Kritik

Down by Law

„Down by Law“ // Deutschland-Start: 30. Oktober 1986 (Kino) // 21. August 2014 (DVD/Blu-ray)

Es sind nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, unter denen die drei sich begegnet sind. Der Zuhälter Jack (Tom Waits) landet im Knast, weil er sich an Kindern vergriffen haben soll. DJ Jack (John Lurie) wiederum wird wegen einer Leiche eingebuchtet, die er unwissentlich in seinem Auto transportiert. Der Dritte im Bunde ist hingegen selbst für eine Leiche verantwortlich, wenn auch unbeabsichtigt: Eigentlich hatte der italienische Tourist Roberto (Roberto Benigni) nur ein bisschen beim Kartenspielen betrügen wollen, was dann aber zu einem fatalen Handgemenge führt. Nun sitzen sie gemeinsam in einer Zelle und können wenig miteinander anfangen – bis Roberto den Plan fasst, aus dem Gefängnis zu türmen …

Nach seinem anfänglich verschmähten Debüt Permanent Vacation (1980) war Jim Jarmusch 1984 dank seines zweiten Langfilms Stranger Than Paradise (1984) bereits zum umjubelten Star des US-Indie-Kinos geworden, war weltweit auf großen Festivals zu Gast. Das eröffnete natürlich neue Möglichkeiten für die weitere Laufbahn. Doch auch wenn seinem dritten Film Down by Law (1986) damit automatisch mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde, er zudem mit dem Kultsänger Tom Waits zusammenarbeiten konnte, dem Mainstream näherte er sich hier nur minimal an. Vieles von dem, was schon die ersten beiden Werke ausmachte, fand sich auch im dritten Streich des Filmemachers.

Der graue (Fast-)Alltag
Das konnte einerseits die Optik betreffen. Erneut verzichteten seine Bilder, die dieses Mal auf den Kameramann Robby Müller zurückgingen, auf Farben, suchten nach den vielen Zwischentönen, die das graue Leben so bereithält. Auch die Kamera selbst nahm sich eher zurück: Es gibt zwar mehr Bewegung im Vergleich zu dem doch recht strengen Stranger Than Paradise, das viel mit langen Einzelaufnahmen arbeitete. Es gibt auch mehr Schauplätze, wenn der gemeinsame Knastaufenthalt eben nur eine Zwischenstation auf der gemeinsamen Odyssee darstellt. Insgesamt zeigt Jarmusch aber hier erneut seine Vorliebe für den Minimalismus: Er sucht sich lieber das Kleine und schaut dort genauer hin, anstatt das Publikum mit viel Handlung, schnellen Schnitten oder anderen Mitteln der Zerstreuung abzulenken.

Gleichgeblieben sind zudem einige Themen und Motive, die Jarmusch schon bei den letzten Malen unters Publikum brachte. Eines davon: Gefangenschaft. Der Protagonist in Permanent Vacation war ständig auf Achse, durchstöberte New York City, und schaffte es doch nie so recht aus seinem Leben auszubrechen. In Stranger Than Paradise wiederum waren die Figuren zu Gefangenen ihrer Gewohnheit geworden, aber auch ihrer Erwartungen. Das Ergebnis: Sie vegetierten vor sich hin, ohne sich dessen bewusst zu sein, setzten die Möglichkeit des Nichtstuns mit Freiheit gleich. In Down by Law ist das Gefängnis hingegen erst physischer Natur, wenn die drei Männer wegen der unterschiedlichsten Vergehen hinter Gittern landen. Sie sind aber auch Gefangene von einander, von den Blicken und Worten.

Aus Gegnern werden Freunde
Daraus hätte man ein Drama machen können, einen Thriller sogar. Doch Jim Jarmusch begegnet seinen Figuren immer auch mit Humor und eben Wärme. Er zeigt uns keine Helden, keine Vorbilder. Er verurteilt aber auch nicht. Wie sich hier die drei mit der Zeit zusammenraufen, zu Freunden werden, die keine Freunde sein wollen, sogar ein bisschen ihr Glück finden – das geht für den Filmemacher fast schon als Wohlfühlvariante durch. Ein Weg, den der den Fremden aufzeigt, um doch frei zu werden und auch zu sich selbst zu finden, ohne dabei auch nur annähernd dem Kitsch nahezukommen, den Hollywood aus demselben Stoff gemacht hätte.

Das Ergebnis ist dann zwar immer noch nicht für das große Publikum geeignet oder gedacht: Der Humor ist eher leise, ein bisschen skurril, anstatt reguläre Gags einzubauen. Spannende Verfolgungsjagden braucht man trotz des Themas erst recht nicht zu suchen. Down by Law berichtet nicht nur über Menschen, für die sich sonst niemand interessieren würde – der Film tut es auch auf eine Weise, die ebenso eigenwillig und anders ist, fast schon ein Parodie des traditionellen Gefängnisdramas und dabei trotz allem näher am Leben dran. Eine Version des Buddy Movies, die bewusst auf den oberflächlichen Glanz des Blockbusterkinos verzichtet.

Credits

OT: „Down by Law“
Land: USA, Deutschland
Jahr: 1986
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Musik: John Lurie, Tom Waits
Kamera: Robby Müller
Besetzung: Tom Waits, John Lurie, Roberto Benigni, Nicoletta Braschi, Ellen Barkin

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 1987 Bester Film Nominierung
Beste Regie Jim Jarmusch Nominierung
Bester Hauptdarsteller Roberto Benigni Nominierung
Beste Kamera Robby Müller Nominierung

Filmfeste

Cannes 1986
Locarno 1986

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Down by Law
4 (80%) 2 Artikel bewerten

Down by Law
In seinem dritten Langfilm stellte uns Jim Jarmusch drei Männer vor, die aus den unterschiedlichsten Gründen im Gefängnis landen und auch sonst wenig vergleichbar sind. „Down by Law“ ist dabei ähnlich minimalistisch wie die vorangegangenen Werke, verzichtet auf große Handlung oder herkömmliche Gags, ist aber gerade als eigenwillige Interpretation klassischer Themen sehenswert.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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