Alpha (Kinostart: 2. April 2026) erzählt die Geschichte der 13-jährigen Alpha (Mélissa Boros), die eines Tages von einer Party zurückkommt und eine Tätowierung hat. Für ihre als Ärztin lebende Mutter (Golshifteh Faharani) ist das eine Katastrophe, da ein Virus umgeht, das sich durch Geschlechtsverkehr und geteilte Nadeln verbreitet. Tatsächlich ist Alphas eigener Onkel Amin (Tahar Rahim) durch seinen Drogenkonsum daran erkrankt. Während die Familie sich um ihn kümmert, erfährt die Jugendliche, was es heißt, von anderen ausgestoßen und gemieden zu werden. Wir haben uns im Rahmen des Filmfest Hamburg 2025 mit Regisseurin und Drehbuchautorin Julia Ducournau unterhalten. Im Interview zum Horrordrama spricht sie über gesellschaftliche Ausgrenzung, Möglichkeiten des Wandels und den Umgang mit dem Tod.
Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Alpha verraten?
Es gibt nicht den einen Punkt, mit dem alles losgeht. Ich glaube nicht an solche Eureka-Momente beim Filmemachen. Es ist so teuer, einen Film zu machen, dass es Wahnsinn wäre, eine Idee zu haben und nur für diese eine Idee den Film drehen zu wollen. Bei mir sind es ganz viele Ideen, die alle irgendwie aus meinem Leben kommen. Das können auch Ideen sein, die ich schon in meinen vorherigen Filmen hatte und die ich jetzt weiterentwickelt habe. Ich nutze meine Filme, um über mein Inneres zu sprechen, und muss dann nicht über mein Leben sprechen.
Eines der Themen, über die du sprichst, ist die Pandemie. Es ist noch nicht so lange her, dass wir alle selbst noch in dieser drinsteckten. Sind die Leute denn schon bereit, sich wieder mit einer zu beschäftigen?
Ich glaube fest daran, dass wir uns damit beschäftigen sollten. In den 1980ern und 1990ern, als die AIDS-Pandemie auf ihrem Höhepunkt war, gab es ganz viele Filme oder Büche über dieses Thema, entweder weil die Leute selbst infiziert waren oder Freunde hatten, die infiziert waren. Sogar Hollywood hat darüber gesprochen, siehe Philadelphia mit Tom Hanks. Aber danach kam eine ganz lange Phase, in der gar nichts mehr kam. Und es ist verrückt, wie sehr dieses Trauma unterdrückt wurde. Dabei war das Trauma gar nicht die Pandemie an sich, sondern die Art und Weise, wie die Infizierten ausgegrenzt wurden und wie ihnen eingeredet wurde, dass sie schuld daran sind, was ihnen passiert ist. Die Betroffenen wurden nie dafür entschädigt, es gab auch keine Entschuldigung. Für mich war das schockierend, weil es bedeutete, dass die Menschen entbehrlich sind. Und auch wenn sich die Wissenschaft seither stark weiterentwickelt hat, das Stigma von damals ist geblieben. Deswegen war es für mich wichtig, Alpha zu machen und wieder über das Thema zu sprechen. Und ich bin sehr froh, dass es noch andere gibt, die ebenfalls wieder angefangen haben. Ich denke, dass Covid bei vielen dieses Trauma wieder wachgerufen hat, weil diese Zeit auch gezeigt hat, wie schnell wir unsere Menschlichkeit verlieren können.
In deinem Film zeigst du, dass nicht nur die Infizierten ausgegrenzt werden. Schon die Angst davor, dass jemand infiziert sein könnte, kann dazu führen, dass jemand ausgegrenzt wird. Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn alle als potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden?
Wir leben ja in einer solchen Gesellschaft. Schau dir die Regierungen an oder das, was auf sozialen Medien Geschieht. Wir schließen kontinuierlich andere aus, nehmen anderen ihre Freiheit oder greifen schon mal andere Länder an. Ich war ein Kind während der AIDS-Pandemie und für mich war es das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Und die Gefühle von damals, die Angst und Machtlosigkeit, die fühle ich momentan sehr stark. Uns stehen wirklich schwierige Zeiten bevor und ich weiß nicht, wohin das alles noch führen wird. Momentan fehlt uns allen die Distanz zu dem, was da gerade geschieht, was es für uns so schwer macht. Der einzige Weg, mich von diesen Gefühlen zu befreien, war es, in die Vergangenheit zurückzureisen und etwas zu finden, das dem von heute entspricht.
Glaubst du denn, dass wir diese Phase irgendwann auch wieder hinter uns lassen werden?
