Benjamin Massoubre Interview Der kleine Nick
Benjamin Massoubre bei der Deutschland-Premiere von "Der kleine Nick erzählt Glück" bei der Französischen Filmwoche 2022

Benjamin Massoubre [Interview]

Ein kleiner Junge mit großer Wirkung: Rund 160 Geschichten rund um den kleinen Nick wurden zwischen 1959 und 1964 zuerst in der französischen Regionalzeitung Sud-Ouest Dimanche abgedruckt und später in Buchform veröffentlicht. Bis heute erfreuen sich die millionenfach verkauften Kinderbücher großer Beliebtheit und wurden mehrfach fürs Kino verfilmt. Der kleine Nick erzählt vom Glück (Kinostart: 1. Dezember 2022) adaptiert einige dieser bekannten Geschichten und kombiniert sie mit Szenen, die mehr über dessen Schöpfer René Goscinny und Jean-Jacques Sempé verraten. Wir haben uns bei der Deutschland-Premiere des Animationsfilms bei der Französischen Filmwoche mit Benjamin Massoubre unterhalten, einem der beiden Regisseure des Films, und ihm im Interview Fragen zum Film und seinem eigenen Bezug zu den Geschichten stellen können.

 

Könntest du uns ein wenig zur Entstehung von Der kleine Nick erzählt vom Glück erzählen? Wie kam es zu dem Film?

Das ist eine lange Geschichte. Es war gar nicht so einfach, die notwendige Finanzierung für den Film zusammenzubekommen, weil wir damit einen ganz eigenen Ansatz verfolgten. Wir wollten darin die Geschichten um den kleinen Nick mit biografischen Informationen zu René Goscinny und Jean-Jacques Sempé verbinden, also eine Mischung aus Adaption und Biopic. Es dauerte ziemlich, bis wie die Leute überzeugen konnten, diesen Film mit uns zu produzieren. Wir haben das Drehbuch auch mehrfach überarbeitet und haben dafür auch mit Anne Goscinny zusammengearbeitet, der Tochter von René. Als wir die Finanzierung zusammenhatten, ging es aber relativ schnell. Vom ersten Storyboard bis zum fertigen Film vergingen rund zweieinhalb Jahre.

Warum habt ihr überhaupt diesen doppelten Ansatz verfolgt und letztendlich zwei Filme in einem gedreht?

Weil für mich diese beiden Teile klar miteinander verbunden sind. Wir wollten mit dem Film zeigen, wie diese Geschichten entstanden sind und welche Bedeutung sie für die Goscinny und Sempé hatten. Der kleine Nick erzählt vom Glück sollte aber auch das Ergebnis zeigen. Denn über einen kreativen Schaffungsprozess zweier Menschen zu reden und dann nicht zu zeigen, worum es dabei ging, das hätte für mich nicht gepasst. Es hat aber auch sehr viel Spaß gemacht, zwischen diesen beiden Teilen hin und her zu wechseln.

Wie sah denn die Arbeit an dem biografischen Teil aus? Wie seid ihr an die ganzen Infos gekommen? Goscinny ist schließlich bereits 1977 gestorben.

Das war für mich, als wäre ich wieder an der Uni. Wir haben viel über die beiden gelesen, die ganzen Biografien, haben uns Archivaufnahmen angesehen. So als würden wir eine Arbeit über sie schreiben. Wir haben uns auch viel mit Sempé ausgetauscht, sowohl über sein Leben wie auch über die Arbeit mit seinen Designs und wie wir diese animieren wollten. Bei Goscinny hatten wir das Glück, dass Anne uns sehr viel zur Verfügung stellen konnte. Wir hatten auch Zugang zu seinem Schreibtisch und seiner Schreibmaschine sowie zu alten Zeichnungen von Sempé. Vor allem aber die Briefe waren sehr wertvoll für uns und haben uns viel verraten. Tatsächlich ist die letzte Szene direkt aus einem wunderschönen Brief entnommen, den Jean-Jacques nach dem Tod von René an seine Frau Gilberte geschrieben hatte und in dem er von der Freundschaft der beiden sprach.

Und wie war es bei den Adaptionen der Geschichte? Goscinny hat so viele geschrieben, wie habt ihr die ausgewählt, die am Ende im Film sind?

Um ganz ehrlich zu sein, hatten wir da nicht viel Einfluss. Anne war es, die diese Geschichten ausgesucht hat. Sie war erst neun Jahre, als ihr Vater starb, weshalb seine Geschichten eine ganz besondere Bedeutung für sie haben. Was uns jetzt wichtig war, dass wir welche mit Mädchen im Film haben wollten. Da die Geschichten in den 50ern spielen, gibt es an der Schule vom kleinen Nick keine Mädchen, da das damals eine reine Jungenschule war. Das hat sich seither natürlich geändert. Wir wollten aber so nah wie möglich am Original bleiben und nicht anfangen, die Geschichten für ein heutiges Publikum umzuschreiben.

Little Nicholas Happy As Can be Le Petit Nicolas: Qu’est-ce qu’on attend pour être heureux
Die Geburtsstunde einer Legende: „Der kleine Nick erzählt vom Glück“ erzählt, wie René Goscinny und Jean-Jacques Sempé die berühmte Kinderfigur erfunden haben. (© Leonine)

Obwohl die Geschichten die Zeit in den 1950ern beschreiben, sind sie bis heute populär, wie man auch an den verschiedenen Adaptionen sieht. Es gab mehrere Live-Action-Filme, die Animationsserie, jetzt euer Film. Was macht die Geschichten für ein heutiges Publikum relevant?

