(Un Prophete directed by Jacques Audiard, 2009)

Der Drehbuchautor und Regisseur von Ein Prophet ist auch hierzulande längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit Genrefilmen wie Lippenbekenntnisse (2001) oder Der wilde Schlag meines Herzens (2005) hat sich Jacques Audiard inzwischen als einer der wichtigsten französischen Filmemacher etabliert. Mit seinem epischen Gefängnisdrama Ein Prophet, der auf der ursprünglichen Idee von Abdel Raouf Dafri und Nicolas Peufaillit basiert, hat er sich nun endgültig international einen Namen gemacht, was nicht zuletzt und völlig zu Recht durch Auszeichnungen wie die Oscar-Nominierung für den Besten fremdsprachigen Film und den Großen Preis der Jury in Cannes bestätigt wird. Denn mit seinem Film über einen jungen arabischstämmigen Gefängnisinsassen zeichnet Audiard ein authentischer wirkendes Gefängnisbild als die zahlreichen Vorbilder aus Hollywood.

Der Malik El Djebena (Tahar Rahim) ist Analphabet, als er zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Im Gefängnis ist der Franzose maghrebinischer Abstammung als 18-jähriger ganz auf sich allein gestellt. Der Clan-Chef der herrschenden korsischen Knast-Mafia, César Luciani (Niels Arestrup), zwingt Malik dazu einen Auftragsmord an Reyeb (Hichem Yacoubi) durchzuführen. El Djebena lernt schnell und passt sich den rauhen Verhätnissen im Gefängnisleben an, wodurch er das Vertrauen der Korsen gewinnt. Gleichzeitig beginnt er in die eigene Tasche wirtschaften, indem er sich seinen eigenen Drogenring aufbaut.

Ein Prophet ist ein sehr intensives Häftlingsdrama, das den Zuschauer von Beginn an fesselt und fortan 150 Minuten voll in Beschlag nimmt. Allein die Spannung, die sich bis zum Auftragsmord aufbaut ist kaum auszuhalten. El Djebena verzweifeltes Ringen erinnert dabei stark an die psychologische Schilderung von Rodion Raskolnikow aus Fjodor Dostojewskis philosophischen Kriminalroman Schuld und Sühne (1866), wobei der brillant spielende Rahim den inneren Kämpfen (auch) eine äußere Form verleiht. Überhaupt kann man nicht umhin diesen Schauspieler in den blanken Himmel zu loben, weil er es schafft der Figur eine Vielzahl von Facetten zu verleihen, ihrer inneren und äußeren Entwicklung Ausdruck zu geben und damit den Film maßgeblich zu tragen. Für seine Rolle hat neben der obligatorischen Recherche – Bücher über Gefängnisse – sogar eine Nacht in einer Zelle geschlafen.

Natürlich ist es in erster Linie aber auch Audiards Verdienst, als Regisseur und Drehbuchautor, dass das dicht erzählte, epische Drama derart begeistert. Er unterteilt den Film in mehrere Kapitel, die mit Zeitsprüngen verbunden sind und eine Episode enthalten. Diese Erzähltechnik erinnert stark an Quentin Tarantino oder Guy Ritchie, obgleich er sonst nichts mit ihnen gemeinsam hat. Denn mit harten Actionszenen geht Audiard behutsam zu Werke – dann aber mit aller Heftigkeit. Darüber hinaus verwebt Audiard ein surrealistisches Netz aus Traumsequenzen oder anderen überwirklichen Elementen. Der harte Gefängnisfilm bekommt auf diese Weise eine künstlerische Nuance, die in vergleichbaren Hollywoodproduktionen oft vermisst werden.

Mit dem Einsatz von Filmmusik (von Alexandre Desplat) hält sich Audiard angenehm zurück. Wenn es dann doch zu musikalischen Untermalungen kommt ist sie unaufdringlich und stimmungsvoll. Dafür kann die Leistung der (Hand-)Kamera von Stéphane Fontaine nicht hoch genug eingeschätzt werden, der grandiose Einstellungen und realistisch wirkende Perspektiven liefert. Auch die schauspielerischen Leistungen abgesehen vom Hauptdarsteller können allesamt überzeugen. Erwähnenswert ist vor allem die Darstellung von Arestrup, der wie eine hochexplosive Kröte wirkt, wenn er den skrupellosen und mächtigen Mafiaboss zum Besten gibt.

Audiard ist ein authentisch wirkendes Gangster-Epos und Sozialdrama gelungen, das mitunter die Schwächen des Justizsystems offenlegt: Denn erst durch die Haftstrafe wird der kleinkriminelle El Djebena zum ausgefuchsten und mit allen Wassern gewaschenen Gangster. Auch ein Verweis auf die aktuelle französische Innenpolitik von Nicolas Sarkozy kommt ganz nebenbei in die Handlung. Auch wenn der ganz große philosophische Tiefgang ausbleibt, liefert Ein Prophet eine meisterliche Charakter- und Milieustudie. Ganz großes (europäisches) Kino.

