(„99 francs“ directed by Jan Kounen, 2007)

Breakout zum Kinobesuch

„Mein Lieblingsbuch wurde verfilmt!“ mussten sich meine Bekannten vor einigen Wochen desöfteren anhören. Mittlerweile hab ich den Film 39,90 des Regisseurs Jan Kounen natürlich mit gespannter Vorfreude angesehen. Da ich die literarische Vorlage von Frédéric Beigbeder, den 2001 veröffentlichten Roman 99 francs kannte und ihn großartig finde, bin ich vielleicht ein schlechter Kritiker für die Filmadaption aus dem Jahre 2007. Andererseits, vielleicht schärft die Kenntnis des Buches die Sinne für das Kino.
39,90 ist die Geschichte von Octave Parango (Jean Dujardin), einem Kreativen der Werbebranche, der wohl nicht zu unrecht mit Arschloch gut beschrieben werden kann. Schließlich ist er in höchstem Maße selbstverliebt und arrogant. Die Hauptcharaktere lassen aber keinen anderen Schluss zu als den: Wer in diesem Business arbeitet, muss entweder von vorneherein so sein oder wird innerhalb kürzester Zeit als ein solches Arschloch enden. So wundert es auch nicht, dass Octave seine Karriere in der Werbeagentur Ross & Witchkraft nur mit viel Drogen zu bestehen weiß. Andere, sein Kollege und Freund Charlie (Jocelyn Quivrin) zum Beispiel, verzichten auf die Drogen, sehen sich als Ersatz dafür jedoch allerhand bis zur äußersten Perversion getriebene Pornos an. Eigentlich hätte dieses Leben im aus den Fugen geratenen Strudel von Macht, Drogen und Sex so weitergehen können. Eines Tages trifft Octave jedoch Sophie (Vahina Giocante), eine Praktikantin bei Ross & Witchkraft, und betrachtet sie zunächst nur als sexuelle Abwechslung zu Pornofilmen und Taschentüchern. Nachdem sie ihm schließlich von ihrer Schwangerschaft erzählt, wird es dem zukünftigen Vater Ocatve allerdings zu viel. Erst jetzt, nachdem er von Sophie verlassen wurde, stellt er nach und nach fest, dass er sie tatsächlich geliebt hat.
Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt Octave nicht, denn der größte Kunde seiner Agentur macht Druck, um ein Konzept für eine Werbekampagne für fettfreies Joghurt zu erhalten. Weil ihre erste Vorschläge vom Joghurt-Boss Duler (Nicolas Marié) abgelehnt wurden, schaffen die beiden Kreativen innerhalb weniger Minuten ein Konzept, das zwar nicht innovativ ist, Duler jedoch voll überzeugt. Octave, der nach eigenen Aussagen seine Rolle als Weltverschmutzer in der Agentur satt hat, eigentlich kündigen und damit aufhören will, fliegt zusammen mit Tamara (Elisa Tovati), einer Prostituierten, die im Werbespot mitspielen soll, Charlie und einem Filmteam nach Florida, um dort den geplanten Werbespot zu verwirklichen. So langweilig Octave und Charlie das Werbekonzept finden, so öde stellt sich für sie auch der Tag am Set dar. Nachdem der offizielle Shot im Kasten ist und ihre Bosse bereits abgereist sind, entschließen sie sich eine alternative Version des Werbespots zu drehen. Nachdem auch dies getan ist und Octave, der vor einigen Wochen noch kündigen wollte, von Charlie eröffnet bekommt, dass ihnen der Posten des kürzlich durch Suizid gestorbenen Vorgesetzten angeboten wurde, begeben sich die beiden zusammen mit Tamara in das Nachtleben von Miami. Sophie, harte Drogen, seine Kollaboration mit der verhassten Agentur stürzen Octave, Charlie und Sophie in einen Rausch von bunten Farben, Geschwindigkeit und Mord: Unter Drogeneinfluss überfahren sie mit ihrem Wagen auf den Straßen Miamis mehrere Menschen. Erst im Flugzeug Richtung Frankreich, Schweißperlen auf der Stirn, kommen sie wieder zu sich und vergewissern sich der Blutflecken auf ihren Hemden.
Als wenige Tage später in der Agentur die Beförderung von Octave und Charlie gefeiert wird, versucht die Polizei sie festzunehmen. Octave schafft es jedoch auf das Dach zu fliehen, von dem er sich schließlich in strömenden Regen herunter stürzt.
Doch sollte das das Ende sein? Nein, in der photoshop-retuschierten Welt der Werbung ist immer Zeit für ein alternatives Ende.

