Cop Secret
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Cop Secret

„Cop Secret“ // Deutschland-Start: 23. Juni 2022 (Kino) // 2. September 2022 (DVD)

Inhalt / Kritik

Die isländische Hauptstadt Reykjavik wird erschüttert von einer Reihe mysteriöser Banküberfälle. Mysterios darum, weil scheinbar nie etwas entwendet wird. Die verantwortliche Bande dingfest zu machen ist der Auftrag von „Bússi“ (Auðunn Blöndal), seines Zeichens härtester Polizist der Stadt. Gemeinsam mit seinem neuen Partner Hörður (Egill Einarsson) macht er sich auf die Jagd nach den Verbrechern. Dabei könnten die beiden auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein, wenn der Supermacho auf einen tatsächlichen Supercop trifft. Dabei haben beide mehr miteinander gemein, als es zunächst den Anschein, wie sich bei den Ermittlungen herausstellt und die beiden sich zunehmend näher kommen.

Spiel mit Genre-Klischees

Auch wenn das nicht grundsätzlich gelten mag, ist im Falle von Cop Secret ein wenig Hintergrundwissen über den Regisseur durchaus nützlich: Hannes Þór Halldórsson ist nämlich nicht nur Filmemacher – so führte er 2012 etwa bei Islands Bewerbungsvideo für den Eurovision Song Contest Regie –, sondern darüber hinaus auch noch aktiver Fußballprofi und seines Zeichens 77-facher Nationaltorhüter Islands. Die Bedeutung und Strahlkraft des Fußballs (in Island) wird daher im Film ebenso thematisiert wie die gesamtgesellschaftlichen Missstände (Gender Pay Gap, Homophobie), die im Fußballgeschäft besonders sichtbar sind. Dabei ist Hannes’ Langfilm-Regiedebüt, das im August 2021 beim Locarno Film Festival seine Weltpremiere feierte, keinesfalls didaktisch angelegt, sondern vermittelt seine aufklärerische Botschaft im Gewand einer hochunterhaltsamen Action-Komödie. Gespickt ist der Film zudem nicht nur mit Bildzitaten aus bekannten Blockbustern wie Bad Boys – Harte Jungs, sondern auch mit Cameos und Gastauftritten isländischer Promis aus Sport und Medien, wie etwa dem Komiker und ehemaligem Bürgermeister von Reykjavik, Jón Gnarr (der im Film den isländischen Premierminister spielt), sowie noch vielen weiteren, die man als Isländer:in vermutlich erkennen würde.

Aber der Reihe nach: „Bússi“ gilt, trotz seines putzigen Spitznamens, als härtester Polizist Reykjaviks. Was er unter Härte versteht, orientiert sich dabei ziemlich offensichtlich an den genre-typischen Darstellungen von „Cops“ im (insbesondere US-amerikanischen) Blockbusterkino. So lebt Bússi gewissermaßen in einer Filmwelt, die in den ersten Minuten von Cop Secret direkt angemessen in Szene gesetzt wird: Ausgedehnten Drohnenflügen über die isländische Hauptstadt Reykjavik folgt eine rasante Verfolgungsjagd zwischen einer flüchtigen Bankräuberin sowie Bússi und seinem Partner Klemenz (Sverrir Þór Sverrisson). Inszeniert nach allen Regeln der Kunst weckt die Verfolgungsjagd zwangsläufig Erinnerungen an unzählige ähnliche Szenen der Filmgeschichte – und das ist durchaus gewollt. Die Ästhetik ist ganz offensichtlich von Hollywood inspiriert; mehrere Standardsituationen (falls das Fußball-Wortspiel erlaubt ist) werden genüsslich durchexerziert. Dabei wird die verbissene Ernsthaftigkeit Bússis immer wieder humorvoll konterkariert, etwa wenn mitten in der Verfolgungsjagd plötzlich gezeigt wird, dass Klemenz’ kleiner Sohn auf der Rückbank sitzt, weil Klemenz an diesem Tag mit der Kinderbetreuung an der Reihe ist.

