One of These Days
© Flare Film / Michael Kotschi

One of these Days

„One of these Days“ // Deutschland-Start: 19. Mai 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Kyle (Joe Cole) ist ein zurückhaltender, freundlicher junger Mann. Er arbeitet in einem Fast-Food-Drive-In, aber das reicht nicht, um mit seiner Frau Maria (Callie Hernandez) und dem Baby über die Runden zu kommen. Umso größer ist seine Freude, als er beim „Hands-on“-Wettbewerb des örtlichen Autohauses mitmachen darf. Es gibt einen Pickup zu gewinnen, wie jedes Jahr, wenn der Händler mit Hilfe von PR-Frau Joan (Carrie Preston) die etwas kuriose Werbetrommel rührt. Den Wagen gewinnt, wer unter 20 Teilnehmern am längsten die Hände auf dem Auto lässt, zumindest eine Hand. Das Geduldsspiel kann bis zu vier oder fünf Tagen dauern, dann zwingen Schlafmangel, Erschöpfung und Halluzinationen auch den Hartnäckigsten in die Knie. Aber Kyle sieht seine Chance gekommen, dem Leben seiner kleinen Familie eine neue Richtung zu geben. Er braucht das Geld, das die Riesenkiste einbringt. Schließlich will der abgebrannte Familienvater seinem Sohn in drei, vier Jahren das erste Fahrrad kaufen können.

Auto mit Heiligenschein

Fahrrad? Erstaunlich hier im ländlichen Texas, wo jeder Fußgänger der Polizei verdächtig vorkommt. Wie eine Reliquie steht denn auch der Pickup in einem kathedralenartigen Zelt, festlich beleuchtet, in einen Heiligenschein getaucht. Die Kamera, das Licht, die Rauminstallation geben für kurze Augenblicke stille, ironisch aufgeladene Kommentare ab, trotz der anfangs dokumentarisch anmutenden Inszenierung. Trotzdem hat der Fetischcharakter des Fortbewegungsmittels nicht nur einen satirischen Sinn, sondern auch einen dramaturgischen. All die Wunschphantasien und Projektionen machen das Auto zum Mitspieler. Aus seiner Perspektive heraus wird gefilmt, es hält den Motor der Spannung in Gang, und seine Macht ist größer als die seiner Anbeter. Es sind ja kleine Leute, die sich hier zum Affen billiger Unterhaltung machen lassen – Menschen, die sich keinen Pickup leisten können. Das Fernsehen ist immer dabei, ganz so wie im Dschungelcamp oder anderer Ausscheidungswettbewerbe hiesiger Privatsender.

Regisseur Bastian Günther hätte aus der Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert, locker eine billige Persiflage auf die verrückten Hinterwäldler der Südstaaten machen können. Aber er hat es zum Vorteil eines genaueren Blicks nicht getan. Der aus Deutschland stammende und mit einer Amerikanerin verheiratete Filmemacher (Houston, 2013) nutzt seine Lebenssituationen für eine zweifache Perspektive. Da er zeitweise in Texas und zeitweise in Berlin lebt, fühlt er sich in den USA nach wie vor als Außenstehender: als jemand, der mit fremden Augen auf Kuriositäten sieht, die den Einheimischen ganz normal vorkommen. Zugleich aber kennt der Autorenfilmer die Texaner gut genug, um hinter die Fassade forcierter Lockerheit zu blicken. Gerade die beiden Hauptfiguren Kyle und Joan sind in Günthers Drehbuch keine Schießbudenfiguren, sondern komplexe Charaktere. Es gehört deshalb zu den stärksten Momenten des Films, wenn die Kamera sich Zeit für einen intensiven Blick in die Gesichter des verarmten Familienvaters und der vereinsamten PR-Frau nimmt. Ohne auf die Mitleidsdrüse zu drücken, öffnen sich Räume der Empathie mit den Zukurzgekommenen.

Atmosphärisch dicht

Zugleich zeichnet die atmosphärisch dichte Inszenierung ein subtiles Bild der Konkurrenzgesellschaft. Jeder kämpft gegen jeden. Das führt zu schmutzigen Tricks, kleinen Tritten gegens Schienbein, zermürbenden Sticheleien. Aber es entwickeln sich auch Momente der Solidarität. Die zu Unterhaltungszwecken Missbrauchten schließen sich zusammen gegen die Schaulustigen, die sich am Leiden und Scheitern erfreuen. Die zum Stillstand Gezwungenen fangen an, gemeinsam um den Wagen herumzugehen und trotzdem die Hände am Blech zu lassen. Das funktioniert nur in einer abgesprochenen Aktion und sogar dann, wenn zwei von 20 nicht mitmachen. Man liest aus der Bibel, singt die Nationalhymne. In das Drama mischen sich leichtere, humorvolle Töne – jenseits der ironischen Spitzen gegen die spezifisch amerikanische Gewinner- und Gute-Laune-Mentalität.

Vier Tage sind lang. Und 120 Filmminuten sind es ebenfalls, wenn die quälende Endlosigkeit eines stupiden Wettbewerbs fühlbar gemacht werden soll. Aber das Drehbuch findet Gegengewichte, die den Unterhaltungsfaktor des Films nicht absacken lassen: Konflikte, Nebenhandlungen, Überraschungen. Vor allem aber ist es die intensive Kameraarbeit von Michael Kotschi, die auf ihre Art die Spannung hält: indem sie die drückende Hitze dieses Sommers fühlbar macht, in dem sie quasi unter die Haut der Gequälten schlüpft, und indem sie schließlich den Realitätsverlust ins Bild setzt, den vier schlaflose Nächte nach sich ziehen.

Credits

OT: „One of these Days“
Land: USA, Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Bastian Günther
Drehbuch: Bastian Günther
Musik: The Notwist
Kamera: Michael Kotschi
Besetzung: Carrie Preston, Joe Cole, Callie Hernandez, Devyn A. Tyler, Michael Krikorian, Cullen Moss, Lynne Ashe

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über One of These Days erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, uns im Interview mit Regisseur Bastian Günther über das Drama auszutauschen.

Bastian Günther [Interview]

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One of these Days
Fazit
„One of these Days“ schildert einen kuriosen Wettbewerb um den Gewinn eines Pickups, der dem Trash-Fernsehen in nichts nachsteht. Regisseur Bastian Günther macht daraus ein dicht inszeniertes Drama, das neben satirischen Einlagen zum Mitfühlen und Nachdenken einlädt. Auch über die Konkurrenzgesellschaft diesseits des großen Teiches – und das eigene Hamsterrad darin.
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