(„Touch of Evil“ directed by Orson Welles, 1958)

Im Zeichen des BösenDer letzte Hollywoodstreifen von Orson Welles (Citizen Kane, Othello). Danach verabschiedete er sich endgültig nach Europa. Für Im Zeichen des Bösen stand der Krimi von Whit Masterson „Badge of Evil“ Pate. Welles Version wurde von der Produktionsfirma Universal gekürzt. Erst 1998 – 13 Jahre nach dem Tod des Altmeisters – erschien posthum ein Director‘s Cut, der auf Welles 58-seitigen Memorandum basiert und somit die ursprüngliche Fassung zeigt.

Der Ort des Geschehens ist Los Robles, eine zwielichtige Kleinstadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Ein Wagen wird durch eine platzierte Autobombe in die Luft gesprengt. Am Tatort werden zufälligerweise Vargas (Charlton Heston) mit seiner frisch vermählten Ehefrau Susan (Janet Leigh) Zeugen des Anschlags. Der tugendhafte Vargas mischt sich in die Ermittlungen des US-Polizeichefs Hank Quinlan (Orson Welles) ein. Der korpulente Amerikaner ist nicht nur bestechlich, sondern vollzieht die Ermittlungen auf seine Art, d.h. er verlässt sich auf das Zittern seines Holzbeins und wendet unkonventionelle Methoden an.

In den ersten vier Minuten erfolgt kein einziger Schnitt. Die Anfangssequenz des Films offenbart einmal mehr das Talent von Welles: Die Kamera schwebt, wie von Geisterhand getragen, über den Hausdächern, folgt dem Auto, streift spielerisch durch das nächtliche Straßenleben, nur um endlich durch die Explosion zur vorläufigen Erstarrung zu kommen. Anschließend beginnt eine wilde Achterbahnfahrt, in der Realität und Fiktion zu einem surrealen Geflecht verschmelzen. Die Atmosphäre des Films wirkt stets bedrohlich. Und wer eine Art Déja vu-Erlebnis hat, dem sei ein Blick auf Alfred Hitchcocks Psycho geraten. So kupferte Hitchcock bei der Szene, in der Janet Leigh (Psycho, Botschafter der Angst) als Susan im Motel von einer Heroinbande und einem umnachteten Portier festgehalten wird, von Welles Film Noir ab.

Die Rollen von Heston (Ben Hur, Planet der Affen) und Welles (Der dritte Mann) stehen in einem antagonistischen Verhältnis zueinander: äußerlich (hager vs. fettleibig) und moralisch (integer vs. korrupt). Einen Triumph von Gut gegen Böse erlebt der aufmerksame Zuschauer von Im Zeichen des Bösen indes nicht, wodurch Welles als Regisseur erneut gegen kinematographische Konventionen verstößt, indem er die Regeln des Genres verletzt. Als Darsteller sehen Kritiker ebenfalls Welles vor Heston, allein schon weil Welles einen viel komplexeren Charakter spielt: Zwar steht der Polizeiinspektor moralisch im Abseits, jedoch kann er trotzdem Sympathiepunkte beim Zuschauer erzielen. Dass Welles überhaupt die Regiestuhl für Im Zeichen des Bösen einnahm, verdankte einzig Heston.

Welles gelingt es in 106 Minuten gleichzeitig eine Blaupause und eine Parodie des Film Noirs zu drehen, indem er sich zwar oberflächlich an den eingespielten Konventionen orientiert, aber auf subtile Weise elementare Regel bricht. So wurde aus Im Zeichen des Bösen Welles‘ rauschhaftes, satirisches, dunkles, kafkaeskes Abschiedswerk von Hollywood, mit dem er sich ein weiteres in die Filmgeschichte verewigt hat.

Im Zeichen des Bösen
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