
Die zwölfjährige Mira (Ellen Edith Pultz-Hansen) lebt mit ihrer Mutter (Signe Egholm Olsen) in Kopenhagen und verbringt jede freie Minute mit ihrer besten Freundin Naja (Filippa Marcella Olesen Olsson) und ihrem Freund Louis (Hugo Worm Arthy). Zu dritt sammeln sie Weggeworfenes, basteln daraus Kunst und bereiten eine Ausstellung vor. Dann kommt Beate (Solvej Marie Schunk Jensen) neu in die Klasse: selbstbewusst, geschminkt und in den sozialen Medien schon mit eigener Gefolgschaft. Naja ist fasziniert und rückt zunehmend von Mira ab. Als Beate einen „Love Club“ gründet, in den nur aufgenommen wird, wer schon einmal verliebt war, bleibt Mira vor der Tür. Also beschließt sie kurzerhand, sich in Louis zu verlieben – und stellt sich dafür sogar eine Eieruhr, um planmäßig an ihn zu denken. Aus dem Experiment wird eine Beziehung, die Louis deutlich ernster meint als sie. Beim Schulball küsst Mira ihn schließlich vor den Augen der anderen Mädchen: als Beweis, nicht aus Zuneigung. Damit verletzt sie Louis, Naja und am Ende auch sich selbst. Nebenher beschäftigt sie die Frage, wer eigentlich ihr Vater ist, während ihre Mutter sich scheinbar ständig neu verliebt.
Wenn plötzlich alles anders ist
Mira nimmt seine zwölfjährige Hauptfigur ernster, als viele Filme Erwachsene ernst nehmen. Wenn die beste Freundin plötzlich lieber mit anderen Mädchen Zeit verbringt, ist das hier keine Nebensächlichkeit, die man mit etwas Abstand belächelt. Für Mira verschiebt sich damit die ganze Ordnung ihres Lebens. Regisseurin Marie Limkilde, die vom Dokumentarfilm kommt und mit Mira ihr Spielfilmdebüt vorlegt, schaut deshalb konsequent aus der Perspektive ihrer Heldin auf diese Veränderungen. Nicht von oben herab, nicht mit wissendem Augenzwinkern und auch nicht mit der Botschaft, dass sich das alles schon wieder einrenken werde.
Als Vorlage dienen die Comicromane von Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi. Drehbuchautorin Ida Åkerstrøm Knudsen hat Motive der ersten drei Bände zu einem einzigen Erzählbogen verbunden. Der ist zwar nicht besonders überraschend, dafür aber ziemlich genau beobachtet. Denn beim „Love Club“ geht es nicht bloß um erste Schwärmereien. Verliebtsein wird zur Eintrittskarte. Wer noch nie verliebt war, ist nicht weit genug, nicht interessant genug, nicht dabei.
Verliebtsein als Eintrittskarte
Genau da wird Mira am stärksten. Auf der einen Seite stehen die fertigen Bilder davon, wie man mit zwölf oder dreizehn auszusehen, zu reden und sich zu verhalten hat. Auf der anderen Miras Basteleien aus Weggeworfenem: schräg, unperfekt, selbst erfunden. Während Beate und die anderen Mädchen scheinbar schon wissen, wie Erwachsensein auszusehen hat, muss Mira erst herausfinden, ob sie das überhaupt schon sein will. Der Film sagt dabei nicht: Bleib Kind. Er sagt eher: Lass dir nicht vorschreiben, wann du damit aufhören sollst.
Besonders schön ist, wie Mira diese Verunsicherung sichtbar macht. Die norwegische Zeichnerin Inga Sætre lässt Kritzeleien, Skizzen und Fantasiegebilde in die Realbilder wachsen. Nach einem Streit fahren aggressive Striche über die Leinwand, Gedanken verselbstständigen sich, Gefühle werden zu Bildern. Das ist mehr als hübsche Dekoration. Die Zeichnungen übernehmen genau das, was der Film nicht ausformulieren muss.
