Niemand ist bei den Kälbern
© FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

Niemand ist bei den Kälbern

Inhalt / Kritik

Niemand ist bei den Kaelbern
„Niemand ist bei den Kälbern“ // Deutschland-Start: 20. Januar 2022 (Kino)

Sonderlich aufregend ist der Alltag von Christin (Saskia Rosendahl) nicht gerade. Ihr Leben ist geprägt von der Arbeit auf dem Hof ihres Freundes Jan (Rick Okon), mit dem sie seit Jahren schon zusammen ist. Ist geprägt von den Routinen, die ein Leben auf dem Land und im Dorf so mit sich bringen. Das ändert sich, als eines Tages Probleme an einem der Windräder auftreten. Dabei lernt sie auch Klaus (Godehard Giese) kennen, einen der beiden Techniker, die sich des Problems annehmen. Es ist nicht das letzte Mal, dass die beiden sich sehen. Sie hält auch weiterhin den Kontakt zu dem deutlich älteren Mann, ohne jemandem davon zu erzählen. Gleichzeitig nehmen die Konflikte zwischen Christin und Jan sowie mit den anderen zu …

Die Perspektivlosigkeit des Landlebens

Filme, die auf dem Land spielen, arbeiten oft mal mit einem etwas idealisierten Bild des dortigen Lebens. Da wird ein Zusammenhalt heraufbeschworen, ein wahres Leben, welches dem Rest der Welt verlorengegangen ist. Das gilt insbesondere, wenn irgendein Stadtmensch dort auftaucht und sich erst über alle lustig macht, nur um dann doch bekehrt zu werden. In den letzten Jahren gab es jedoch auffallend viele Werke, die einen etwas ernüchternden Blick auf das Landleben werfen. Vor allem das Schicksal der Menschen, die in der Landwirtschaft leben, laden kaum zum Nachahmen ein. In den französischen Dramen Das Land meines Vaters und Drift Away wird es richtig bitter, wenn verzweifelte Landwirte ums Überleben kämpfen. Und auch in Niemand ist bei den Kälbern ist nichts zu sehen, das beim Publikum den Wunsch wecken dürfte, der Stadt Adieu zu sagen.

Wobei der deutsche Film im direkten Vergleich noch relativ harmlos ist. Hier geht es nicht um existenzielle Sorgen, welche die Menschen antreiben. Vielmehr ist es so, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Sabrina Sarabi (Prélude) ein Leben beschreibt, in denen es fast gar nichts mehr gibt, das einen noch antreiben könnte. Stattdessen ist nur die Pflicht übrig, Rituale, die mal beruflicher, mal privater Natur sein können. Dazu gehört auch der Alkohol, zu dem in Niemand ist bei den Kälbern immer mal wieder gegriffen wird, um alles vergessen zu können. Der ändert zwar nicht wirklich etwas. Aber darum geht es auch schon gar nicht. Es wird nur die Leere gefüllt, welche die ewig gleichen Tage hinterlassen haben. Dann und wann gibt es ein Problem, welches die Monotonie unterbricht, etwa die besagten Windräder oder ein krankes Kalb. Das war es aber auch schon.

Kein Platz für Träume

Inmitten dieser Monotonie steckt Christin fest. Sie kommt aus schwierigen Verhältnissen, wie zwischendurch immer mal wieder angedeutet wird. Niemand ist bei den Kälbern bauscht die Probleme mit der Familie aber nicht zu dem alles entscheidenden Schicksal auf. Vielmehr ist das Problem, dass da weit und breit nichts zu sehen ist, was sie aus diesem idyllischen Alltagsgefängnis befreien würde. Ein bisschen erinnert das an historische Vorbilder wie Madame Bovary. Während dort jedoch von enttäuschten Erwartungen die Rede ist, wenn die Protagonistin sich in Unkosten und Affären stürzt, um ein herbeigesehntes Leben führen zu dürfen, da gibt es hier kein vergleichbares Ziel. Alina Herbing, auf deren Roman der Film basiert, lässt den Figuren nicht einmal Träume, so unwahrscheinlich diese auch sein mögen.

Das macht den Film zu einer ähnlich bitteren Erfahrung wie Sarabis Debüt 2019. In gewisser Weise ist Niemand ist bei den Kälbern sogar noch einmal schlimmer. Während es dort zumindest noch Alternativen gab und eine Form der Entwicklung, da ist Christin in einer Dauerschleife gefangen, die von Perspektivlosigkeit und Lieblosigkeit geprägt ist. Erst gegen Ende hin nimmt das Drama ein bisschen Fahrt auf, wenn der sich über Jahre angesammelte Frust zu entladen beginnt. Das geht jedoch nicht mit der Katharsis einher, die solche Entladungen gerne mal haben. Es verstärkt vielmehr den Eindruck, dass hier nichts wirklich mehr einen Sinn hat.

Das unausgesprochene Leid

Der Film, der auf dem Locarno Film Festival 2021 Premiere hatte und anschließend auf zahlreichen weiteren Filmfesten zu Hause war, macht es dem Publikum dabei alles andere als leicht. Es ist nicht nur der bittere Inhalt, sondern auch die nüchterne Art und Weise, die zu einer Herausforderung wird. Sarabi bleibt in ihre Regie sehr zurückgenommen, folgt Christin zwar auf Schritt und Tritt, lässt dabei vieles aber unausgesprochen. In vielen Konfliktsituationen geht die Protagonistin einfach, erhebt keinen Widerspruch oder zeigt anderweitig Reaktion. Sie wird nicht einmal als wirkliches Opfer inszeniert, das großes Mitleid einfordern würde, wenn sie von den Männern in ihrem Umfeld nur Demütigungen erfährt. Das ist für sie ebenso alltäglich geworden wie die Kühe und die Wiesen und die fünf Häuser, welche die Gemeinschaft bilden, die keine Gemeinschaft ist. Es sind nicht einmal Leidensgenossen, da in dem Film nicht nur niemand bei den Kälbern ist. Es ist auch niemand bei den Menschen, selbst wenn sie da sind.

Credits

OT: „Niemand ist bei den Kälbern“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Sabrina Sarabi
Drehbuch: Mitch Gould
Vorlage: Alina Herbing
Musik: John Gürtler
Kamera: Max Preiss
Besetzung: Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen, Anne Weinknecht

Bilder

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„Niemand ist bei den Kälbern“ folgt einer jungen Frau, die in einem winzigen Dorf lebt und den Ritualen der Menschen und der Landwirtschaft folgt, sich dabei aber nach etwas anderem sehnt. Die Romanadaption erzählt ohne Romantisierung, aber auch ohne großes Drama von einem idyllischen Gefängnis, in dem es trotz weiter Horizonte keine Perspektive gibt.
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