39,90 erzählt zwar auch die Geschichte von Octave Parango, viel mehr erzählt der Film und das Buch aber vom Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Mensch dieser Zeit ist bei Beigbeder und Kounen sich zwar seiner Schuld bewusst, ja zeitweise versucht er sogar sich aktiv davon zu befreien, am Ende muss er jedoch einsehen, dass es keinen Ausweg und keine Alternative gibt. Jeder Versuch sich dem Kommerz, dem Kapitalismus und der Gefühlskälte zu entziehen, scheitert. Octave ist ein Arschloch, keine Frage, aber zumindest in manchen Momenten weiß er das ganz genau und hasst sich dafür. Später hasst er Ross & Witchkraft und am Ende tötet er in seinem Hass sogar Menschen, wenngleich nicht gerade bewusst. Octave schafft es nicht die alles integrierende Spirale des 21. Jahrhunderts zu durchbrechen, dort wo selbst die Verweigerung und die Rebellion zum Teil der medial kommunizierten Warenwelt wird (Nicht umsonst lässt Beigbeder Octave im Buch Philosophen wie Guy Debord (Die Gesellschaft des Spektakels, 1967) und Antonio Gramsci erwähnen.). Die Geschichte kritisiert die Werbung, kritisiert den Kommerz und die Welt, in der nur das Geld zählt. Wer diese kritische Aussage dem Film als Scheinheiligkeit ankreidet, hat vermutlich nach dem ersten Ende das Kino verlassen. Im alternativen Ende wird klar, dass der Film wie Octave genau weiß, dass er es nicht schafft die Kritik bis zum Erfolg zu bringen; dass auch der Film mit seinem kritischen Aspekt nur ein Produkt ist, das durch Werbung verkauft wird. Beigbeder und Kounen wissen, dass sie wie Octave scheitern müssen.

Jan Kounen schafft es überaus gut den Rausch der Drogen, die bunte Welt der Werbung, das Leben des Octave Parango visuell darzustellen. Dazu bedient er sich animierter Sequenzen, die er wie selbstverständlich mit normalen Aufnahmen sich verweben lässt. Daneben vermitteln in den entsprechenden Momenten eine rasante Kameraführung und elektronische Musik (allerdings kommt auch klassische Musik vor) die Atmosphäre, in der sich der Protagonist Tag für Tag befindet. Beigbeder, der übrigens selbst in einer Werbeagentur gearbeitet hat und sein daher auch teilweise autobiographisches Buch mit dem Ziel geschrieben hat, dort gekündigt zu werden, spielt einige Szenen selbst. Seine Ähnlichkeit mit Jean Dujardin (Octave) lassen das jedoch kaum auffallen. Dass die Geschichte nicht nur als Fiktion betrachtet werden soll, lassen auch ab und an eingestreute dokumentarische Szenen erkennen. Bis auf das Ende hält sich der 100 Minuten dauernde und nie langweilende Film auch an das literarische Original und ich halte den Streifen für eine gelungene Umsetzung. Dass man sich einige Charaktere anders vorgestellt hat, ist ganz normal und es gehört auch zur Freiheit einer Filmadaption die Lücken, die ein Buch lässt, nach eigenem Wissen und Gewissen zu füllen. Bis auf den unnötigen Hamster, der aufgrund einer Überdosis Kokain in seinem Laufrad stirbt – zugegeben, es sorgte für Lacher im Kino – ein grandioses Werk, das ich sogar wage in die Reihe der großen Drogenfilme einzuordnen (Vermutlich, weil er sich sonst kaum irgendwo anderes richtig einordnen lässt.).
Fazit: Ansehen! Lesen! Und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss.

Lorenz zum Blu Ray-Release

Anders wie mein werter Kollege kenne ich die Buchvorlage nicht, aber nichts desto trotz fand auch ich 39,90 sehr ansprechend. Was hier besonders auffällt, ist die Tatsache wie erst vor kurzem das Talent eines Jean Dujardin in Lucky Luke verschwendet wurde. Der Mann ist was Mimik und Körperhaltung angeht eine Wucht, er geht vollkommen in seiner Rolle auf, wenn man ihn nur lässt.

Auch wenn bei diesem Film natürlich auf den Inhalt ankommt, überzeugt er aber in erster Linie visuell. Die Verspieltheit mit der Jan Kounen dieses Buch verfilmt hat überfordert an manchen Stellen schlicht gesagt den Zuschauer, weshalb ich jetzt die zweite Sichtung auch wesentlich angenehmer empfand als damals im Kino. Octaves Drogenräusche spielen hierbei natürlich eine zentrale Rolle und hätte ich nicht erst Enter The Void gesehen, so würde ich behaupten, dass 99 Francs die Messlatte für diese Art von Darstellung hoch angelegt hat.