Die Handkamerabilder kommen auf der DVD-Disc leicht grobkörnig und blass daher, was aber als künstlerisches Stilmittel bewusst eingesetzt wurde, um das Dargestellte authentischer zu gestalten. Der Sound klingt lebendig, wird akzentuiert eingesetzt und erzeugt eine angenehme räumliche Atmosphäre. Das Bonusmaterial enthält neben dem obligatorischen Audiokommentar außerdem noch entfallene Szenen und kurze Making-Of-Clips.

Ein Prophet
4.08 (81.54%) 13 Artikel bewerten

Über den Autor

8 Responses

  1. Ijon Tichy

    Als Kinofilm hatte ich ihn leider völlig verpasst. Mir ist er zum ersten Mal bei den Filmfestspielen von Cannes über den Weg gelaufen.

    Er wird von der Filmkritik oft in einem Atemzug mit Hollywood-Gangsterfilmen wie „Goodfellas“ genannt, wobei das meiner Meinung nach nur in Bezug auf die epische Dichte zutrifft.

    Denn ansonsten ähnelt er aufgrund seiner realistischen Optik und authentischeren Herangehensweise mehr dem Gefängnisdrama „Hunger“ von Steve McQueen (den ich hier ja auch schon besprochen habe).

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  2. Candide

    Grandioser Film, der seinen hohen Erwartungen vollkommen gerecht wurde!

    Audiard gelingt ohne größere Probleme der Spagat zwischen Unterhaltungsfilm und ernsthafter Milieustudie die, wie Du ja auch schreibst, durchaus kritische Blicke in Richtung französische (aber nicht nur) Innenpolitik erlaubt.
    Tahar Rahim spielt, man kann es wirklich nicht oft genug festhalten, überragend. Besonders toll an seiner Figur fand ich die Tatsache, dass sie sich im Sumpf der Klischees nicht in eine Schublade stecken lässt.
    Ist er Franzose oder ist er Maghrebiner, womöglich gar Korse? Welcher Konfession gehört er an, schließlich muss er dies ja als „Araber“.
    Für die anderen Charaktere im Film stellt diese Ungewissheit ein Problem dar, was aber letztendlich nur die Denkweise und Unsicherheit unserer modernen und aufgeklärten Angstgesellschaft widerspiegelt.

    Mit Goodfellas würde ich diesen Film nie und nimmer vergleichen. Ein Prophet fokussiert auf ganz andere Thematiken, spielt fast ausschließlich in einem Gefängnis und lässt die Gangsterwelt nicht wie bei Scorsese „cool“ wirken, sondern appelliert dem Zuschauer darüber zu reflektieren was da eigentlich schief läuft. Kurzum, er geht näher weil er realitätsnäher ist.
    Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Goodfellas, sehr sogar, aber wenn es ein Vergleich sein muss, dann fällt mir als erstes Papillon, ebenfalls mit McQueen, ein.

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    • Ijon Tichy

      Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Goodfellas, sehr sogar, aber wenn es ein Vergleich sein muss, dann fällt mir als erstes Papillon, ebenfalls mit McQueen, ein.

      Meine Rede 😉 Es werden in diesem Zusammenhang selbst Filme wie „Scarface“, „Carlito’s Way“ oder sogar „Der Pate“ erwähnt.

      Übrigens ist der Regiedebütant Steve McQueen aus „Hunger“ nicht derselbe Schauspieler aus „Papillon“. Umso witziger aber die Parallele 😉

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  3. C.H.

    Auf den bin ich auch noch gespannt. PS: Ich weiß ja nicht, seit wann ihr hier Absätze in Form von Leerzeilen in euren Reviews einsetzt, aber unbedingt dabei bleiben. Macht das Lesen deutlich angenehmer. 😉

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  4. Candide

    @Ijon Tichy. Hehe, das hab ich jetzt ehrlich gesagt gar nicht so mitbekommen. Nach der Hughes-Wachowski-Verwechslung hatte ich den aber eh bei Dir gut 😉

    @C.H.: Auch wenn es nicht meine Besprechung ist: danke für’s Lob.
    Was den Film angeht: unbedingt anschauen, es lohnt sich auf alle Fälle.

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  5. Ciprian David

    Das mit dem Paten als Vergleich würde ich sehr gut nachvollziehen können. Im Grunde durchgeht Malik dieselbe innere Änderungen und gesellschaftliche Stadien wie Michael. Die Welten sind andere, aber das macht den Vergleich keineswegs unmöglich. Während Michael aber in historischen Wurzeln greift, nimmt sich Malik seine Kraft aus der mysthischen Ebene heraus.

    Nabenbei – da sammeln sich immer mehr Gründe, mir den herumliegenden Hunger endlich mal anzuschauen. Gäbe es nur etwas mehr Stunden am Tag…

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