(„The Immigrant“ directed by James Gray, 2013)

Immigrant

„The Immigrant“ erscheint am 30. Januar auf DVD und Blu-ray

1921 sind die Nachwehen des Ersten Weltkriegs noch deutlich in Europa zu spüren. Um der Armut in Polen zu entkommen, treten die Schwestern Ewa (Marion Cotillard) und Magda Cybulski (Angela Sarafyan) die beschwerliche Reise nach Amerika an, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch schon bei der Ankunft kommt alles anders: Magda wird aufgrund ihrer Lungenerkrankung in Quarantäne gesteckt und muss die Ausweisung befürchten, Ewa steht plötzlich allein und ohne Geld da. Hoffnung schöpft sie, als sie den charmanten Bruno (Joaquin Phoenix) kennenlernt. Der gibt ihr eine Dach über den Kopf, drängt sie dafür aber auch als Tänzerin auf die Bühne, später sogar in die Prostitution. Erst als Brunos Cousin Emil (Jeremy Renner) in ihr Leben tritt, bietet sich ihr ein Ausweg aus der Misere.

Der Film selbst war in Cannes für eine Goldene Palme nominiert, die US-Kritiker waren begeistert, das Darstellertrio besteht aus hochkarätigen Schauspielern, die entweder schon einen Oscar in den Händen halten durften (Cotillard) oder zumindest mehrfach dafür nominiert wurden (Phoenix, Renner) – angesichts dieser Voraussetzungen verwundert es schon ein wenig, dass The Immigrant hierzulande kaum Beachtung fand, fast schon verschämt direkt auf DVD seinen Weg nach Deutschland findet. Ob es am Thema lag? Oder vielleicht doch auch an der Qualität? Vermutlich an beidem ein bisschen.

Der Neuanfang auf einem fremden, freien Kontinent, die Sehnsucht nach dem amerikanischen Traum – das sind natürlich Dinge, die jenseits des Atlantiks eine deutlich größere emotionale Zugkraft haben als in Europa. Dass Regisseur und Drehbuchautor James Gray hier Erfahrungen seiner Großeltern verarbeitete, die selbst in den 20ern in die USA auswanderten, ist spürbar, sicher auch legitim. Fehlt jedoch dieser persönliche Zugang, bleibt erstaunlich wenig von The Immigrant zurück. Das ist zum einen der Geschichte geschuldet, die in knapp zwei Stunden nur wenig zu erzählen hat, vor allem aber auch den uninteressanten, kaum sympathischen Figuren. Der hier ungewohnt verspielte Renner bringt etwas Farbe ins Geschehen, Cotillard und Phoenix können in dem engen Korsett ihrer Rollen jedoch nur wenig von ihrer eigentlichen Klasse zeigen.

Dabei muss man dem Film auch einiges zugutehalten, etwa dass der amerikanische Traum hier sehr viel weniger erstrahlt, als man hätte annehmen dürfen. Ob es die Bewohner sind, die Behörden bei der Einreise, Polizisten – im vermeintlich freien Land ist jeder korrupt, Familienbande zählen kaum etwas, gut ist, was einem selbst nutzt. Ebenfalls positiv ist, dass man die Herkunft von Ewa nicht unter den Tisch fallen ließ. So darf Cotillard als Exil-Polin ihr Sprachtalent zeigen, der gelegentliche Wechsel ins Polnische erhöht zusammen mit dem entsprechend Akzent, wenn sie Englisch spricht, sehr effektiv die Authentizität von The Immigrant. Gleiches gilt für Kostüme und Ausstattung: Eingebettet in stimmungsvolle Sepia-Bilder nehmen sie uns mit zurück ins New York der 1920er.

Doch ähnlich wie bei Blood Ties unlängst, an dessen Drehbuch Gray mitgeschrieben hatte, verlässt man sich zu sehr auf das Drumherum und die hochkarätige Besetzung und vergisst darüber hinaus, die Geschichte mit Leben zu füllen. Wenn zum Schluss plötzlich nicht nur optisch an vergangene Zeiten erinnert wird, sondern auch übertrieben melodramatische Elemente von einst ihren Weg in die Handlung finden, hilft das auch nicht besonders, mit den Figuren wie beabsichtigt zu leiden. Was bleibt ist ein schön bebilderter Historienfilm, der aber nicht ansatzweise sein Potenzial ausnutzt.



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The Immigrant
4 (80%) 8 Artikel bewerten

The Immigrant
Endlich frei? Nicht in „The Immigrant“. Der amerikanische Traum wird hier kräftig beschmutzt, wenn eine Exil-Polin an der Korruption und Selbstsucht anderer scheitert und in die Prostitution abrutscht. Doch der gute Ansatz, die schönen Bilder und die erstklassige Besetzung können nicht über die leblose Geschichte und die langweiligen Figuren hinwegtäuschen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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