Man möchte nun meinen bei so einem farbenprächtigen und effektvollen Streifen sei die Blu Ray-Disc ein Pflichtkauf, doch leider erweist sich hier das Bild als sehr, sehr körnig. Wenn man so wie ich zuerst die auf der Scheibe enthaltenen Trailer anschaut ist man ziemlich enttäuscht, wie „normal“ das Bild des Hauptfilms wirkt. Wenigstens die Vertonung überzeugt und bringt kristallklaren DTS-HD Sound über die Boxen hervor ohne dabei Bässe oder ähnliches zu übersteuern.
Ansonsten fanden noch ein paar gestrichene Szenen und ein relativ lustiges Making Of, das Making Ofs auf den Arm nimmt, auf der Blu Ray ihren Platz. Ein Release das man durchaus besser ausfallen hätte können/müssen, wenigstens darf sich der Sammler auf ein Wendecover freuen.

 

39,90 ist seit 15. April auf Blu Ray erhältlich

39,90
4 (80%) 12 Artikel bewerten

Über den Autor

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6 Responses

  1. Der kleine Candide

    Gutes, vor allem sehr ausführliches Review. Kenne weder den Film, noch das Buch aber das wird sich in nächster Zeit bestimmt ändern 😉
    Der Regisseur selbst ist mir durch „Dobermann“ (noch nicht gesehen) bekannt, der mir einst empfohlen wurde.

    Zum Fazit fällt mir gerade nur eines ein:

    Graphic by Eric Drooker

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  2. parker

    Das Buch ist Beigbeders größtes Meisterwerk da es autobiographische elemte Enthält und er Berichte aus erster Hand von der Abgehobenheit und Perversität der oberen 10.000 berichtet. Im Prinzip tut er in dem Job ja nichts ausser die geistigen Ergüsse seiner Drogenorgien mit Hilfe von Profis (Regisseure, Techniker, Schaupieler, Models,…) in ein „konsumierbares“ Medium zu pressen.

    Die restliche Prosa finde ich eher entbehrlich (ausser „Die Liebe währt drei Jahre“) , aber ich steh prinzipiell nicht auf postmodernistische Literatur.

    Wusste nicht das es auch einen Film gibt, klingt aber interessant (trotz der Abweichungen vom Buch). Werd ich mir vormerken.

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  3. Der kleine Candide

    Kann nun übrigens das Lob von Breakout nochmals unterstreichen. Vor allem stilistisch ganz, ganz große Klasse. Interessant – wenn vermutlich auch nicht neu – die Idee mit dem alternativen Ende.
    Direkte Kritik bleibt fast ganz aus, aber das ist überhaupt nicht nötig, denn die Bilder sprechen Bände. Wer nach dem Film nicht über ein von Menschen geschaffene System kotzen muss ist auch nicht mehr zu retten.

    Alles ist Improvisation, vor allem ich

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  4. Parker

    Hab den Film vor kurzem nun auch zum ersten mal gesehn und war positiv überrascht. An die Härte und Perversität des Buches kommt er zwar nicht ran, aber immerhin gibt es genug schwarzen Humor. Einzig und allein die „Konzentration“ auf die Drogenekzesse von Octave sind zu bemängeln. Da hätte stattdessen mehr Hintergrund gut getan, aber vermutlich wäre er dann bei der Breiten Masse nicht so gut angekommen.

    Alles in Allem ein Muss für jeden Filmliebhaber. Die Effekte und Lichttechnik sind wirklich ausgezeichnet.

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  5. Straniere

    Sehr gutes Review zu einem sehr guten Film mit guter Vorlage. Das sich der Film sehr auf die Drogenekzesse konzentriert finde ich nicht weiter schlimm. Als Teil des Werbe-Apparats trägt Octave zur Virtualisierung und visuellen Reizüberflutung der Gesellschaft bei, die den Bezug zur Realität immer mehr verliert. Octave selbst verliert den Wirklichkeitsbezug durch Drogen, die auf ihn also die gleiche Funktion haben wie die Werbebranche auf die Gesellschaft. Er wird letzten Endes selbst Opfer seiner Branche, zwischen Trugbild und Realität kann er nicht mehr unterscheiden, es gibt keine „echte“ Wirklichkeit mehr. Die Art und Weise wie Jan Kounen das Ende inszeniert ist die logische Konsequenz daraus.

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