Inhalt / Kritik

A la Carte

„À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen“ // Deutschland-Start: 25. November 2021 (Kino)

Frankreich im 18. Jahrhundert: Eigentlich hat Manceron (Grégory Gadebois) alles geschafft, was er in seinem Beruf als Koch erreichen konnte. Schließlich darf er für den Herzog von Chamfort (Benjamin Lavernhe) kochen, hat eine sichere Arbeit, wird auch für seine Leistungen geschätzt. Nur reicht ihm das nicht mehr. Er würde lieber etwas experimentieren, anstatt immer nur immer wieder dieselben Gerichte kochen zu müssen. Als er es eines Tages wagt, sich selbst verwirklichen zu wollen und den Gästen des Herzogs eine eigen kreierte Speise präsentiert, endet das in einer Demütigung – und seinem Rauswurf. Und so zieht er sich aufs Land zurück, wo er gemeinsam mit Benjamin (Lorenzo Lefèbvre) Reisende versorgt und ansonsten mit allem abgeschlossen hat. Doch dann taucht eines Tages die mysteriöse Louise (Isabelle Carré) auf, fest entschlossen, von Manceron die Kunst des Kochens zu erlernen …

Das Recht auf Essen

Während der Corona-Pandemie, als über Monate hinweg Restaurants, Cafés und Bars geschlossen waren, wurde vielen erst bewusst, wie sehr diese Teil unseres Lebens waren. Zwar ist es streng genommen nicht notwendig, auswärts essen zu gehen. Aber es fehlt doch etwas, wenn uns die Möglichkeit dazu genommen wird. Dabei sind solche Angebote gar nicht so selbstverständlich, wie wir meinen möchten. Sie sind auch eine vergleichsweise neue Erscheinung, wie uns À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen vor Augen führt. Der Film nimmt uns mit ins späte 18. Jahrhundert in Frankreich, als Essen nicht zwangsläufig der Genuss war, den es für viele heute darstellt. Für die einfache Bevölkerung war es eine Notwendigkeit: Man aß, weil man es zum Überleben brauchte. Das Glück der Menschen bestand nicht darin, eine besonders köstliche Speise zu sich zu nehmen, sondern überhaupt genug zu haben.

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen arbeitet an dieser Stelle mit einem größtmöglichen Kontrast. Auf der einen Seite ist da die arme Dorfbevölkerung, verkörpert durch die Kinder, welche immer wieder Brot stehlen, weil sie sonst nicht wissen, wie sie an Essen kommen sollen. Auf der anderen Seite ist der Adel, symbolisiert durch den Herzog, in dessen Schloss die Geschichte beginnt. Dort wird alles aufgetischt, was für Geld zu kaufen ist. Vor allem das, was richtig viel kostet: Beim gemeinsamen Essen mit anderen Adligen oder sonstigen bedeutenden Menschen geht es nicht um Nahrungsmittel, sondern Status. Die kunstvoll zusammengestellten Menüs sollen richtig schön protzig sein, um die eigene Bedeutsamkeit zu unterstreichen. Wie etwas tatsächlich schmeckt, ist in solchen Fällen zweitrangig.

Demokratisierung der Kulinarik

Regisseur und Co-Autor Éric Besnard (Birnenkuchen mit Lavendel, Meine geistreiche Familie) nutzt diesen starken Kontrast, um eine Zweiklassengesellschaft zu skizzieren, welche die der heutigen Zeit noch um ein Weites übertrifft. Gleichzeitig wird das Essen in seinem Film zu einem Mittel, eben diesen Graben zu überwinden. Die Idee, ein Restaurant zu eröffnen, in dem praktisch jeder einkehren darf, das kam schon einer ziemlichen Revolution gleich. Insofern ist es ganz passend, wenn À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen diese Neuerung im zeitlichen Kontext der Französischen Revolution erzählt. Zwar steht das eine nicht unbedingt im direkten Zusammenhang mit dem anderen. Aber es ist doch plausibel, dass die Demokratisierung des Essens demselben Zeitgeist entspringt.

Zu große Ansprüche an historische Genauigkeit sollte man dabei nicht stellen. À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen will zwar schon Einblicke in das frühere Leben der Menschen geben und wie sich dieses wandelte. Wichtiger noch war aber Besnard, dass er mit seinem Film unterhält. Das tut er auch, immer wieder. Lavernhe darf zum Beispiel als aufgeblasener, letztendlich aber unsicherer und unglücklicher Schnösel sein komödiantisches Talent zeigen. Gadebois hat auch seine Lacher als grimmiges Genie am Herd, wenngleich seine Auftritte ambivalenter sind. Carré letztendlich bringt mit ihrer Figur noch eine gehörige Portion Tragik mit in die Geschichte, wobei bei ihr lange offen bleibt, was genau diese Geschichte ist. Dadurch kommt noch ein leichter Mystery-Faktor hinein.

Liebeserklärung an die Kunst des Kochens

Im Mittelpunkt steht aber die die Annäherung der beiden Figuren sowie die gemeinsame Freude am Kreieren. À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen ist eben nicht nur eine historische Aufarbeitung der französischen Essenskultur, sondern eine Liebeserklärung an diese. Und wer zumindest ansatzweise für dieses Thema zu gewinnen ist, darf dann auch seine Freude daran haben, wie hier mit viel Lust am Experimentieren und Kombinieren am Herd gestanden wird. Überhaupt gibt es hier einiges, was es sich anzuschauen lohnt, von der Ausstattung bis zur Location. Dabei darf man dann auch übersehen, dass die großen Überraschungen ausbleiben, manche Entwicklung vielleicht ein bisschen schnell geht und der Widerspruch, dass sich trotz allem nur Vermögendere einen Besuch im Restaurant leisten können, nicht aufgelöst wird. Hier darf man sich einfach gut fühlen und wieder zu schätzen lernen, was letztendlich nicht so selbstverständlich ist, wie wir oft denken.

Credits

OT: „Délicieux“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Éric Besnard
Drehbuch: Éric Besnard, Nicolas Boukhrief
Musik: Christophe Julien
Kamera: Jean-Marie Dreujou
Besetzung: Grégory Gadebois, Isabelle Carré, Benjamin Lavernhe, Guillaume de Tonquédec, Christian Bouillette, Lorenzo Lefèbvre

Bilder

Trailer

Interview

Wie ist er auf die Idee für den Film gekommen? Und werden die Leute in Zukunft noch Essen gehen? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur und Autor Éric Besnard in unserem Interview zu À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen gestellt.

Éric Besnard [Interview]

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À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen
„À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen“ nimmt uns mit ins Frankreich des späten 18. Jahrhunderts, wo sich parallel zur Französischen Revolution auch eine kulinarische anbahnt. Zu große Ansprüche an den Inhalt sollte man dabei nicht pflegen. Dafür ist die Komödie eine unterhaltsame und schön bebilderte Liebeserklärung an die Kunst des Kochens.
7von 10
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1.5

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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