Daran glaube ich fest, weil ich an Zyklen glaube. Ich glaube, dass es für jeden Rückschritt auch einen Fortschritt geben wird – und umgekehrt. Außerdem glaube ich an die Widerstandkraft der Menschen und dass diese irgendwann wieder aufwachen und für ihre Freiheit kämpfen. Deswegen glaube ich, dass es einen weiteren Zyklus geben wird. Ich vertraue da auf die jüngeren Generationen, die sich so viel mehr bewusst sind, als wir es in ihrem Alter waren, und die offener sind. Für mich ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich das alles wieder ändern wird. Ich weiß nur nicht wann das geschehen wird und ich weiß nicht wie. Für mich ist es deshalb auch nicht kitschig, an Liebe und Hoffnung zu glauben. Im Gegenteil: Es ist fast schon eine moralische Pflicht, das zu tun.
Das Thema Wandel war auch letztes Mal bei Titane ganz wichtig. Während deine Hauptfigur damals aber jemand Neues wurde, verschwindet sie hier und zerfällt.
Das sehe ich ganz anders! Schon bei Titane würde ich widersprechen. Sie wird nicht jemand anderes, sondern jemand, der nicht festgelegt ist. Sie wird zu all den Möglichkeiten, die in ihr sind. Am Anfang wird Alexia zu Adrien, um so der Polizei zu entkommen. Später ist sie aber alles zusammen. Bei Alpha ist es so, dass diese Verwandlung der Kranken auch etwas Positives bedeutet. Sie verwandeln sich in Marmor, was das wertvollste Gestein ist, das du finden kannst. Ich nutze dieses Gestein für Menschen, die von der Gesellschaft beschämt und verlassen wurden. Dass ausgerechnet diese Menschen sich in etwas verwandeln, das als wertvoll angesehen wird, macht sie zu einer Art Heiligen. Wir nehmen Marmor, um Heilige und Könige zu repräsentieren. Durch ihren Tod erlangen sie eine Würde, die sie im Leben nicht hatten. Für mich ist ihr Tod daher ein Aufstieg. Es gibt aber auch etwas Negatives dabei: Durch diesen Wandel werden sie zu etwas Festem. Etwas, das sich nicht mehr weiter wandeln kann. Für mich bedeutet Leben aber Wandel und das Akzeptieren von all dem, was möglich ist. Der Tod bedeutet die Abwesenheit eines Wandels. Der Stein symbolisiert also auch den Tod, weil der Stein sich – anders als das Metall in Titane – nicht mehr verändern kann. Das macht es auch so unheimlich, weil in den Infizierten Leben und Tod nebeneinander existieren. Aber Leben bedeutet eben, dass beides zusammen ist.
Ein weiteres Thema in deinem Film ist das Spirituelle. Die Mutter der Protagonistin glaubt fest daran. Ist Spiritualität ein Weg, mit dieser Welt klarzukommen?
Für manche ist es das. Für die Großmutter ist es das sicher. An einer Stelle sagt Amin zu seiner Schwester, dass ihre Mutter die Ausrede, von einer anderen Zeit und einem anderen Ort zu kommen. Sie kommt aus einer Kultur, in der die Menschen fest daran glaubten. Für die Protagonistin gilt das nicht. Sie ist eine selbsternannte Atheistin und arbeitet als Ärztin. Und doch kehrt sie zu dieser Spiritualität zurück, weil sie so große Angst hat um ihre Tochter und sich machtlos fühlt. Sie hat alles versucht und kann doch nichts machen. Spiritualität kann dir dabei helfen, mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Aber das gilt auch für anderes, zum Beispiel die griechische Mythologie oder Märchen. Da gibt es eine Menge, was du lernen kannst.
Es gibt eine sehr traurige Szene, die sich um den möglichen Tod des Bruders dreht und die Schwester alles dafür tut, dass er nicht stirbt. Du hast von dem Tod als etwas gesprochen, das auch etwas Positives sein kann. Wie können wir lernen, das so zu sehen und ihn als Teil des Lebens zu akzeptieren?
Das ist eine schwierige Frage, weil es nicht die eine Antwort darauf gibt. Ich glaube, dass wir Sachen nur verarbeiten können, wenn wir sie auch wirklich annehmen. Etwas zu unterdrücken hilft dir nicht. Das macht es nur schlimmer. Es ist falsch zu glauben, dass die Trauer um jemanden etwas ist, das nur temporär ist. Jemanden zu verlieren, ist ein Wendepunkt, der dich für immer verändert. Das muss du akzeptieren. Natürlich ist es keine schöne Aussicht, den Rest deines Lebens um jemanden zu trauern, der dir wichtig ist. Aber für mich ist da eben auch etwas Hoffnungsvolles in jeder Veränderung, weil sie eine Möglichkeit ist, tiefer in dich selbst zu gehen. Da sind wir wieder bei den Themen Zyklus und Veränderung.
Vielen Dank für das Interview!
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