
In einem kleinen Fischerdorf im Süden Taiwans lebt der 13-jährige Jun (Jaden Wang). Sein Vater möchte gerne, dass er mit zu ihm nach Taipeh zieht, doch der Teenager will viel lieber bei seinem Großvater, dem Ältesten des Dorfes, bleiben. Zudem hat er dort seine Freunde, mit denen er zu verschiedenen Anlässen den traditionellen Löwentanz aufführt, wobei sie sich immer etwas Geld dazuverdienen. Trotzdem träumt Jun davon, eines Tages sein eigenes Leben zu leben und unabhängig zu sein – ein Wunsch, von dem er nur seinem besten Freund Jasper (Aloysius Looi) erzählt.
Jaspers Eltern arbeiten für einen großen Konzern, der Solaranlagen herstellt. Als sie in Juns Heimat eine riesige Anlage bauen und betreuen wollen, können sie zwar auf den Segen des Dorfältesten zählen, doch die Stimmung der Farmer und Fischer schlägt schnell um. Immer lauter werden die Proteste gegen die Bauarbeiten, welche die Fischerei beeinträchtigen, sowie gegen die Gier des Konzerns, der sie ihrer Meinung nach nur ausnutzen will.
Der Freundschaft zwischen Jasper und Jun kann dieser Konflikt zunächst nichts anhaben, doch je stärker der Widerstand im Dorf wird, desto mehr kippt auch die Stimmung gegen Jasper und seine Eltern. Juns Freunde hänseln und bedrohen Jasper, was Jun immer mehr unter Druck setzt. Schon lange fühlt er mehr als nur Freundschaft für Jasper, traut sich aber nicht, seine Gefühle zuzugeben oder seinem Freund diese einzugestehen.
Warum können wir nicht einfach Freunde sein?
Nach Kurzfilmen wie Wild Tides (2016) sowie seiner Mitwirkung an dem filmischen Großprojekt Ten Years Taiwan ist Will You Still Be My Friend der erste Spielfilm des taiwanischen Regisseurs Lu Po-Shun. Die Geschichte ist eine Weiterentwicklung seines Kurzfilms When Henge Meets Crescent (2021), einem Film über zwei Jungen unterschiedlicher sozialer Herkunft, deren Freundschaft aufgrund eines Landkonflikts in ihrem Heimatdorf auf die Probe gestellt wird. Darüber hinaus diente ihm die Veränderung seiner eigenen Heimat als Inspiration, da diese sich aufgrund von Projekten wie dem in seinem Film nachhaltig verändert hat. Tatsächlich bezeichnet Lu seine Heimat als einen zentralen roten Faden seines bisherigen filmischen Schaffens. Will You Still Be My Friend, der aktuell auf dem San Sebastián Film Festival in der Sektion New Directors zu sehen ist, blickt auf den sozialen und wirtschaftlichen Wandel einer ganzen Region mit den Augen der jungen Generation, die gerade dabei ist, die eigentliche Weite ihres Lebens zu erkennen und zu begreifen.
Lu Po-Shuns Film schafft viele solcher stillen, aber vielsagenden Momente, deren Tragweite sich erst sehr langsam ergibt. Bei einem Karaokeabend anlässlich des Geburtstages eines von Juns Freunden wird zu vorgerückter Stunde auch der ein oder andere Schnaps verteilt. Das Trinken wird zu einer Mutprobe – auch für Jasper, der von den anderen wegen der angespannten Lage im Dorf ohnehin nur geduldet wird. Der Mutprobe will er sich jedoch nicht entziehen und leert sein Glas in einem Zug. Wenig später sitzt er auf einer Couch, das Mikrofon in der Hand, und singt mit einer glockenhellen, leicht fiepsigen Stimme ein Lied mit, dessen Songtext auf der Leinwand erscheint. Wegen der ausgelassenen Stimmung seiner Freunde traut sich Jun, kurz zu seinem Freund hinüberzuschauen, und man ahnt in seinem Blick etwas noch Vages und Undefiniertes. Es ist der Blick eines jungen Menschen, der intensiv fühlt, aber die Emotionen in sich noch nicht wirklich benennen kann.
Die Freundschaft der beiden Hauptfiguren findet im Grunde nur in solchen Momenten statt. Es sind Zufälle, die sich ergeben, oder eben jene Zwischenräume, welche die beiden Jungen sich innerhalb ihres sehr kleinen Heimatdorfes, in dem jeder jeden zu kennen scheint, erkämpfen oder finden. Die schönen Landschaften mögen darüber hinwegtäuschen, dass dies ein Ort ist, an dem Veränderung nur sehr langsam und spät Einzug hält – und meistens von großem Widerstand begleitet wird. Von den Gesprächen der Erwachsenen am Tisch, welche die beiden Jungen zu Tode langweilen, kann man sich entschuldigen lassen, doch ihre Folgen lassen die Beziehung der beiden nicht unberührt. Sensibel fängt Lu Po-Shun die Annäherung zwischen Jasper und Jun ein, ihre Blicke und ihre Gesten, die sich zu einer innigen Beziehung entwickeln könnten. Es ist aber auch eine Beziehung, die sich ihren Raum suchen muss – gegen sehr viel Widerstand und Missverständnisse.
Sonne und Fische und die Heimat
Der schleichende Wandel der Heimat wird zum Spiegel der Veränderungen in der Welt der beiden Jungen. Jaden Wang und Aloysius Looi zeigen die wachsende Desillusionierung über die Welt ihrer Eltern und Großeltern, die unter dem Deckmantel der Kindeserziehung ihre eigene Korruptheit oder ihre komplizierte Beziehung zur Landbevölkerung verstecken wollen. Die helle Welt der Jugend bleibt bestehen, doch die großen Stauseen und das Meer sind nicht mehr länger die einzigen Fokuspunkte dieser Landschaft, denn schon bald stehen dort die ersten Solaranlagen.
Lu Po-Shun zeigt keinen radikalen Wandel, der jedoch keineswegs ohne Konflikte abläuft. Ein Auftritt der Tanzgruppe, zu der Jun gehört, wird von einer Gruppe Protestierender überlagert, was zu einem Handgemenge zwischen den Feiernden und den Demonstranten führt. Auch die Jungen beginnen sich anzufeinden oder einander auszugrenzen, aber die Pose des toughen Anführers will Jun nicht mehr spielen. Wie bei seinem zärtlichen Blick während des Karaokeabends meint man auch hier, etwas mehr zu erkennen – vielleicht die Gewissheit, dass diese Welt der Jugend angezählt ist.
OT: Ri Guang
Land: Taiwan, Singapur
Jahr: 2026
Regie: Lu Po-Shun
Drehbuch: Lu Po-Shun, Elvens Chen
Kamera: Shyan Tan
Musik: Tseng Yun-Fang
Besetzung: Jaden Wang, Aloysius Looi, Lung Tien Hsiang, Lu Yi-Ching, Andie Chen, Kate Peng, Xing Chang
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