Charlatan
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Charlatan
„Charlatan“ // Deutschland-Start: 20. Januar 2020 (Kino) // 29. April 2022 (DVD)

Jan Mikolášek (Ivan Trojan) hilft Menschen, die von der Schulmedizin aufgegeben wurden – mit alternativen Methoden und Kräuterkunde. Vor seiner Praxis stehen die Menschen Schlange, denn der Sohn eines Gärtners hat ein Händchen für die positiven Wirkungen unscheinbarer Pflanzen. Aber der Mann ruft auch Neider auf den Plan. Auch der Staatsgewalt sind die unorthodoxen Methoden ein Dorn im Auge. Sie beschuldigt den charismatischen Heiler, ein Scharlatan und Betrüger zu sein, der sich an den Kranken bereichern will. Und irgendwann rückt auch das Verhältnis zu seinem Assistenten František Palko (Juraj Loj) in den Blickpunkt der Verfolger. Arbeiten die beiden einfach nur kongenial zusammen. Oder ist da mehr?

Korrekte Diagnose in Sekundenschnelle

Blendend hell strahlt die Lampe, viel heller als das Sonnenlicht, das durch hohe Fenster in den dunklen, holzvertäfelten Raum fällt. Für Pflanzenheiler Jan Mikolášek ist die gleißende Lichtquelle das wichtigste und neben den Heilkräutern einzige Arbeitsutensil. Der helle Strahl lässt die Urinproben leuchten, die die Menschen zu Hunderten zu ihm bringen. Er schaut sie an und stellt in Sekundenschnelle verblüffend korrekte Diagnosen. „Sie leiden unter schwerem Ausfluss“, sagt er einer Frau, die ihre Beschwerden noch gar nicht geschildert hat, aber von ihrem Hausarzt die Diagnose mitbringt, sie sei unfruchtbar. Unsinn, widerspricht der Heiler, sie sei kerngesund. Aber ihr Mann müsse aufhören, sie zu betrügen. Peinlich berührt verlässt die Frau das Sprechzimmer – mit einer Miene, als sei da ein Geheimnis ausgeplaudert worden, das sie sich selbst nicht einzugestehen wagte.

Das Helle und das Dunkle sind Leitmotive des Films, nicht nur in der fein austarierten Kameraarbeit von Martin Strba. Sondern auch im übertragenen Sinn. Jan Mikolášek – eine historische Figur – agiert in den ersten Sequenzen wie ein zerrissener, von Extremen gequälter Mensch. Er will heilen und tut dies tatsächlich, hilft täglich 200 Patienten, die vor den Toren seiner kleinen Privatklinik Schlange stehen. Aber der Urinexperte und Pflanzenkundler behandelt die Hilfesuchenden mürrisch, abweisend, gefühlskalt. Oft mischt sich, wie in der zitierten Szene, eine Spur von Sadismus in seine Behandlungsmethoden und privaten Beziehungen, eine Lust an der Demütigung und Bloßstellung. Später im Film wird er sich wünschen, er könne alles töten, was schlecht in ihm ist.

Wie Menschen unter die Räder totalitärer Systeme kommen, beschäftigt die polnische, 1981 nach Paris emigrierte Regisseurin Agnieszka Holland schon seit Beginn ihrer Karriere. Hitlerjunge Salomon (1990), die in Deutschland wohl bekannteste ihrer Arbeiten, erzählt von der turbulenten Flucht eines jungen Juden aus Nazi-Deutschland, in das er letztlich unter falscher Identität zurückkehren muss, um zu überleben. Der Held ihres sehenswerten neuen Geschichtsdramas muss sich gleich mit zwei Unterdrückungsregimen auseinandersetzen. Da hilft es ihm wenig, sich aus allem heraushalten und nur seine Arbeit tun zu wollen. Mag er sich auch nicht für Politik interessieren – die Politik interessiert sich für ihn.

Keine klassische Filmbiografie

Lücken und Sprünge im Erzählfluss machen deutlich, dass es Agnieszka Holland nicht um eine klassische Filmbiografie geht, nicht die um streng chronologische Nacherzählung der Fakten. Sondern um eine Reflexion über die Verflechtung von individuellem Lebenshunger mit widrigen Zeitumständen. Dass Mikolášek einige Nazi-Größen ebenso behandelte wie prominente Figuren des kommunistischen Nachfolgeregimes, wird ihm nicht als Ethos angerechnet, jedem Notleidenden zu helfen, gleich welcher Couleur und unabhängig von Armut oder Reichtum, Macht oder Hilflosigkeit. Sondern es macht ihn verdächtig, auf der jeweils falschen Seite zu stehen.

Die Regisseurin stützt sich in diesem Punkt auf die Autobiografie des Mannes, der durch jahrelange Haft gebrochen wurde und verarmt starb. In anderen Hinsichten macht sie sich jedoch frei von dem Text, entwirft ihre eigene, fiktionale Sicht auf die historische Figur. So spinnt sie Gerüchte, die es um seine Homosexualität gab, weiter zu einer sinnlichen Liebesbeziehung mit seinem Assistenten František Palko. Jenseits des Melodrams zeigt der Film seinen zwiespältigen Helden hier in den einzigen Momenten, in denen er Gefühle zulassen und glücklich sein kann. Warum der Mann sonst so verstockt war, lässt die Regisseurin offen, eine Psychologisierung bleibt aus, Andeutungen müssen genügen. Das ist gut so. Lücken und Interpretationsspielräume hindern das prachtvoll ausgestattete Geschichtsdrama daran, in überemotionalisierte Hollywood-Muster abzudriften.

Credits

OT: „Charlatan“
Land: Tschechien, Irland, Slowakei, Polen
Jahr: 2020
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Marek Epstein
Musik: Antoni Lazarkiewicz
Kamera: Martin Strba
Besetzung: Ivan Trojan, Josef Trojan, Juraj Loj, Jana Kvantiková, Joachim Paul Assböck

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2020 Beste Regie Agnieszka Holland

Filmfeste

Berlinale 2020

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Charlatan
Fazit
„Charlatan“ ist die packend erzählte Geschichte über den tschechoslowakischen Heilpraktiker Jan Mikolášek, der ein verblüffendes Talent für die Kräfte der Natur hatte und in seiner Zeit sehr berühmt war. Regisseurin Agnieszka Holland zeichnet ihn als widersprüchlichen und beinahe unsympathischen Menschen, aber das überragende Spiel von Hauptdarsteller Josef Trojan lässt menschliche Abgründe charismatisch schillern.
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von 10