Schach und Ballett auf das sowjetische Spiel hatten. Anatoli Tarassow, langjähriger Trainer des ZSKA Moskau, war Fan dieser beiden Sportarten, und ließ gewisse Eigenschaften dieser in das Eishockeyspiel seiner Mannschaft einfließen. Er legte den Grundstein für die späteren Erfolge der Sbornaja. Doch egal wie merkwürdig diese Methoden aussehen, der Erfolg gibt bekanntlich Recht, und so sollte man die damaligen Trainingsmethoden eigentlich nicht in Frage stellen. Doch wie weit darf man für den Erfolg gehen und wie weit darf man seine Spieler treiben? Wenn man hört, was ehemalige sowjetische Spieler berichten, wenn sie über das damalige Training berichten, dann kann einem schon mal etwas anders werden. Das Streben nach Erfolg sollte letztlich nicht über dem Wohl der Spieler stehen. So kommt es, dass man als Zuschauer hin und hergerissen ist. Auf der einen Seite bewundert man die Art, wie die Osteuropäer Eishockey zelebrieren, auf der anderen Seite sieht man diese Szenen mit gemischten Gefühlen, weil man weiß, mit welchen Mitteln die ganzen Triumphe erreicht oder gar erzwungen wurden.

Gespickt ist diese Dokumentationen zum Einen mit vielen Archivaufnahmen, die die sowjetische Auswahl in Aktion zeigt. Die archaische Videoqualität, aus der die Spielszenen bestehen, verleiht Red Army dabei einen gewissen Charme, der nach außen hin zwar nicht recht zu dieser Dokumentation passen will, nach innen hin diese aber auf gelungene Art und Weise abrundet. Zum Anderen hat Polsky zum Teil sehr ausführliche Interviews mit Fetissow, Kassatonow und Krutow geführt, die die damaligen Ereignisse aus ihrer Sicht schildern. Wenn die Handlung später in die USA verlagert wird, verliert sich die Spur von Fetissows Mitspielern leider größtenteils. Sie werden hier lediglich noch erwähnt, wenn sie Fetissows Weg in der NHL kreuzen. Gewiss, der Weg von Slava Fetissow, vom Supertalent  zum Weltstar und zum politischen Feind im eigenen Lande, wird hier im Besonderen beleuchtet, und so ist es natürlich klar, dass hier sein Werdegang verfolgt wird, doch ein par Sätze mehr zu seinen Mitspielern wären durchaus interessant gewesen.



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Red Army – Legenden auf dem Eis
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Red Army - Legenden auf dem Eis
Red Army ist eine gut recherchierte und aufschlussreiche Dokumentation, die sich mit dem Schicksal einiger großer sowjetischer Eishockeyspieler zur Zeit des kalten Krieges beschäftigt.
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