Das liegt glaube ich auch daran, wie diese Geschichten erzählt werden. Der kleine Nick folgt immer der Perspektive von Nick. Durch ihn sehen wir die Welt um ihn herum. Und obwohl sich diese seither stark verändert hat, ist da so viel, das heute noch genauso ist wie damals. Kinder treffen sich noch immer mit ihren Freunden, spielen im Garten hinterm Haus, haben Eltern, gehen zur Schule und verlieben sich in ihre Lehrerinnen. Die Brillanz von Goscinnys Geschichten besteht darin, wie sie diese Phase im Leben festhalten und für alle spürbar machen.

Erinnerst du dich daran, wie du selbst das erste Mal mit Der kleine Nick in Berührung kamst?

Klar! Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Mein Vater war Lehrer, mein Großvater war Lehrer. Ich bin da eher das schwarze Schaf, indem ich Filme drehe. (lacht) Mein Vater nahm diese Bücher, um mich zum Lesen zu animieren, so wie mein Großvater ihm diese Geschichten vorgelesen hat. Jetzt bin ich es, der sie meinen Kindern vorliest. Nick war also immer ein wichtiger Bestandteil in meiner Familie.

Und wie war das für sich, seine Geschichten zu lesen?

Ich mochte dieses Gefühl des Altmodischen, auch wenn ich nicht genau weiß warum. Hinzu kommt, dass ich auf dem Land aufgewachsen bin in einem ganz kleinen Dorf, während Nick in der Stadt lebt. Bei ihm gibt es Straßen und Parks. Mit ihm dort unterwegs zu sein, war für mich das Tor zu einer anderen Welt. Das machte einen Teil des Reizes aus, weil sein Leben so anders war als mein eigenes.

Neben Nick gab es in den Büchern unzählige andere Figuren, die immer wieder auftauchten. Welche war deine Lieblingsfigur?

Für mich war das Alceste (Anm. d. Red: in der deutschen Fassung heißt er Otto), der Dicke in der Clique. Ich war selbst dick, als ich aufgewachsen bin, und kann mich deshalb gut mit ihm identifizieren. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Er war damals mein Favorit und ist es noch immer, als ich an dem Film gearbeitet habe.

Wie schwierig war es für dich, ihn und all die anderen als animierte Figuren zum Leben zu erwecken?

Das war schon auch eine Last, eben weil diese Figuren so populär sind und ich ihnen gerecht werden wollte. Deswegen war es für mich sehr wichtig, wirklich nah am Original zu bleiben und die Figuren so zu belassen, wie sie Goscinny und Sempé damals angelegt haben.

Du hast vorher schon an mehreren anderen Animationsfilmen gearbeitet. Der kleine Nick erzählt vom Glück ist aber der erste, bei dem du auch Regie geführt hast. Wie war diese Erfahrung für dich?

Das war klasse! Ich habe es sehr genossen, das machen zu dürfen. Die Arbeit an den anderen Filmen hat mich dabei gut vorbereitet. Zum einen habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Aber auch weil ich viele aus dem Team schon kannte und die eine sehr große Hilfe waren. Das war schon eine tolle Zeit und ich will auch weiterhin Regie führen.

Bei deinen bisherigen Filmen hast du mit den unterschiedlichsten Animationstechniken gearbeitet. Welche ist dein persönlicher Favorit?

Ich liebe klassisches 2D. 3D ist natürlich gut für Kameraarbeit. Du kannst damit Sachen machen, die an Live Action heranreichen. Aber mein Herz schlägt für 2D. Deswegen würde ich mir selbst immer das aussuchen oder auch einen Mix aus 2D und 3D, wie wir es bei Ich habe meinen Körper verloren getan haben.

Und welche Animationsfilme haben dich persönlich inspiriert?

Ich bin wie gesagt auf dem Land aufgewachsen, wo du nicht die Möglichkeit hattest, sehr viele Filme zu sehen. Es gibt aber das Kurzfilmfestival in Clermont-Ferrand, das sehr berühmt ist. Auf diese Weise habe ich so unglaubliche Sachen gesehen und gelernt, wie man Geschichten erzählen kann. Wenn ich Langfilmen einen Favoriten wählen müsste, wäre es wahrscheinlich The Nightmare Before Christmas oder Prinzessin Mononoke. Das sind natürlich keine Geheimtipps oder so. Ich würde jetzt auch gern irgendwelche ganz obskuren Titel nennen, von denen niemand je gehört hat. Aber die Wahrheit ist, dass diese beiden Filme meine Favoriten sind.

Eine Sache, die mir bei Der kleine Nick erzählt Glück so gefallen hat, waren die Szenen, in denen Goscinny und Sempé mit den animierten Figuren ihrer Geschichten interagieren. Wenn du eine beliebige animierte Figur treffen könntest, welche würdest du wählen?

Das ist eine großartige Frage! Da gäbe es sehr viele, die ich gern einmal treffen würde. Jack Skellington natürlich. Oder auch das Schwein aus Miyazakis Porco Rosso. Mit ihm in eine Bar zu gehen, das stelle ich mir sehr lustig vor.

Letzte Frage: Was sind deine nächsten Projekte? Woran arbeitest du?

Das sind zwei. Zum einen will ich einen Realfilm drehen. Mir hat es so viel Spaß gemacht, bei Der kleine Nick erzählt Glück mit Schauspielern zu arbeiten, dass ich jetzt gern einen wirklichen Film mit ihnen drehen würde. Außerdem noch ein Animationsprojekt, über das ich im Moment aber noch nicht reden kann.

Vielen Dank für das Gespräch!



(Anzeige)