(„Par où t’es rentré? On t’a pas vu sortir“, directed by Philippe Clair, 1984)

Über der Wohnung turnt eine Armee vollschlanker Frauen mittleren Alters. Die Möbelstücke wackeln, als wäre es ein Erdbeben. Jerry Lewis hat als Privatdetektiv gerade Besuch, als seiner neuen Klientin aufgrund der Erschütterungen der Busen aus der Bluse rutscht. Wir befinden uns hier mitten in einem der furchterregendsten Dinge, welche die Filmgeschichte jemals hervorgebracht hat. Etwas, das derart grauenhaft ist, dass es mit keinem noch so heftigen Adjektiv genügend beschrieben werden kann. Eine schallende Ohrfeige für jeden Freund der Filmkunst, ein Ejakulat aus Zelluloid, das einem das Blut in den Adern gefrieren und Ed Woods Plan 9 from Outer Space aussehen lässt wie Citizen Kane. Etwas, das so schrecklich ist, dass es für Sisyphos einfacher war, den Stein zum Berg hinaufzurollen, als die Daseinsberechtigung dieses Werks zu erklären.

Wirft man jedoch einen Blick in die Filmographie des Regisseurs Philippe Clair, scheint es sich hierbei jedoch noch um einen seiner besten „Filme“ zu handeln, eine Bezeichnung, die einen lauthals loslachen lässt. Für Jerry Lewis war es der endgültige Tod für seine Filmkarriere als Komiker. Verzweifelt hatte er versucht, etwas Geld zu machen und da in Amerika niemand mehr seine Ergüsse sehen wollte, ging er nach Frankreich, wo er sich zu jener Zeit noch großer Beliebtheit erfreute. In seinem Vertrag ließ er festlegen, dass dieser Film niemals in den Vereinigten Staaten herausgebracht werden dürfte – aus Hass gegenüber diesem Land, das ihn – seiner Meinung nach – nicht wertschätzte. Amerika ist Jerry Lewis dafür zu Dank verpflichtet.

Clovis Blaireau (Lewis) wohnt noch bei seiner Mutter (Lewis war zur Entstehungszeit fast 60 Jahre alt). Er betreibt eine Detektivagentur, die jedes Mal beinahe auseinanderfällt, wenn seine Mutter über der Wohnung Gymnastik betreibt, als eine Klientin an die Tür klopft. Es ist Nadège (Marthe Villalonga), die Frau von Prosper (Philippe Clair), die ihren Mann des Ehebruchs verdächtigt und Beweisfotos in Auftrag geben will, sodass sie sich von ihm scheiden lassen kann und Geld zugesprochen bekommt. Wie sich später herausstellt, ist ihr Ehemann trotz zahlreicher Streitereien in der Ehe nach wie vor treu und Nadège hält sich selber einen Geliebten. Verzweifelt versucht Clovis, ein Beweisfoto zu schießen, aus dem ersichtlich wird, dass Prosper fremdgeht. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht, da der Privatdetektiv viel zu tollpatschig ist, als dass ihm irgendetwas gelingen könnte, auch wenn er es schafft, den Ehemann in die Arme fremder Frauen zu treiben. Dies wird mit der Zeit immer leichter, denn die beiden Männer haben sich während eines Verkehrsunfalls angefreundet.

Leider kann auch eine fröhliche Nacht in einer Disco nicht über das Problem Prospers hinwegtäuschen, denn dessen Firma ist bankrott. Da kommt es auch nicht gerade Recht, dass der Liebhaber seiner Frau ihm nach dem Leben trachtet. Nur mit Glück können Prosper und Clovis dem Kugelhagel im Büro entkommen und sich vor einer explodierenden Halle retten. Da die Halle im Besitz von Prosper war, fängt die Polizei an zu glauben, dass der Besitzer selber für die Explosion verantwortlich ist, um die Versicherungssumme zu kassieren. Der Polizei können Clovis und Prosper nur entkommen, weil sie rechtzeitig die Taste gedrückt haben, mit der sie Menschen einfrieren lassen können (alles klar?). So schmuggeln sie sich unbemerkt auf ein Flugzeug mit einem ihnen unbekannten Bestimmungsort. Sehr zur Überraschung der beiden Flüchtlinge landen sie schließlich in Tunis (einer der Produzenten war Tunesier und wollte sein Heimatland in einem Film unterbringen). Dort werden sie jedoch für Mafiosi gehalten und befinden sich bald in noch größerer Bedrängnis als sie es sich jemals erträumt hätten.

