(„The Third Man“ directed by Carol Reed, 1949)

Lorenz Mutschlechner

Zugegeben: Ich war nur neugierig wegen der DVD-Aufschrift „Orson Welles„. Der Marketing-Trick von Arthaus hat bei mir also funktioniert. Nichts desto trotz handelt es sich hier um einen Kultfilm von Carol Reed. Nach eher langatmigen 105 Minuten Laufzeit, habe ich gemischte Gefühle was den Streifen angeht. Einerseits sind wirklich interessante Ansätze zu sehen, vor allem was gewissen Kameraeinstellungen und Bildern angeht, andererseits finde ich die Story aber persönlich ein bisschen zu lahm.

Sie handelt von Holly Martins (Joseph Cotton), einem amerikanischen Schriftsteller, der in der Nachkriegszeit nach Wien kommt um dort einen alten Bekannten, Harry Lime (Orson Welles), zu besuchen. Als er in der von den Siegermächten besetzten österreichischen Hauptstadt ankommt, erfährt er aber alsbald, dass sein guter Freund gerade verstorben ist. Ein tragischer Verkehrsunfall war ihm zum Verhängnis geworden. Nachdem Holly sich genauer erkundigt, erfährt er vom britischen Major Calloway (Trevor Howard), dass Harry ein gesuchter Schwarzhändler war und ihn deshalb niemand vermissen wird. Der berühmte Autor will dies jedoch nicht glauben und beginnt seine eigene Recherche über den mysteriösen Tod seines Freundes. Er macht Harry Limes Ex-Freundin Anna Schmidt (Alida Valli) ausfindig und gemeinsam erfahren sie durch einem Portier (Paul Hörbinger), dass Harry nicht sofort tot gewesen sei sondern ihn drei Männer, nicht zwei wie der offizielle Bericht behauptet, weggebracht hätten. Somit beginnt die Jagd nach dem unbekannten dritten Mann…

Die authentischen Aufnahmen in Wien, geben dem Film einen gewissen Touch. Auch die Stadtbewohner, die weanerisch sprechen und Orte wie der Prater oder der Zentralfriedhof, lassen ein tolles Flair aufkommen. Die Verfolgungsjagd im Wiener-Kanalisationssystem wurde dabei wunderbar inszeniert und wenn man das Produktionsjahr beachtet, ist es bemerkenswert welche Atmosphäre der Schwarz-Weiß-Film schafft. Das eher kritische Bild, das die Besatzungsmächte und die Nachkriegssituation der einfachen Bürger skizziert, spielt dabei keine unwesentliche Rolle. Auf jeden Fall ein sehenswertes Stück Filmgeschichte, wobei der Streifen aber wie gesagt, zeitweise langweilig wirkte.

Falko Fröhner

Carol Reed thematisiert in seinem auf der Vorlage Graham Greenes beruhenden Thriller The Third Man aus dem Jahre 1949 die Diskrepanz zwischen freundschaftlicher und gesellschaftlicher Verpflichtung vor dem Hintergrund  des zerbombten Wien.

Der Verfasser von Abenteuerromanen Holly Martins (Joseph Cotten) folgt der Einladung seines Freundes aus früheren Tagen Harry Lime (Orson Welles) in das zerstörte, in vier Sektoren aufgeteilte Nachkriegs-Wien. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft erhält Martins die Auskunft, dass Harry bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Außerdem erfährt der Schriftsteller von Calloway (Trevor Howard), einem Major der britischen Militärpolizei, dass Lime ein berühmt- berüchtigter Krimineller, dem nachgesagt wird, er habe illegal mit gestrecktem Penicillin gehandelt, gewesen sei. Nach und nach erkundet Martins Harrys zwielichtiges Umfeld und lernt auch dessen Geliebte Anna Schmidt (Alida Valli), eine Tschechin, die sich mit gefälschten Papieren in Wien aufhält, kennen. Martins verliebt sich hoffnungslos in die Schönheit und nachdem er ihr eines Nachts einen Besuch erstattet hat, erblickt er in einer Gasse zufällig den quicklebendigen Harry Lime, welcher ihn und Anna offensichtlich den Abend über beobachtet hat…

Carol Reed, der seine Karriere als Theaterschauspieler begonnen hatte, bis er schließlich seinen Weg auf den Regiestuhl fand, bezeugt am Anfang von The Third Man seine Vorliebe für Dokumentationen, indem er dem „Hauptfilm“ eine Situierung voranstellt und die widrigen Lebensbedingungen im vom Krieg völlig zerstörten Wien beschreibt. Dieser dokumentarische, dem neorealistischen Kino verwandte Duktus ist kennzeichnend für die wohl berühmteste Regiearbeit des Briten, da fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht wurde und der Film aus diesem Grund nach wie vor als Zeitdokument interessant ist.

Doch auch weit darüber hinaus ist The Third Man von nahezu einzigartiger filmischer Qualität: Das von Graham Greene verfasste Drehbuch konstituiert einen durchgehenden Spannungsbogen, welcher in dem von Reed grandios in Szene gesetzten Finale in der Wiener Kanalisation seinen Höhepunkt findet. Die ungemein schwarzhumorigen, zuweilen zynischen Dialoge sind ebenfalls der Arbeit Greenes zu verdanken. Hinzu kommt die Detailverliebtheit Reeds, der den Film mit zahlreichen Raffinessen spickt, die zum Teil erst nach mehrmaligen Sichtungen ins Auge fallen- beispielsweise ist es ausgerechnet jene Katze, die angeblich nur Harry geliebt habe, die Martins eines Nachts auf seinen früheren Freund aufmerksam macht und somit das Aufeinandertreffen der beiden herbeiführt.

Auf Grund dieses unermesslichen inszenatorischen Einfallsreichtums warf man dem Film im Verlauf seiner Rezeptionsgeschichte vor, er sei allzu metaphorisch beladen und symbolträchtig. Diesem Vorwurf ist allerdings zu entgegnen, dass Reed es versteht, jene Sinnbilder – etwa das der bereits erwähnten Katze – als konkrete Handlungselemente und -momente in den Film zu integrieren, welche es zu interpretieren im Ermessen des Zuschauers liegt. Insofern funktioniert The Third Man auf zwei Ebenen: einerseits handelt es sich um einen mustergültigen Thriller, dem man andererseits (oder zugleich) existenzialistische Tendenzen zuschreiben kann.

Des Weiteren lautet eine interessante Frage, inwiefern man Reeds Werk dem (Sub-) Genre des „Film Noir“ zuordnen kann. Dagegen spricht vor allem die ungewöhnliche Situierung und die Tatsache, dass es sich bei The Third Man um eine britische Produktion handelt, wohingegen die meisten „Noires“ der „klassischen Phase“ aus Hollywood stammen. Abgesehen davon, dass der Film zeitlich gesehen in die Blütezeit jener „klassischen Phase“- die späten 1940er Jahre- fällt, ist anzumerken, dass der meisterhafte, stilprägende Umgang mit Licht-/ Schatteneffekten (Kamera: Robert Krasker) und auf Ebene der Handlung die „Femme fatale“ Anna Schmidt keinesfalls lediglich die Voraussetzungen eines typischen „Film noir“ erfüllen, sondern diese vielmehr definieren!

So kann man in Bezug auf Reeds Opus magnum von einem „Klassiker“ im besten Sinne sprechen, der auf Grund seiner filmischen – und nicht zuletzt auch schauspielerischen – Qualität zu den einflussreichsten Werken des europäischen Nachkriegskinos zählt und der es auch heute noch vermag, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen.

Wertung: 5 von 5

Der dritte Mann
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