(„Restless“ directed by Edward Hall, 2012)

Ruhelos„Wir haben alle unsere Geheimnisse, jeder von uns. Niemand kennt auch nur die halbe Wahrheit des anderen.“

Wer viel Zeit mit einem Menschen verbringt, erliegt schnell der Illusion, den anderen wirklich zu kennen. Bist du mit demjenigen aufgewachsen und hast dein ganzes Leben mit ihm verbracht, dann sollte erst recht kein Platz mehr für Unbekanntes bleiben. Doch von dieser Gewissheit bleibt für Ruth Gilmartin (Michelle Dockery) nicht mehr viel übrig, als sie erfährt, dass ihre Mutter Sally (Charlotte Rampling) in Wirklichkeit Eva Delectorskaya heißt, im Zweiten Weltkrieg als Spionin arbeitete und nun von Unbekannten verfolgt wird.

Von da an wird die Geschichte von Ruhelos in zwei parallelen Handlungssträngen erzählt. In der Gegenwart (genauer 1976) folgen wir der älteren Dame und ihrer Tochter bei den Versuchen, die Verfolger ausfindig zu machen und sich vor ihnen zu schützen. Gleichzeitig sehen wir, wie Eva überhaupt zu einer Agentin wurde: Frankreich 1939, die Exilrussin Eva (Hayley Atwell) erfährt, dass ihr kürzlich verstorbener Bruder für den britischen Geheimdienst arbeitete. Dem tritt sie dann selbst bei und lernt dort den charismatischen Lucas (Rufus Sewell) kennen und lieben. Gemeinsam arbeiten sie zuerst in Europa im Untergrund, später auch in den USA, wo sie versuchen, durch geschickte Manipulationen deren Kriegseintritt zu forcieren.Ruhelos Szene 1

Ermöglicht wird diese doppelte Erzählweise durch einen Kniff: Ruth liest alte Aufzeichnungen, die ihr Sally zur Verfügung stellt, um ihr alles zu erklären. Gebraucht hätte es diese Rahmenhandlung nicht. So witzig es auch ist, Charlotte Rampling als Spionin a.D. mit einem Schrotgewehr hantieren zu sehen, tritt der Handlungsstrang der Gegenwart bald schon so sehr in den Hintergrund, dass man ihn auch ohne Probleme gleich darauf hätte verzichten können. Abgesehen davon ist es schon befremdlich, dass eine Frau, die alles dafür tat, nach ihrem Ausstieg ihre Spuren zu verwischen, ein Tagebuch mit allen Einzelheiten zu Hause haben soll.

Ein Beinbruch ist das sicher nicht, doch aber symptomatisch für einen Film, dem Plausibilität und schlüssige Erklärungen nicht wirklich am Herzen liegen. Die Geschichte der Gegenwart findet kein befriedigendes Ende und auch bei den Episoden der Vergangenheit bleiben unnötig viele Fragen und Ungereimtheiten hoffen. Mag sein, dass bei der Umsetzung des Buches – Ruhelos basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Boyd – viele Details auf der Strecke geblieben sind. Dennoch sollte man bei einem insgesamt dreistündigen TV-Zweiteiler mehr erwarten können.Ruhelos Szene 2

Sieht man einmal von der aufdringlichen, theatralischen Hintergrundmusik ist, ist dafür die Umsetzung sehr gefällig geworden: Sowohl die 40er als auch die 70er warten mit schönen Kostümen und ansprechend rekonstruierten Kulissen auf. Auch bei den Darstellern gibt es durch die Bank weg nichts zu mäkeln – zum Glück, denn bei Ruhelos stehen die Figuren, weniger der Krieg im Vordergrund. Im Klartext heißt das, dass Regisseur Edward Hall vor allem die Konflikte der Protagonisten wichtig waren, zwischen Eva und Lucas auf der einen Seite, Mutter und Tochter auf der anderen.

Die existenzielle Bedrohung durch ihre Aktionen kommt dabei etwas kurz, gerade in der ersten Hälfte wird mehr gesprochen als gehandelt. Eine gewisse Grundspannung bleibt aber auch während der vielen ruhigen Momente aufrecht, schließlich will man wissen, wie Eva aus diesem Geschäft ausstieg und sich in der englischen Provinz versteckte. Wem der Sinn nach einem etwas altmodischen Spionagedrama ist und mehr Wert auf Atmosphäre als auf die Geschichte legt, macht mit der BBC-Produktion daher nicht wirklich etwas verkehrt.

Ruhelos ist seit 22. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich



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Ruhelos
3.79 (75.71%) 14 Artikel bewerten

Ruhelos
Die Geschichte weist viele Lücken auf, einiges ist bis zuletzt nicht nachvollziehbar. Die inhaltlichen Schwächen des historischen Spionagedramas werden aber teilweise durch die stimmungsvolle Ausstattung und die ansprechen Darstellerleistungen wieder wettgemacht.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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