Call Jane
© DCM / Wilson Webb

Call Jane

Call Jane
„Call Jane“ // Deutschland-Start: 1. Dezember 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Chicago, 1968: Die konservative Hausfrau und Mutter Joy (Elizabeth Banks) wird ungeplant erneut schwanger. Zunächst ist die Freude groß, doch der Arzt warnt sie, dass die Schwangerschaft eine ernsthafte Gefahr für ihr Leben darstellt. Ohne die Möglichkeit, die Schwangerschaft legal beenden zu lassen, wendet sich Joy verzweifelt an „Jane“. „Jane“ ist eine Gruppe Feministinnen, die illegale Schwangerschaftsabbrüche organisieren und Joys Leben schon bald auf den Kopf stellen.

Die wunderbaren Sechziger?

Nach ihrer Drehbucharbeit an Carol begibt sich Phyllis Nagy ein zweites Mal in die Nachkriegs-USA. Dieses Mal führt sie auch Regie und kann dabei zumindest bedingt an Todd Haynes meisterhafte Arbeit anknüpfen. Besonders die Inszenierung der Abtreibungen ist hervorzuheben. Nagy arbeitet mit vielen Plansequenzen, um den Szenen eine große Intensität zu bescheren. Dennoch bedienen sich die Szenen nie einer traumatisierenden Wirkung. Vielmehr wird gezeigt, unter welchen Bedingungen Abtreibung durchgeführt werden sollten und wie damit umgegangen werden sollte. Der Film enttabuisiert und entmystifiziert das Thema und gibt damit natürlich einen klaren und wichtigen Zuspruch zur Abtreibung als Zeichen der weiblichen Selbstbestimmung.

Bemerkenswert ist auch die Darstellung des Nachkriegskonservativismus in den USA. Nagy spielt durch die Belichtung sowie dem Zeigen hübscher Autos und scheinbar problembefreiter Suburbs mit der Romantisierung der Sechziger als Zeit individueller Freiheit, wie es beispielsweise auch ein American Graffiti tut. Sie kontrastiert diese Darstellung aber mit der harten Realität dieser Zeit. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den limitierten Rechten und Möglichkeiten von Frauen. Hierbei zentral ist natürlich die Hauptfigur Joy. Diese geht völlig in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter auf, beginnt aber zu realisieren, wie eingeschränkt ihr Leben doch ist und wie feindselig sich ihr Umfeld ihr gegenüber bei einer Veränderung dieser Umstände verhält.

Unpolitisches Plädoyer für Zivilcourage

Trotzdem ist Call Jane ein ziemlich unpolitischer Film, der sich weitestgehend auf das Lob von Zivilcourage beschränkt. Ausgehend davon, in was für einer politisch explosiven Zeit die Handlung spielt, findet das Geschehen regelrecht isoliert von sowohl seiner strukturellen Verankerung als auch deren politischen Konsequenzen statt. Themen wie die Black Panthers oder die Nachwehen der McCarthy-Ära werden zwar am Rande erwähnt, jedoch nicht weiter behandelt. Auch die politischen Akteure werden quasi egalisiert. Dafür, wie zentral die von verschiedenen Lobbys gestützte Gesetzeslandschaft für die Ausgangssituation der Handlung ist, wird sich erstaunlich wenig mit dieser Lage befasst.

Eine fehlende Reflexion der Figuren in dieser Hinsicht mag zwar ein durchaus adäquates Bild der von Konservativismus geprägten Zeit sein, kann vom Film aber nicht ohne Problematisierung stehen gelassen werden. Besonders prägnant ist eine Szene, in der Joy darüber scherzt, dass sie im Gegensatz zu ihrem Mann demokratisch wählen wollte, aber ganz vergessen hat, dass Wahl war.

Call Jane steht wie so viele US-amerikanische Medieninhalte für ein grundsätzliches Misstrauen in staatliche Institutionen. Es versteht sich von selbst, dass die Institutionen von gesellschaftlichen Problemen wie Sexismus und Rassismus durchzogen waren und in Teilen auch immer noch sind. Ebenso selbstverständlich ist auch, dass die im Film erbrachte Zivilcourage notwendig und aller ehrenwert ist. Der Film zieht daraus aber den Schluss, eine gesellschaftliche Veränderung müsse an solchen Institutionen vorbeigehen und stattdessen alleinig aus der Zivilbevölkerung kommen.

Wohlfühl-Feminismus

Dass das ein Trugschluss ist, wird vor allem dann deutlich, wenn man bedenkt, wie versöhnlich der Film durch seinen Fokus auf Zivilcourage ist. So sieht Call Jane letztlich davon ab, das Patriarchat aufzulösen zu müssen, sondern plädiert dafür, dieses für sich zu gewinnen. Tatsächlich sind es in vielen Momenten eben doch wieder die Männer, deren Bereitschaft zu helfen entscheidend ist. Immer wieder wird die Koexistenz von progressivem und repressivem System gepredigt. Dass dies schlicht unmöglich ist, übersieht der Film.

Jetzt könnte man argumentieren, dass so ein Vorgehen in der Situation der Sechziger funktionell notwendig gewesen sei. Das ist natürlich richtig und es gehört wiederholt, dass der humanitäre und in Teilen auch gesetzliche Erfolg nicht zu leugnen ist. Trotzdem ist, sich damit zu begnügen, die Art reaktionären Verhaltens, das eine nachhaltige Veränderung unmöglich werden lässt.

Credits

OT: „Call Jane“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Phyllis Nagy
Drehbuch: Hayley Schore, Roshan Sethi
Kamera: Greta Zozula
Musik: Isabella Summers
Besetzung: Larissa Kate Mara, Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Wunmi Mosaku, Chris Messina, Cory Michael Smith

Bilder

Trailer

Filmfeste

Sundance Film Festival 2022
Berlinale 2022

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Call Jane
fazit
„Call Jane“ ist ein toll inszenierter Film, der ein wichtiges Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung hält. Dabei ist er aber sehr versöhnlich und versucht auch die Gegner*innen dieser Agenda anzusprechen. Letztlich räumt er dem Konservativismus zu viel Raum ein und macht sich somit seinen progressiven Anspruch ein Stück weit kaputt.
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