The Tragedy of Macbeth 2021 Apple TV+
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Macbeth (2021)

Inhalt / Kritik

The Tragedy of Macbeth 2021 Apple TV+
„Macbeth“ // Deutschland-Start: 14. Januar 2022 (Apple TV+)

Nach einer gewonnenen Schlacht kehren Macbeth (Denzel Washington) und Banquo (Bertie Carvel) heim, in der Erwartung, ihr altes Leben fortzusetzen. Doch dabei treffen sie auf drei seltsame Frauen (Kathryn Hunter), die ihnen eine Prophezeiung mit auf den Weg geben wollen. So behaupten die Fremden, dass Macbeth einst König sein würde. Banquo wiederum soll die Krone zwar verwehrt bleiben, dafür sollen seine Nachfahren eine neue Königslinie bilden. Als Lady Macbeth (Frances McDormand) von diesen Prophezeiungen erfährt, sieht sie ihre Chance gekommen und stachelt ihren Mann an, dieses Schicksal selbst wahr zu machen. Tatsächlich gelingt es ihnen, durch die Ermordung des Königs Duncan (Brendan Gleeson) den Thron zu besteigen. Aber damit nicht genug: Es sollen auch alle anderen sterben, die ihnen die Krone streitig machen könnten …

Neustart und Rückbesinnung

Macbeth ist einer dieser Filme, deren bloße Existenz einen an vielem zweifeln lässt. Als wäre es nicht noch verwirrend genug, dass Joel Coen, der mit seinem Bruder Ethan so starke Werke wie Fargo, The Big Lebowski und Inside Llewyn Davis gedreht hat, hier tatsächlich sein Solo-Debüt gibt – mit 67 Jahren wohlgemerkt –, überrascht auch die Auswahl des Stoffes. Warum sollte jemand ausgerechnet William Shakespeares Macbeth verfilmen wollen? Kaum ein Theaterstück des großen englischen Autors wurde häufiger für die Bühne adaptiert. Zahlreiche Schauspielgrößeren rissen sich darum, die begehrten Hauptrollen zu bekommen. Auch fürs Kino wurde die Geschichte um ein machtsüchtiges Königspaar viele Male umgesetzt, unter anderem von Orson Welles und Roman Polanski. Erst 2015 versuchte sich Justin Kurzel an einer Neufassung mit zahlreichen Stars und Mut zu viel Dreck – echtem wie metaphorischen.

Mit dieser hat die Version von Joel Coen zwar die Geschichte gemeinsam. Unterschiedlicher könnten die Adaptionen aber kaum sein. Wo der Australier Kurzel auf naturalistische Bilder zurückgriff, da setzt sein US-amerikanischer Kollege auf Stilisierung. Zusammen mit Bruno Delbonnel (Die fabelhafte Welt der Amélie), dem fünf Mal für einen Oscar nominierten Star-Kameramann aus Frankreich, presste er die Geschichte in ein aus der Mode gekommenes 4:3-Format. Und auch der Verzicht auf Farben lassen Macbeth erst einmal wie ein Relikt vergangener Zeiten wirken. Dabei sind die Einflüsse noch älter. Genauer stand offensichtlich der deutsche Expressionismus Pate, wenn Licht und Schatten nicht einfach dem natürlichen Weg folgen, sondern kunstvoll und kontrastreich inszeniert werden.

Ein menschlicher Alptraum nicht von dieser Welt

Das gibt dem Film etwas sehr Künstliches, so als wäre man hier selbst auf einer Bühne. Das wird nicht allen gefallen, style over substance werden wohl so einige bemängeln, zumal die Sprache vereinfacht wurde. Aber es sind eben großartige Bilder mit vielen Szenen, bei denen man verblüfft bis hypnotisiert auf den Bildschirm starrt. Auch wenn das Drama bei der Award Season bislang eher wenig Eindruck hinterlassen hat, eine sechste Oscar-Nominierung für Delbonnel ist bei diesem ausdrucksstarken Kunstwerk eigentlich Pflicht. Die Aufnahmen tragen schließlich maßgeblich zur unheimlichen und unheilvollen Atmosphäre bei, die den Film auszeichnen. Ein Beispiel ist der frühe Auftritt der Hexen, die allesamt von Kathryn Hunter gespielt werden. Macbeth würde an diesen Stellen auch als Horrorfilm durchgehen, wenn die britische Schauspielerin in mehrfacher Hinsicht nicht wie ein normaler Mensch wirkt und man selbst in sicherer Distanz auf dem gemütlichen Sofa eine steigende Anspannung in sich spürt.

Wobei natürlich das Ensemble insgesamt erstklassig ist. Frances McDormand war für die Rolle der Lady Macbeth mehr oder weniger gesetzt, ist sie doch die Ehefrau von Joel Coen und war ursprüngliche Ideengeberin für das Projekt. Zusammen mit Denzel Washington ist das schon ein gewaltiges Schauspielpaar, was Macbeth vor die Kamera lockt. Das ist vor allem auch deshalb wichtig, weil das Stück als eine der größten schauspielerischen Herausforderungen gilt. Sich dem zunehmenden Machtrausch und der Paranoia hinzugeben, ohne dabei zu einer Karikatur zu werden, das erfordert schon viel Talent. Zumal das Königspaar keine reinen Schurken sind, sondern auch immer mit viel Tragik verbunden ist. Die zwei werden zu Gefangenen ihrer Gier, aber auch zu denen einer Prophezeiung, die das Unglück erst in Gang bringt. Die Art und Weise, wie die beiden hier immer mehr Schuld auf sich laden, alles um sich herum zerstören und doch nicht davon lassen können, erschreckt einen mehr als so mancher „echter“ Horrorfilm. Der Film zeigt die Verwandlung in ein Monster, in dem doch immer noch das Menschliche aufblitzt.

Credits

OT: „The Tragedy of Macbeth“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen
Vorlage: William Shakespeare
Musik: Carter Burwell
Kamera: Bruno Delbonnel
Besetzung: Denzel Washington, Frances McDormand, Bertie Carvel, Alex Hassell, Corey Hawkins, Harry Melling, Brendan Gleeson, Kathryn Hunter

Bilder

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Auch wenn sich die Frage aufdrängt, ob es unbedingt eine Neufassung von „Macbeth“ gebraucht hätte: Diese hier ist allemal sehenswert. Ein exzellentes Ensemble zusammen mit ausdrucksstarken Schwarzweiß-Bildern werden zu einem zuweilen alptraumhaften Drama über Gier und Verderben, aber auch darüber, wie zwei zu Gefangenen werden in der Gestalt eines Monsters.
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