X
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X (2022)

X
„X“ // Deutschland-Start: 19. Mai 2022 (Kino) // 28. Oktober 2022 (DVD/Blu-ray)

Inhalt / Kritik

So richtig viel gibt das Haus eigentlich nicht her: Es ist alt, recht heruntergekommen und liegt am Arsch der Welt. Aber genau das macht es für den Produzenten Wayne Gilroy (Martin Henderson) und den Regisseur R.J. (Owen Campbell) so interessant, schließlich brauchen die beiden einen Ort, an dem sie ungestört ihren Porno drehen können. Und so machen sie sich auf den Weg, gemeinsam mit Schauspieler Jackson Hole (Scott Mescudi), den Stripperinnen Maxine (Mia Goth) und Bobby-Lynne (Brittany Snow) sowie R.J.s für den Ton zuständige Freundin Lorraine (Jenna Ortega). Die erste Begegnung mit Howard (Stephen Ure) ist etwas unangenehm. Doch nach dem schwierigen Einstieg sind sie guter Dinge, geben sich mehr und mehr den Dreharbeiten bin. Wenn da nur nicht Howard und seine eigenartige Frau wären …

Comeback des Horror-Regisseurs

Die meisten Horrorfans dürften zwischenzeitlich Ti West mehr oder weniger abgeschrieben haben. Nachdem er mit Filmen wie The Innkeeper bekannt geworden war, wechselte er 2016 das Genre und versuchte sich an dem humorvollen Western In A Valley of Violence. Der wurde zwar von der Kritik wohlwollend aufgenommen, floppte aber böse an den Kinokassen. Und so kehrte er dem Kino insgesamt den Rücken, viele Jahre lang. Dann und wann arbeitete er an Serien, drehte beispielsweise einzelne Episoden für Soundtrack und Them. Als eigenständiger Geschichtenerzähler schien seine Zeit aber bereits vorbei zu sein. Umso überraschender ist das Comeback, das er nun mit X feiert. Denn dieses bedeutet gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Dabei geht es nicht allein darum, dass er seinen ersten Horrorfilm seit The Sacrament 2013 vorlegt. Vielmehr stellt die Geschichte um eine Porno-Crew, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, selbst eine Zeitreise dar. So spielt diese 1979, als die Leute gerade erst merkten, wie viel Geld mit solchen selbstgedrehten Sexfilmchen zu machen ist. Entsprechend herrscht hier zu Beginn des Films auch eine recht ausgelassene Aufbruchsstimmung. Das Team träumt von Ruhm, von Reichtum – und natürlich jeder Menge Sex. X hätte deshalb durchaus auch ein Zeitporträt sein können. Ein historisches Pendant zu Pleasure wenn man so will. Wäre da nur nicht eine frühe Szene, in der West das Ende vorwegnimmt. Ein Ende, das auch für die Figuren ein blutiges und brutales Ende bedeuten wird. Wer genau da alles vorzeitig aus dem Leben scheidet, wird zwar nicht verraten. Wohl aber, dass es mehrere betreffen wird.

Kunstvoll und stylisch

Bis diese letzte Frage beantwortet wird, lässt sich West aber Zeit. Viel Zeit. Im Gegensatz zu heutigen Slashern, wo die ersten Morde schon stattfinden, noch bevor wir beim Titel angekommen sind, geschieht in X lange gar nichts. Genauer ist die Geschichte schon zu zwei Dritteln vorbei, bevor es denn mal so richtig losgeht. Wer hier mit der Erwartung rangeht, ein Dauergemetzel zu erleben, der ist also sprichwörtlich im falschen Film. Vorher begnügt sich der Regisseur und Drehbuchautor mit Andeutungen und einer unheilvollen Stimmung. Nicht allein das vorweggenommene Ende bereitet das Publikum darauf vor, dass sehr bald sehr viel sehr schief gehen wird. Auch sonst ist der Film geprägt von einer düsteren Atmosphäre, die in einem scharfen Kontrast steht zu der eigentlich recht hübschen und idyllischen Gegend, die zudem sonnendurchflutet ist.

Ohnehin ist X ein sehr schöner Film, zumindest wenn man das allein auf die Optik bezieht. Das bewusst körnige Bild stimmt nostalgisch, interessante Perspektiven sorgen für Abwechslung. Das ist alles sehr kunstvoll und stylisch inszeniert, die passende Musik inklusive. Die audiovisuelle Umsetzung sorgt dann auch in den Momenten für Spannung, wo die Handlung nicht viel hergibt. Was immer mal wieder der Fall ist. Und doch ist das Horrorwerk, das auf dem South by Southwest Festival 2022 Weltpremiere hatte, kein reines Style over Substance. Der Film hat im Gegenteil selbst ohne viel Handlung deutlich mehr zu sagen als viele andere Genrevertreter, wenn es um Sehnsüchte geht, um Entfremdung, um den Schrecken des Alterns.

Zwischen stiller Tragik und blutiger Absurdität

Diese erstaunlich rührenden, teils sogar tieftraurigen Passagen werden mit deutlich deftigeren kontrastiert. In diesen demonstriert West auch immer mal wieder Sinn für Humor, wenn er die Absurdität des Szenarios auskostet. Genrefans werden daran ihren Spaß haben. Und natürlich auch an den vielen Zitaten, die der Filmemacher hier eingebaut hat. Neben naheliegenden Vergleichen zu Backwoods Horror à la Texas Chain Saw Massacre gibt es Referenzen an vergangene Klassiker, vor denen sich der Regisseur verneigt, ohne sich deshalb gleich der Nostalgie zu ergeben, wie es in den letzten Jahren oft geschehen ist. Zusammen mit den guten schauspielerischen Leistungen, bei denen natürlich Mia Goth in mehrfacher Hinsicht herausragt, wird X tatsächlich zu einem gelungenen Comeback, das der Ahnenreihe würdig ist und doch auch neugierig auf die Zukunft macht.

Credits

OT: „X“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Ti West
Drehbuch: Ti West
Musik: Tyler Bates, Chelsea Wolfe
Kamera: Eliot Rockett
Besetzung: Mia Goth, Jenna Ortega, Martin Henderson, Scott Mescudi, Brittany Snow, Stephen Ure

Bilder

Trailer

Interview

Wie kam er auf die Idee für X? Und was haben Pornos und Horror gemeinsam? Diese und weitere Themen stehen in unserem Interview mit Regisseur Ti West auf dem Programm.

Ti West [Inteview]

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X (2022)
Fazit
„X“ begleitet eine Crew, die einen Pornofilm drehen möchte und dabei auf ein seltsames älteres Ehepaar stößt. Die Hommage an vergangene Zeiten verneigt sich vor den Klassikern des Horrorgenres, steht dabei aber durchaus auf eigenen Beinen. Wer sich damit abfinden kann, dass über weite Strecken sehr wenig geschieht, findet hier einen sehr stylischen und streckenweise überraschend tragischen Slasher.
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