Inhalt / Kritik

Spy City

„Spy City“ // Deutschland-Start: 17. Oktober 2021 (ZDF) // 3. Dezember 2021 (DVD/Blu-ray)

Berlin 1961: Der britische Geheimagent Fielding Scott (Dominic Cooper) erhält den wichtigen Auftrag, einem ostdeutschen Wissenschaftler beim Überlaufen in den Westen zu helfen. Doch der Versuch schlägt fehlt, irgendjemand muss die Operation verraten haben, was der Deutsche mit dem Leben bezahlt. Da auch schon eine frühere Mission in einer Katastrophe endete, steht für Scott fest, dass er irgendwie die Sache in Ordnung bringen muss – und sei es nur, indem er herausfindet, wer denn der Verräter ist. Gleichzeitig lässt er die Affäre mit seiner früheren Geliebten Severine Bloch (Romane Portail) aufleben, die im Dienst des französischen Geheimdienstes ist. Doch kann er ihr denn vertrauen?

Freund oder Feind?

Der Veröffentlichungszeitpunkt ist sicherlich gut gewählt bei Spy City. Schließlich stürmt gerade ein anderer britischer Geheimagent die weltweiten Kinos. Doch so erfolgreich James Bond 007: Keine Zeit zu sterben auch ist, so umstritten ist der Film. Viele erkennen den seit mittlerweile sechs Jahrzehnten im Einsatz befindliche Spion nicht wieder. Aus dem frauenvernaschenden Musterbeispiel für traditionelle Maskulinität ist ein gebrochener Mann geworden, dem man sein Alter deutlich ansieht und der für die Familie alles aufgibt. Wem das zu fremd ist, zu modern, der findet in Scott eine Alternative, die gleich in mehrfacher Hinsicht aus einer früheren Zeit zu stammen scheint.

Das liegt einerseits natürlich am Setting. Schließlich nimmt uns die Serie mit auf eine Reise sechzig Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Welt ist noch mitten im Kalten Krieg, Spionage bedeutete damals, durch finstere Gänge zu schleichen, anstatt mithilfe modernster Technik und per Knopfdruck alles zu erforschen. Es bedeutete vor allem viele zwischenmenschliche Kontakte: Spy City erzählt, wie der britische Geheimdienst immer wieder mit anderen zusammenarbeitet, wobei jeder – der Beruf bringt das mit sich – eine eigene Agenda verfolgt. Geeint sind sie durch einen gemeinsamen Feind: der Russe. Ansonsten ist sich aber jeder selbst der nächste. Zumal da auch noch die Frage ist, wer denn nun der Verräter oder die Verräterin ist.

Nostalgische Zeitreise

Das ist weder neu noch subtil, soll es aber auch gar nicht sein. Drehbuchautor William Boyd (Ruhelos) und der genreerfahrene deutsch-portugiesische Regisseur Miguel Alexandre (Schwarze Insel) lassen hier vielmehr ihrer Nostalgie für die Spionagegeschichten vergangener Tage freien Lauf. Das muss aber nicht verkehrt sein. Selbst wer kein Gegenmittel zum dekonstruierten Bond sucht, darf in Erinnerungen schwelgen. Darf an die Fälle zurückdenken, bei denen man als Zuschauer und Zuschauerin nie sicher sein konnte, ob man nicht in der nächsten Szene schon von den engsten Vertrauten verraten wird. Der Titel Spy City deutet es bereits an. Das Berlin von 1961 ist von so vielen Agenten und Agentinnen unterwandert, dass man grundsätzlich niemandem trauen darf. Denn das bedeutet Lebensgefahr.

Nur hat man hier manchmal schon das Gefühl, dass diese ständigen Wendungen und Verrätereien reiner Selbstzweck sind, anstatt tatsächlich einer Geschichte zu dienen. Letztere gibt es natürlich. Die sechs Folgen handeln davon, wie Scott die Hintergründe seiner Fehlschläge zu rekonstruieren versucht. So richtig interessant ist das aber nicht. Gleiches gilt für die Figuren. Sicher ist Spy City gut besetzt. Hauptdarsteller Dominic Cooper hatte zuvor auch schon bewiesen, dass er durchaus für solche Rollen taugt – siehe etwa Fleming. Die Kombination aus leichter Überheblichkeit und Brutalität, wo nötig, geht auf. So richtig fassbar wird die Figur aber trotz seines Talents nicht. Bis zum Schluss wird nicht einmal klar, ob er denn ein guter Agent ist, der einfach nur Pech hatte, oder ob er grundsätzlich nicht der fähigste aller Spione ist.

Kompetente Spionagegeschichte alter Schuler

Das ist schade, wo wie man sich an mehreren Stellen eine andere Gewichtung gewünscht hätte: mehr Inhalt als Augenwischerei, mehr Ziel als forciertes Wirrwarr. Dennoch, wer diese Spionagegeschichten alter Schule mag, der kann bei Spy City durchaus auf seine Kosten kommen. Das Setting einer zerrissenen Stadt, in der die unterschiedlichsten Mächte parallel am Werken sind, ist spannend. Die Actionszenen sorgen zwischendurch für Nervenkitzel. Auch sonst gibt es einiges zu sehen, von den schicken Anzügen bis zu den stimmungsvollen Locations, an denen sich Scott so herumtreibt. Das ist schon alles kompetent umgesetzt, tatsächlichen Grund zum Ärgern gibt es hier nicht. Mit sechs Folgen à 45 Minuten ist die Serie auch am eher kürzeren Ende in diesem Bereich.

Credits

OT: „Spy City“
Land: Deutschland, USA, UK, Tschechische Republik
Jahr: 2020
Regie: Miguel Alexandre
Drehbuch: William Boyd
Musik: Paul Eisenach, Jonas Hofer
Kamera: Miguel Alexandre
Besetzung: Dominic Cooper, Romane Portail, Leonie Benesch, Ben Münchow, Johanna Wokalek, Seumas Sargent, Mark Zak

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über die Entwicklungsgeschichte von Spy City erfahren möchte: In unserem Interview mit Autor William Boyd unterhalten wir uns über die Arbeit an der Thrillerserie und den Reiz von Spionagegeschichten.

William Boyd [Interview]

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Spy City
Ein britischer Agent soll einen befreundeten Wissenschaftler im Berlin des Jahres 1961 helfen, doch dabei geht alles schief. „Spy City“ nutzt die zwischen den Siegermächten aufgeteilte Stadt recht geschickt, um das Gefühl ständigen Misstrauens zu erzeugen. Die Wendungen sind dabei des Öfteren reiner Selbstzweck, die Figuren eher nichtssagend. Wer traditionelle Spionagegeschichten mag, fühlt sich dafür wie zu Hause.
6von 10
Leserwertung: (10 Votes)
5.7

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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