Axiom 2022
© Martin Valentin Menke / Bon Voyage Films

Axiom

Axiom 2022
„Axiom“ // Deutschland-Start: 30. Juni 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Julius (Moritz von Treuenfels) ist Ende zwanzig, wohnt in einer WG und hat einen eher langweiligen Job als Museumswärter. Bei einem Gespräch während der Arbeitspause lädt er seinen neuen Kollegen Erik (Thomas Schubert) spontan zu einem Wochenendausflug ein, auf den auch drei Freunde von Julius mitkommen. Die Gruppe will ein paar Tage auf dem Boot von Julius’ wohlhabenden Eltern verbringen. Doch der Ausflug verläuft anders als geplant und gibt Julius’ Freunden Anlass zur Sorge. Auch seine Mutter ist besorgt, doch Julius versichert ihr, es gehe ihm gut und er habe sogar eine Frau kennengelernt, mit der er eine ernsthafte Beziehung begonnen hat. Nach und nach wird jedoch deutlich, dass viele der Dinge, die Julius anderen über sich erzählt, nicht der Wahrheit entsprechen. Den Menschen in seinem Umfeld wird klar, dass sie ihn gar nicht wirklich zu kennen scheinen. Kommt er wirklich aus einem reichen Elternhaus? Gibt er nur vor, eine Freundin zu haben? Warum erzählt er die Erlebnisse anderer Menschen so nach, als wären es seine eigenen?

Ein Film voller Fragen

Nicht alle diese Fragen beantwortet der Film von Regisseur und Autor Jöns Jönsson (Lamento), der auf der Berlinale 2022 seine Weltpremiere gefeiert hat. Er wirft aber noch viele mehr auf und widmet sich von Anfang an großen, tiefgründigen Themen. Schon in einer der ersten Szenen hält Julius seinem Kollegen einen Vortrag über die Ausbeutung des Arbeitnehmers. Dabei fallen Schlagworte wie Tyrannei und Sklaverei. Es sei wichtig, nein sagen zu können, sonst könne man überhaupt nicht verhandeln, ist Julius überzeugt. Wenig später, als er gemeinsam mit seinen Freunden auf dem Weg zum Hafen durch Wald und Wiesen stapft, entspinnt sich in der Gruppe schnell eine Diskussion über Moral und Glaube, Gut und Böse. Es geht um Gott, Evolution, Demokratie, Gerechtigkeit – ziemlich verkopft wirkt das alles und man wünscht sich, man hätte die beteiligten Figuren etwas besser kennengelernt, bevor man Zeuge solch inhaltsschwerer Gespräche wird. Gleichzeitig zieht einen aber in erster Linie das vollkommen überzeugende und natürliche Schauspiel aller Darsteller, ganz besonders das von Hauptdarsteller Moritz von Treuenfels, vollkommen in seinen Bann.

„Wir glauben gerne, dass wir Dinge wissen“, erklärt Julius im Lauf der Diskussion den anderen. Die Grundpfeiler unseres Weltbildes und unseres Wertesystems sehen wir als unverrückbar an. Aber sind sie das wirklich? Und wie kommen wir eigentlich zu den Überzeugungen, an denen wir uns orientieren? So gerne Julius über den Unterschied zwischen glauben und wissen referieren zu scheint, so problematisch scheint die Abgrenzung zwischen beidem für ihn selbst zu sein. Seine Identität, seine Beziehungen zu Familie, Kollegen, Freunden – nichts davon scheint bei ihm gefestigt zu sein bzw. er scheint sich nicht festlegen zu wollen. Stecken dahinter bei ihm nur die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt und die Lust am Ausprobieren, das Spielen mit Identitäten? Oder hat er Angst, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen? Nach und nach realisiert man jedenfalls, dass seine von anderen Menschen gestohlenen Erlebnisse, seine immer wieder völlig anders wiedergegebene Biografie und seine Lügengeschichten etwa über seinen Beruf weit mehr sind als nur ein harmloses Spiel.

Komplexes Spiel mit Identitäten

Auch wenn einzelne Szenen hier manchmal Assoziationen zu Toni Erdmann oder Abbas Kiarostamis Die Liebesfälscher wachrufen, hat Axiom niemals die Komik oder Leichtigkeit dieser beiden Filme. Darum geht es Jönsson auch gar nicht. Julius’ Verhalten mag anfangs noch kurios, sogar witzig erscheinen. Der Ton des Films insgesamt ist aber sehr ernst und schließlich zeigt sich, dass Julius tiefgehende Probleme haben muss. Sein Spiel mit Identitäten und seine Weigerung, sich festlegen zu wollen beruhen auf einer Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Oder ist es nur die Sehnsucht nach einem anderen Leben? Während der Film im Hinblick auf Kameraeinstellungen und Schnitt äußerst ruhig und bewusst unspektakulär inszeniert ist, so sind die Interaktionen zwischen den Figuren immer wieder hoch komplex. Nie kann man sich wirklich sicher sein, ob Julius seine Märchen nicht vielleicht doch glaubt und den Kontakt zur Realität verliert oder ob für ihn alles einfach ein Spiel ist und er nur nicht realisiert, dass er seine Mitmenschen damit verwirrt und verletzt.

In seinen besten Momenten gelingt es dem Film, die Komplexität der Thematik mit großartig gespielten Charaktermomenten zusammenzubringen. Beim Zuschauen ist es dabei immer wieder ein Genuss, den Gesprächen Julius’ mit anderen zu folgen. Stets fürchtet man, Julius könne etwas sagen, das sein Lügenkonstrukt zum Einsturz bringt. Dadurch wird immer wieder Spannung erzeugt. Lange Zeit ist man auf Julians Seite, bis die Figur die Loyalität des Zuschauers schließlich gegen Ende doch überstrapaziert und wohl vollkommen verspielt. Nein, Axiom gibt keine eindeutigen Antworten. Die genauen Gründe für Julius’ Verhalten bleiben im Dunkeln. Der Film stellt aber eine äußerst gelungene Charakterstudie dar, die manchmal verstörend wirkt und ganz sicher zum Nachdenken anregt.

Credits

OT: „Axiom“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Jöns Jönsson
Drehbuch: Jöns Jönsson
Kamera: Johannes Louis
Besetzung: Moritz von Treuenfels, Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Petra Welteroth

Bilder

Trailer

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Axiom
Fazit
Ein faszinierender Film, der bei all seiner Ruhe zum großen Teil von den Dialogen und Interaktionen der Figuren lebt. Die Diskussion großer Themen wirkt bisweilen etwas zwanghaft und aufgesetzt, davon abgesehen begeistern aber die Dialoge und Darsteller.
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