Jerry, der Privatdetektiv sieht aus wie das Werk eines Erstklässlers, der mit seiner billigen Handkamera, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, durch sein Wohnviertel zieht. Es ist nicht nur der Humor eines Erstklässlers, wenn Jerry Lewis mit seinem Auto direkt auf das Fahrzeug von Prosper zufährt, weil er diesen nicht entwischen lassen will und sein PKW daraufhin in die kleinsten Einzelteile zerfällt. Es ist auch das filmische Talent eines Erstklässlers, denn Philippe Clair hat keinerlei Ahnung von einem Fokus, wenn er die Kamera wahl- und ziellos im Raum aufstellt, unabhängig davon ob sich die Protagonisten links am Rand, rechts, in der Mitte oder überhaupt nicht im Bild befinden. Ihm fehlt nicht nur jegliches Timing für die Witze, die er abzufeuern versucht, sondern er scheitert von vorneherein an der Platt- und Abgegriffenheit eben jener. Gibt es noch jemanden, der auch nach 35 Jahren über einen Jerry Lewis lachen kann, der in seiner Rolle als begriffsstutziger Vollidiot eine Automatiktür putzen will, diese aber sich stets wieder öffnet, wenn er sich ihr nähert, sodass eine Wäsche völlig unmöglich wird?

In dieser Art und Weise, wie Philippe Clair seinen Hauptdarsteller in Szene setzt, hätte es auch in den 50er Jahren – der besten Periode im Schaffen von Lewis – nicht funktioniert, doch hier wird man Zeuge eines fast 60jährigen Mannes, der sich selber zum Clown macht, indem er über 30 Jahre alte Witze neu aufzuwärmen versucht und lediglich demonstriert, wie wenig er sich weiterentwickelt hat. In all diesen Szenen, die genug Anlass zum Fremdschämen geben, stört es auch nicht, dass Philippe Clair sich nicht einmal Mühe gab, eine stringente Geschichte zu erzählen, denn Jerry, der Privatdetektiv verfügt lediglich über einen Vorwand als Story, der nur dazu dient, diverse „komische“ Szenen einzubauen. So ist es völlig unwichtig, weshalb sich der Privatdetektiv auf einer noblen Party aufhält, denn es ist von vorneherein klar: er ist da, um die Gesellschaft durcheinanderzubringen und als Partyschreck möglichst alle Gegenstände kaputt zu machen. Die Witze sind dabei von derartiger naiver Infantilität, dass das Zusehen derart schmerzt, als würde man einer Sonnenfinsternis mit weit geöffneten Augen ohne Schutz beiwohnen. Auf diese Weise bricht der Film nahezu in jeder Szene völlig auseinander, sodass es keinen Unterschied machen würde, sich das Werk rückwärts anzuschauen. Clovis, der Privatdetektiv (bzw. Jerry, obwohl der Detektiv wie erwähnt im Film Clovis heißt. Aber gut, der französische Titel ist auch nicht intelligenter, heißt er doch übersetzt: „Wie bist du hereingekommen? Wir haben dich nicht gehen sehen“ was nun genauso viel mit der Handlung zu tun hat wie die Wörter „gut“ oder „gelungen“ mit dem ganzen Film) ist auch nur in der ersten Hälfte Privatdetektiv, ehe dieses Werk eine andere Richtung einschlägt und sich zu einer abenteuerlichen Odyssee in Tunis entwickelt, was mit dem ersten Teil wiederum überhaupt nichts zu tun hat. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wurde Jerry Lewis im französischen Film mit einem breiten Slang nachsychronisiert. Weder passen Stimme, noch Lippenbewegungen zu den platten Äußerungen des Ermittlers, der in erster Linie untersuchen sollte, wie er in einem solchen Film mitspielen konnte, ohne auf Schmerzensgeld von Zuschauern verklagt worden zu sein. Jerry der Privatdetektiv ist platt, schrill, laut, schmutzig, vulgär und schlicht zu schlecht, um es zu glauben.

Anmerkung: Der Film ist bislang (Stand: April 2011) noch nicht auf DVD erschienen.

Jerry, der Privatdetektiv
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Jerry, der Privatdetektiv
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Über den Autor

Eine Antwort

  1. Frank

    Das klingt wirklich gut, ich glaub das ist genau meine Art von Humor, auch wenn ich vorher noch nie was von dem Film gehört habe. Detektivfilme neigen ohnehin meistens dazu, eine bestimmte Art von Humor zu vermitteln, wie nicht viele andere Filme es können.

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