In einem Land das es nicht mehr gibt
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In einem Land, das es nicht mehr gibt

In einem Land das es nicht mehr gibt
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“ // Deutschland-Start: 6. Oktober 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Suzie (Marlene Burow) steht kurz vor dem Abitur und will demnächst Literatur studieren. Aber ausgerechnet die Liebe zu Büchern gerät ihr zum Verhängnis. Suzie wird mit „1984“ von George Orwell erwischt. Das bedeutet in der damaligen DDR: Raus aus der Schule, rein in die Produktion. Aber zufällig schießt Starfotograf Coyote (David Schütter) ein Bild der 19-Jährigen, morgens um halb fünf in der Straßenbahn, auf der Fahrt zur Fabrik. Das Foto landet in der angesagten Modezeitschrift „Sibylle“ und ebnet Suzie den Weg in die Modewelt des Arbeiter- und Bauernstaats, sowohl in die offizielle Schönheitsindustrie als auch in die Underground-Szene. Hier trifft sie Chefredakteurin Elsa Wilbrodt (Claudia Michelsen), eine Art ostdeutsche Anna Wintur. Und den schwulen Visagisten Rudi (Sabin Tambrea), der ständig aneckt, aber wie eine Katze immer wieder auf die Füße fällt.

Kein Geschichtsunterricht

DDR und Mode? War das nicht verpönt im „real existierenden Sozialismus“, wo das Kollektiv alles und der einzelne nichts bedeutete? Offenbar nicht. Die Modeszene erkämpfte sich eine Nische relativer Freiheit. Der staatseigene VHB Exquisit entwarf für seine 300 Läden relativ teure, aber vergleichsweise schicke Klamotten, das Bedürfnis nach Schönheit war hier kein Tabu. Aber das Stopfen von Wissenslücken ist nicht das wichtigste Anliegen im eindrucksvollen Film von Aelrun Goette, die selbst mit 19 von einer DDR-Schule flog und ebenso zufällig wie ihr Alter Ego Suzie für die „Sibylle“ entdeckt wurde. Es geht der Regisseurin um das unstillbare Bedürfnis nach Freiheit, das sich selbst in einem Überwachungsstaat herrschaftsfreie Zonen erobert, Inseln der Selbstverwirklichung und Kreativität. Ihr buntes Bild des „Landes, das es nicht mehr gibt“ erinnert an Arbeiten wie Lieber Thomas (2021) von Andreas Kleinert, Adam und Evelyn (2018) von Andreas Goldstein oder Gundermann (2018) von Andreas Dresen. Sie alle wollen wegkommen von eindimensionalen Stasi-Geschichten, hin zu Zwischentönen.

Nicht zufällig spielt die Geschichte in einem Sommer, dem Sommer 1989. Suzie und ihre kleine Schwester Kerstin (Zoé Höche) hören Rock’n’Roll in einem ausrangierten Trabi, tanzen ausgelassen auf einer Wiese, draußen am Rand von Ostberlin, in einer kleinen grünen Idylle. Ein Hauch von Revolte liegt längst in der Luft, als Suzie mit Kopfhörern auf dem Ohr zur Schule kommt und gar nicht mitkriegt, dass die beiden Polizisten am Eingang tatsächlich sie meinen. Auch optisch kreiert Kameramann Benedict Neuenfels immer wieder zwei Welten, die wie Paralleluniversen umeinander kreisen: das entsättigte Grau-Grün von Fabrik oder Staatsapparat und die lichtdurchfluteten Tempel der Kreativen. Es sind wohl durchdachte, aber keine überstilisierten Bilder. Sie stellen sich in den Dienst der Wirklichkeit – und laden zum Fliegen ein.

Neben Suzie, berührend fragil und zugleich kraftvoll gespielt von der Newcomerin Marlene Burow, bekommt ein ganzes Ensemble von Schauspielern die Chance zu eindrücklichen Auftritten. Allen voran Sabin Tambrea als blondierter, an David Bowie erinnernder Paradiesvogel Rudi. Er hat es besonders schwer in der DDR, wo es ihn als Schwulen offiziell gar nicht geben darf. Gegen die Ausgrenzung setzt Sabin Tambrea eine starke Präsenz, schillernd im Äußeren, und im Inneren gefestigt wie ein Gläubiger, ein Prophet des aufrechten Gangs.

Nur die Apparatschiks sind grau

Ebenfalls von magnetischer Anziehungskraft: David Schütter in der Rolle des Fotografen Coyote, der seinem Berufsverbot trotzt wie einst der junge Marlon Brando den Autoritäten, lässig mit Lederjacke, sprühend vor Sinnlichkeit – ein Bauchmensch, der nur seinen Instinkten vertraut. Eine echte Berliner Type gibt Jördis Triebel als Vorarbeiterin Gisela, ein warmherziges Muttertier mit kessen Sprüchen und dem Herz auf dem rechten Fleck, voller Humanismus trotz Staats- und Parteitreue. Nur wenige Figuren sind so grau gezeichnet wie die paar Apparatschiks, die meisten sind so prall und widersprüchlich wie das Leben selbst, dem sie tatsächlich entstammen. Aelrun Goette, die auch das Drehbuch schrieb, hat sie aus mehreren realen Vorbildern zusammengesetzt. Die Figur des Rudi folgt sogar einer einzigen wirklichen Person, nämlich Frank Schäfer, der schon in den 1980ern auf High Heels durch Ostberlin stolzierte.

So vielfältig wie die Charaktere sind auch die Themen, die der detailgenau und üppig ausgestatte Film wie beiläufig anschneidet. Neben dem Coming-of-Age von Suzie spielen universell gültige Anliegen von Identität, Zugehörigkeit, Solidarität und Verrat eine Rolle, ohne dass sie eigens ausbuchstabiert werden. Vor allem aber erzählt der flüssig komponierte Film von einer Ausnahmezeit im Übergang. Von einer Epoche, in der alles möglich scheint, weil das Alte zerbröselt und das Neue sich noch gestalten lässt. Die Energie, die dabei freigesetzt wird, hat alle Beteiligten beflügelt, Schauspieler, Kameramann, Kostüm- und Szenenbildner. Sie lassen etwas aufleben, was es nicht mehr gibt und was trotzdem präsent bleibt: als ewige Sehnsucht, solange es Menschen gibt. Ganz im Sinne von Thomas Brasch, den der Film zitiert: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“.

Credits

OT: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Aelrun Goette
Drehbuch: Aelrun Goette, Sathyan Ramesh
Musik: Boris Bojadzhiev
Kamera: Benedict Neuenfels
Besetzung: Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen, Jördis Triebel

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über den Film erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, mit Regisseurin Aelrun Goette ein Interview über In einem Land, das es nicht mehr gibt zu führen.

Aelrun Goette [Interview]

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In einem Land, das es nicht mehr gibt
fazit
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“, erzählt nicht nur von der hierzulande recht unbekannten Mode- und Undergroundwelt der DDR, sondern vor allem von einem universellen Freiheitsdrang, der sich durch nichts aufhalten lässt. Der autobiografisch angehauchte Film von Aelrun Goette pflegt keine Nostalgie, sondern lässt sich von der Welle des Aufbruchs tragen.
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