Schwanengesang Swan Song Apple TV+
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Schwanengesang

Inhalt / Kritik

Schwanengesang Swan Song Apple TV+
„Schwanengesang“ // Deutschland-Start: 17. Dezember 2021 (Apple TV+)

Eigentlich ist das Leben von Cameron Turner (Mahershala Ali) perfekt. Er ist glücklich mit Poppy (Naomie Harris) verheiratet, gemeinsam haben sie einen Sohn, ein zweites Kind ist bereits unterwegs. Doch dieses perfekte Leben ist bald vorbei: Cameron ist sterbenskrank, hat dies bislang aber vor seiner Familie verschwiegen. Eine Heilung für seine Krankheit gibt es nicht, dafür eine Alternative: In einer versteckt im Wald gelegenen Einrichtung arbeiten Dr. Jo Scott (Glenn Close) und der Psychologe Dalton (Adam Beach) an der Möglichkeit, Klone von Menschen zu kreieren, ausgestattet mit allen Erinnerungen und Eigenschaften der Vorlage. Auf diese Weise können sie deren Leben übernehmen, auch nach dem Tod des Originals, um der Familie und dem Umfeld den schmerzlichen Verlust zu ersparen. Aber ist es das, was Cameron wirklich will?

Die menschliche Sinnsuche

Was zeichnet ein Individuum aus? Was macht einen Menschen zum Menschen? Das sind nicht nur Fragen, die innerhalb der Philosophie immer wieder gestellt werden. Auch der Science-Fiction-Bereich befasst sich regelmäßig mit diesen. Meistens werden künstliche Intelligenzen zum Anlass genommen, um ganz grundsätzlich über unser eigenes Dasein nachzudenken und Möglichkeiten der Definition zu untersuchen. Eine weitere spannende Variante ist die des Klons, wie es Alles, was wir geben mussten gezeigt hatte. Dort mussten junge Menschen, die allein zum Zweck der Organspende geklont wurden, sich mit der Frage befassen, ob sie selbst Menschen sind oder nicht. Ob eine Kopie dieselben Rechte haben sollte wie das Original. Der Apple TV+ Film Schwanengesang bewegt sich ebenfalls in diesem thematischen Bereich, nähert sich diesem aber vom entgegengesetzten Ende an. Die Klone sollen nicht das Leben der Kranken ersetzen, sondern dies für diese fortsetzen.

Auch das ist mit moralischen Fragen verbunden. Diese betreffen jedoch in erster Linie das Umfeld, welches – so ist die Bedingung der Einrichtung – nicht wissen darf, dass das Original durch einen Klon ausgetauscht werden soll. Schließlich soll der Übergang möglichst unauffällig geschehen. Sinn und Zweck ist es, der Familie die Schmerzen eines Verlusts zu ersparen. Und das bedeutet eben, diese anlügen zu müssen. Aber ist das vertretbar? Sollten Menschen belogen werden dürfen, damit es ihnen besser geht? The Farewell stellte vor einigen Jahren diese Frage, als einer Großmutter verschwiegen wurde, dass sie nur noch wenig Zeit zum Leben hat, damit sie diese glücklicher verbringen darf. Bei Schwanengesang werden ebenfalls die beiden Güter Glück und Wahrheit gegeneinander abgewogen.

Das Glück der anderen

Gleichzeitig hat Cameron aber auch mit seiner eigenen Rolle zu kämpfen. Das Glück, das er seiner Familie schenken möchte, bedeutet, dass er auf sein eigenes verzichten muss. Vor allem die letzte Zeit, die er im Sterben liegt, wird er abseits von den Menschen verbringen müssen, die er liebt und die ihm Kraft geben könnten. Auf diese Weise kommt bei Schwanengesang sowohl das Intellektuelle wie auch das Emotionale zusammen. Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Cleary, der hiermit sein Langfilmdebüt abgibt, gelingt es, trotz des sehr abstrakten Versuchsaufbaus, das Menschliche und universell Erfahrbare zu kombinieren. Die Geschichte, so abgehoben und theoretisch sie ist, geht einem immer wieder auch zu Herzen.

Diese Dualität aus Geist und Herz findet sich in den Bildern wieder. Cleary kontrastiert die Wärme bei Familie Turner, die es sich zu Hause gemütlich gemacht hat, mit der klinischen Kühle der Einrichtung. Sehenswert sind beide Settings, Kameramann Masanobu Takayanagi (Stillwater – Gegen jeden Verdacht) hat wunderschöne Bilder zusammengestellt, in denen man sich immer wieder verliert. Das futuristische Ambiente ist immer auch mit einer Melancholie verbunden, wenn in den strengen Kompositionen die Suche nach dem Sinn und dem Ich in die Leere führt. Cameron darf zwischendurch verzweifelt sein, wütend, weiß nicht, was richtig ist und was von ihm bleibt, wenn er nicht mehr da ist. Untermalt wird das mit einem zurückhaltenden atmosphärischen Soundtrack, der nur dann und wann durch ein dröhnendes Sound Design überdeckt wird.

Mitreißend gespielt

An manchen Stellen verlässt der Film seine ruhige Ausrichtung, obwohl das nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Die eine oder andere Stelle ist redundant, was zu Längen führt. Umgekehrt werden manche Punkte nicht so ganz ausgearbeitet, obwohl der Film mit knapp zwei Stunden Laufzeit eigentlich genug Raum dafür geboten hätte. Trotzdem ist Schwanengesang sehenswert, nicht zuletzt wegen der mitreißenden Darstellung von Mahershala Ali. Der zweimal mit einem Oscar als bester Nebendarsteller ausgezeichnete Charakterschauspieler (Moonlight, Green Book – Eine besondere Freundschaft) veranschaulicht die widersprüchlichen Gefühle, mit denen sich seine Figur herumplagen muss, und nimmt das Publikum dadurch mit auf eine eigene Reise. Tatsächliche Antworten auf die Fragen liefert Cleary nicht, aber doch genug Stoff, um selbst über diese Themen nachzudenken und zu spekulieren, zu welchen Opfern man bereit wäre, um andere glücklich zu machen.

Credits

OT: „Swan Song“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Benjamin Cleary
Drehbuch: Benjamin Cleary
Musik: Jay Wadley
Kamera: Masanobu Takayanagi
Besetzung: Mahershala Ali, Glenn Close, Naomie Harris, Awkwafina, Adam Beach

Bilder

Trailer

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„Schwanengesang“ handelt von Klonen todkranker Menschen, welche den Platz ihrer Originale einnehmen sollen, damit die ahnungslose Familie nicht leiden muss. Das überwiegend ruhig erzählte und schön bebilderte Science-Fiction-Drama stellt existenzielle Fragen zu Identität, aber auch moralische, welchen Preis das Glück haben darf. Das richtet sich vor allem an ein Publikum, das gerne nachdenkt, bietet aber ebenfalls emotionale Momente, die auf das Konto von Mahershala Ali gehen.
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