
Als Jessie Alzenberg (Elisa Hofmann) mit ihrer Tochter Mila (Purnima Grätz) in den Schwarzwald fährt, soll das ein möglichst kurzer Aufenthalt werden. Eigentlich will sie nur das Haus ihrer Eltern verkaufen und gleich wieder weg. Doch das gestaltet sich schwierig. So ist das Haus ziemlich heruntergekommen und braucht dringend eine Generalüberholung, damit überhaupt jemand einen Kauf in Erwägung ziehen könnte. Dabei verbindet sie traurige Erinnerungen mit dem Ort. Mehr als 25 Jahre ist es her, dass ihre Schwester Isabel (Xue Lili Pautze) verschwunden ist. Und so sehr die Familie auch suchte, das Mädchen tauchte nie wieder auf. Und das ist nicht der erste Vorfall, der sich in dem Haus ereignet hat, bereits Jahrzehnte zuvor ereigneten sich dort unheimliche Dinge …
Mystery auf drei Zeitebenen
Wer sich das Programm des Ersten anschaut, könnte bei den Eigenproduktionen schnell den Eindruck gewinnen, dass es außer Endloskrimis, dick aufgetragenen Dramen und seichter Unterhaltung nichts zu holen gibt. Dabei produziert die ARD immer wieder sehenswerte Serien, die jedoch im Spätprogramm oder in der Mediathek versteckt werden. Ob das preisgekrönte Zweiflers über jüdisches Leben in Deutschland, Schwarze Früchte über zwei queere schwarze Mittzwanziger oder auch die schräge Anthologie Warum ich?, da ist schon einiges zu entdecken, wenn man einmal genauer hinschaut. Mit House of Yang kommt nun eine weitere Serie hinzu, die aus dem Einerlei des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hervorsticht.
So bewegen wir uns diesmal im Mystery-Bereich, ein Genre, das in Deutschland eher selten Beachtung findet. Von Anfang an lässt einen Regisseurin Mia Spengler (Wir vier und der Enkeltrick) nicht im Zweifel daran, dass da etwas nicht stimmt mit dem Haus. Sehr subtil geht sie dabei nicht vor, wenn das Familienanwesen von lauter Bäumen umgeben ist, alles irgendwie verfallen ist, dazu gibt es ominöse Musik. Doch erst nach und nach gibt sie dem Publikum die Informationen, die es braucht, um sich in dem Nebel der unausgesprochenen Vergangenheit zurechtzufinden. Auf drei Zeitebenen findet das statt. Während die Rahmenhandlung in der Gegenwart spielt, springen wir von dort ins Jahr 1999, als die jüngere Schwester der Protagonistin verschwunden ist. Die dritte Ebene von House of Yang ist im Jahr 1949. Manche Figuren tauchen in zwei dieser Stränge auf, andere nur in einer.
Melancholischer Geheimtipp
Aufhänger der Serie ist dabei natürlich das Verschwinden des Mädchens ein Vierteljahrhundert zuvor. Die Szene gehört auch zu den Höhepunkten, wenn auf ganz einfache Weise etwas Verstörendes dargestellt wird, das eigentlich nicht sein kann. Dennoch sollte man nicht mit den falschen Erwartungen an House of Yang herangehen. So neugierig man auch ist, was mit dem Kind geschehen ist und was es mit diesen Rückblenden auf sich hat: Serienschöpferin Stefanie Ren nutzt diesen Mystery-Rahmen, um eigentlich ein sehr reelles, irdisches Drama zu erzählen. Auch bei diesem spielt die Vergangenheit eine große Rolle, wenn es um Ereignisse geht, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, ohne dass jemals jemand darüber gesprochen hätte. Um Traumata, die sich manifestieren.
Manchen wird das sicherlich nicht gefallen. Die Serie, die 2026 auf der Berlinale Premiere hatte, ist zwar nicht sonderlich lang mit ihren sechs Episoden, von denen keine länger als eine halbe Stunde ist. Aber sie ist auch nicht sonderlich ereignisreich. Recht gemächlich trägt sie Schicht für Schicht ab, während wie mal in der einen, mal der anderen zeitebene unterwegs sind. House of Yang provoziert damit zwangsläufig Vergleiche zu Dark, eine weitere deutsche Mystery-Serie, die auf mehreren Zeitebenen spielt. Doch während sich der internationale Hit vor allem als große Rätselkiste verstand, in die man alles Mögliche hineingestopft hat, bis man gar nichts mehr darin finden konnte, da geht es bei der TV-Produktion stärker um grundsätzliche menschliche Überlegungen. Was fange ich mit meiner Vergangenheit an? Wie schaffe ich es, dieser zu begegnen, ohne mich von ihr definieren zu lassen? Darauf muss man sich einlassen können, wird dann aber mit einem melancholischen Geheimtipp belohnt.
OT: „House of Yang“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Mia Spengler
Drehbuch: Stefanie Ren
Idee: Stefanie Ren
Musik: Marc Fragstein
Kamera: Zamarin Wahdat
Besetzung: Elisa Hofmann, Purnima Grätz, Linda Chang, Emma Bading, Andrea Guo, Vladimir Burlakov, Ursula Werner, Antonia Bill, Max Woelky, Christian Kerepeszki, Clara Jaschob, Yoran Leicher
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