Kritzeleien statt Erklärungen
Linda Wassbergs Kamera hält sich daneben angenehm zurück. Kopenhagen wirkt bunt und lebendig, ohne dass die Bilder ständig nach Aufmerksamkeit rufen. Josefine Skovs Musik drängt sich ebenfalls nicht nach vorne. So funktioniert das Wechselspiel besonders gut: Von außen betrachtet ist Miras Problem fast banal – ihre beste Freundin hat plötzlich andere Interessen. Von innen betrachtet bricht eine kleine Welt auseinander.
Dass das funktioniert, liegt vor allem an Ellen Edith Pultz-Hansen. In ihrer ersten Rolle überhaupt spielt sie Mira nicht als niedliches Kind, sondern als jemanden, der unbedingt verstehen will, nach welchen Regeln diese neue Welt eigentlich funktioniert. Wenn sie sich eine Eieruhr stellt, um für eine bestimmte Zeit an Louis zu denken und dadurch vielleicht endlich verliebt zu werden, ist das komisch. Aber der Witz richtet sich nie gegen sie. Pultz-Hansen spielt die Szene mit völliger Ernsthaftigkeit – und gerade deshalb funktioniert sie.
Auch Signe Egholm Olsen passt gut in dieses Gefüge. Die Mutter ist keine jener Erwachsenenfiguren, die am Ende die richtige Antwort bereithalten. Ihr eigenes Liebesleben ist für Mira eher ein weiteres Rätsel. Jytte Kvinesdal gibt die Großmutter als ruhigen Gegenpol. Dass man den jungen Darstellern ihre Unerfahrenheit gelegentlich anmerkt, stört kaum. Im Gegenteil: Etwas Unfertiges passt ziemlich gut zu einem Film über Menschen, die selbst noch nicht wissen, wer sie einmal sein wollen.
Nicht alles sitzt perfekt
Ganz ohne Schwächen ist Mira allerdings nicht. Der Weg von Ausschluss über Anpassung und Krise bis zur Versöhnung ist ziemlich vorhersehbar. Manches fügt sich am Ende ein wenig zu sauber zusammen. Auch Beate bleibt eher Funktion als richtige Figur. Der Film interessiert sich stärker dafür, was ihr Auftauchen in Mira auslöst, als dafür, warum Beate selbst so ist, wie sie ist.
Überhaupt kratzt Mira gesellschaftlich eher an der Oberfläche. Dass schon Zwölfjährige bestimmten Schönheitsbildern, Rollen und Vorstellungen von Beziehung hinterherlaufen, wird gezeigt, aber nur selten weiter hinterfragt. Social Media taucht als Verstärker auf, nicht als eigenes Thema. Wer hier eine scharfe Analyse von Anpassungsdruck erwartet, wird sie nicht bekommen.
Die kleinen großen Katastrophen
Aber vielleicht muss Mira das auch gar nicht leisten. Seine Stärke liegt woanders: darin, die vermeintlich kleinen Katastrophen dieses Alters nicht kleinzureden. Ein anderer Sitzplatz, eine neue Freundin, ein Club, zu dem man nicht gehört – mit zwölf kann all das reichen, um das Gefühl zu haben, dass gerade alles auseinanderfällt.
Mira versteht das. Und noch wichtiger: Der Film macht daraus keine pädagogische Lektion. Er schaut seiner Heldin dabei zu, wie sie Fehler macht, andere verletzt, sich selbst verbiegt und irgendwann merkt, dass Erwachsenwerden nicht darin besteht, möglichst schnell so zu werden wie die anderen.
OT: „Mira“
Land: Dänemark
Jahr: 2025
Regie: Marie Limkilde
Buch: Ida Åkerstrøm Knudsen
Vorlage: Sabine Lemire, Rasmus Bregnhøi
Musik: Josefine Skov
Kamera: Linda Wassberg
Besetzung: Ellen Edith Pultz-Hansen, Filippa Marcella Olesen Olsson, Hugo Worm Arthy, Solvej Marie Schunk Jensen, Jytte Kvinesdal, Signe Egholm Olsen
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