„So much more than partners.“

Die Verfolgung gipfelt schließlich im obligatorischen Showdown auf einem stillgelegten Fabrikgelände, mit dem Ergebnis, dass die Verdächtige entkommen kann. Doch das ist nur der erste Rückschlag für Bússi. Der etwas dröge Klemenz fühlt sich von Bússis ständigen Sticheleien – die ja laut Hollywood zum Polizisten- bzw. Partner-Sein schlicht dazugehören – gemobbt und möchte nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Was sich als klassischer buddy movie angedeutet hatte, wird also abrupt ausgebremst – nur um kurz darauf doch wieder eine erneute Kehrtwende zu vollziehen. Es stellt sich nämlich heraus, dass „Supercop“ Bússi sich ein polizeiinternes Duell mit dem attraktiven und überhaupt absurd talentierten Provinzpolizisten Hörður aus der Nachbargemeinde Gardarber liefert. Hörður, der angeblich 15 Sprachen fließend beherrscht, wird filmisch gewissermaßen als Superheld eingeführt, der dem gerade verhafteten Bösewichten noch lässig coole Sprüche in exotischen Fremdsprachen zuraunt. Dieser Überflieger also wird Bússi als neuer Partner zugewiesen und das ungleiche Paar, das die Grundlage jedes buddy movies bildet, ist vereint.

Zusammen gilt es für die beiden, eine Reihe von Banküberfällen, die derselben Bande zugeschrieben werden, aufzuklären. Bei den Einbrüchen wird offenbar nie etwas gestohlen, was der ganzen Geschichte noch einen mysteriösen Touch verleiht. In einem parallelen Handlungsstrang wird nun auch der Gegenspieler der beiden Paradepolizisten vorgestellt: Rikki (Björn Hlynur Haraldsson) ist, wie Hörður, ein ehemaliges Model, das allerdings den Karriereweg in Richtung organisiertes Verbrechen eingeschlagen hat. Auch auf Seiten der Bösewichte werden in Cop Secret die üblichen Genre-Klischees ironisch gebrochen: Als der Gangsterboss seine Lakaien (rhetorisch) fragt, ob es noch irgendwelche Unklarheiten bezüglich des soeben dargelegten kriminellen Masterplans gebe, gibt es tatsächlich viele (und berechtigte). Allerdings haben die eher mit banalen Dingen wie Verpflegung und den allgemeinen Arbeitsbedingungen der Gangster zu tun – Aspekte, die ansonsten filmisch eher selten thematisiert werden. Einer von Rikkis Handlangern wird vom Fußballprofi (u.a. einige Saisons in der 2. Deutschen Liga beim 1. FC Nürnberg bzw. beim SV Sandhausen) und TV-Star („Let’s Dance) Rúrik Gíslason gemimt. Als solcher darf er zwar viele Fußtritte verteilen, aber kaum einen Satz sagen.

„It’s 2021. Nobody gives a shit.“

Auf der anderen Seite des Gesetzes wird indes – auch das obligatorisch beim Polizeifilm – Bússis Privatleben beleuchtet. Er und seine Ehefrau haben Beziehungsprobleme; nicht zuletzt weil Bússi sich (und seine Männlichkeit) ausschließlich über seinen Job definiert. Er jagt einem verklärten und daher unerreichbaren Hollywood-Idealbild der Polizeiarbeit nach und sehnt sich danach, der gefeierte Held zu sein („You’re a cop. You don’t know how to be anything else.“). Doch das ist nicht der einzige Grund, wie sich bald herausstellen soll. Die Konkurrenz- und Männlichkeitsrituale zwischen Bússi und Hörður werden so lange überspitzt, bis sie in ihr Gegenteil kippen. Bússi erkennt, dass er nicht ganz ehrlich zu sich selbst war, und plötzlich eröffnen sich gänzlich neue Perspektiven. Die äußere Rahmenhandlung ist zu diesem Zeitpunkt bereits etwas in den Hintergrund getreten. Rikki droht, das Nationalstadion während eines Spiels der Frauen-Fußballnationalmannschaft in die Luft zu sprengen („You have 90 minutes.“), doch obliegt es erfrischenderweise nicht Bússi und Hörður, den Tag zu retten, sondern ihren Kolleginnen.

Credits

OT: „Leynilögga“
Land: Island
Jahr: 2021
Regie: Hannes Þór Halldórsson
Drehbuch: Hannes Þór Halldórsson
Musik: Kristján Sturla Bjarnason
Kamera: Elli Cassata
Besetzung: Auðunn Blöndal, Egill Einarsson, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir, Sverrir Þór Sverrisson, Björn Hlynur Haraldsson

Trailer

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Cop Secret
Fazit
„Cop Secret“ wirft zahlreiche bekannte Genre-Versatzstücke von Polizei-buddy-movie bis heist thriller in einen Topf und zaubert daraus ein überraschend innovatives Potpourri. Gerade die spezielle Mischung aus progressiver Gesellschaftsvision und jeder Menge nordischem Humor weiß dabei zu überzeugen. Unglaubwürdig und gleichsam charmant ist indes die Bemühung, das verschlafene Reykjavik wie einen Großstadtmoloch aussehen zu lassen.
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