(„Changeling“ directed by Clint Eastwood, 2008)

Der fremde SohnNachdem ich erst vor kurzem von „Gran Torino“ sehr angetan war folgte nun ein weiterer Streifen von Clint Eastwood. Anfangs war ich doch eher skeptisch als ich groß auf dem Cover Angelina Jolie sah, doch nachdem ich dahinterkam dass einer meiner absoluten Lieblingscomicautoren das Skript zum Film geliefert hat war ich etwas beruhigter. J. Michael Straczynski beruft sich in seinem Drehbuch auf eine wahre Mordserie die Ende der 20er Jahre für Angst und Schrecken sorgte. Walter Collins (Gattlin Griffith) dessen Alleinerziehende Mutter Christine (Angelina Jolie) nur sehr wenig zu Hause verbringt, ist eines Tages wie vom Erdboden verschluckt. Während der Zuschauer Christines hektischen Alltag als führende Kraft einer Telefonzentrale verfolgt, verschwindet der kleine Junge spurlos. Sofort macht Christine eine Vermisstenmeldung bei der hiesigen Polizei, doch diese scheint nicht sonderlich interessiert zu sein, es heißt der Junge würde schon wieder auftauchen die Frau solle sich erstmal beruhigen, abwarten und Tee trinken. Was Miss Collins allerdings nicht weiß ist, dass das LAPD mächtig unter öffentlichen Druck steht. Dass der Baptistenprediger Gustav Briegleb (John Malkovich) die Cops auch noch angreift und ihnen Korruption und mafiöse Tendenzen vorwirft ist da nicht unbedingt hilfreich. Unter der Führung von Polizeichef James E. Davis (Colm Feore) und dessen skrupellosen Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan) ist das Los Angeles Police Department allerdings de facto zu einem nutzlosen und käuflichen Staatsorgan verkommen.
Um wieder Pluspunkte bei der Bevölkerung zu sammeln wird relativ schnell das vermeintliche Wiederfinden des verlorenen Collins-Jungen medial inszeniert. Es wird bekanntgegeben dass der Bub in einem anderen Staat in Begleitung eines Landstreichers aufgefunden wurde. Die erlittenen Strapazen und das Trauma hätten allerdings zur Folge dass sich Walter in wenigen Monaten physisch beträchtlich verändert habe. So erkennt Christine zu Beginn ihr Kind überhaupt nicht und behauptet abrupt hier liege eine Verwechslung vor. Was selbst dem Beobachter offensichtlich erscheint wird allerdings von der Polizei sofort als normale Schockreaktion abgetan. Laut deren Experten und Psychologen sei es völlig normal dass die Mutter angesichts der vollkommen natürlichen Veränderungen so reagiere.
Christine gibt sich schlussendlich geschlagen und akzeptiert dass ihr Sohn Walter tatsächlich wieder da ist, doch zu Hause angekommen bemerkt sie weitere seltsame Ungereimtheiten. So scheint ihr Junge durch den Schock sogar geschrumpft zu sein, sie hatte nämlich öfters am Türstock das Wachstum mit einer Markierung festgehalten. Doch auch hierfür hat das LAPD fundierte Argumente und die Bestätigung eines angesehenen Mediziners. Auch dass Walter neuerdings beschnitten ist führt die Polizei schnell auf eine Perversität des Vagabundenkollegen mit dem er die letzten Monate verbracht hat. Klar ist jedenfalls nur dass es hier keine Verwechslung geben kann. Christine Collins wird also höflichst darum gebeten sie möge doch das Misstrauen gegenüber den Behörden endlich beilegen und zur Vernunft kommen, doch der Mutterinstinkt ist zu stark und sagt ihr dass es sich hierbei nicht um ihren wahren Sohn handelt. Sie beginnt einen regelrechten Kreuzzug gegen die exekutive Staatsmacht bis sie kurzerhand von Captain Jones persönlich (und illegal) in eine Irrenanstalt verwiesen wird.
Christine scheint der Polizei zu gefährlich zu werden und mit ihrer unerschütterlichen und investigativen Art stellt sie eine potenzielle Gefahr für den sonst schon angeschlagenen Ruf des Departments dar. Der einzig wahre Verbündete der mittlerweile psychisch am Boden liegenden Christine Collins scheint der Prediger Briegleb zu sein der in dieser Geschichte die große Möglichkeit sieht den Polizeichef abzusetzen. Als schließlich die Wahrheit ans Tageslicht kommt könnte die Entsetzung nicht größer sein: während das LAPD wertvolle Zeit damit verschwendete sich keine Blöße zu geben, brachte ein brutaler Killer (Jason Butler Harner) auf perverseste Weise mindestens 20 Kinder um, darunter höchstwahrscheinlich den kleinen Walter…
Die ca. 140 Minuten Laufzeit sind sehr spannend inszeniert und mit einem Sound unterlegt der mich irgendwie stark an die ruhigen Momente in „Erbarmungslos“ erinnerte, mich aber nicht unbedingt vom Hocker haute. Ehrlich gesagt fand ich das Ganze überhaupt wenig bewegend was vielleicht auch daran liegt dass Eastwood nicht so viel Gewicht auf pathetische Momente legt (danke Straczynski) sondern stets darum bemüht ist den tragischen Kern zu vermitteln. Inwiefern das Script der wahren Geschichte entspricht kann ich leider nicht beurteilen, die Story im Film kam mir jedenfalls plausibel und nicht übertrieben vor.
Am meisten überraschte mich das Schauspiel von Jolie die ich ehrlich gesagt in ihrer Rolle anfangs unterschätzt habe. Eine durchaus solide Leistung von ihr und das obwohl sie relativ wenig Support von Nebendarstellern bekam und physisch eher wie eine Magersüchtige und nicht wie eine Mutter wirkt. Der leider zu spärlich vorkommenden John Malkovich hätte ihr zwar die Show stehlen können aber das war einfach zu wenig und fast schon bemitleidenswert. Dennoch gelingt es Eastwood einmal mehr einen tollen Streifen zu produzieren und dirigieren der natürlich Hollywood ist aber auf seine eigene Art und Weise sehr zu Gefallen weis. Man macht also sicher keinen Fehler wenn man sich die UK-Bluray (mit deutscher Tonspur) holen möchte.

Der fremde Sohn
4 (80%) 18 Artikel bewerten

2 Responses

  1. C.H.

    Jo, der Besprechung kann ich im Kern zustimmen. Jolie liefert hier wohl in der Tat eine der besten Leistungen ihrer Karriere ab, auch wenn sie in ihren Mittel beschränkt ist. „Solide“ trifft es wohl ganz gut. Ansonsten würde ich noch mal eine allgemeine „Kritik“ an der Kritik an sich anbringen wollen, wenn es erlaubt ist. Imho bekommt die Zusammenfassung des Inhalts in deinen Besprechungen öfters mal zu viel Platz eingeräumt. Gerade bei dieser Besprechung finde ich das doch schon sehr frappierend. 😉

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  2. Candide

    Du wirst lachen aber ich hab mir (vor allem diesmal) genau dasselbe vorgeworfen 😉
    Kritik ist übrigens immer erwünscht, nur so erkennt man oft die eigenen Schwachpunkte.

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