© Trevor Leighton

Die Serie Spy City nimmt uns mit in das Jahr 1961 und erzählt von dem britischen Geheimagenten Fielding Scott (Dominic Cooper), der im besetzten Berlin einem großen Geheimnis auf der Spur ist. Anlässlich des Starts der Serie am 17. Oktober 2021 im ZDF konnten wir den erfolgreichen Autor William Boyd interviewen, der die Geschichte des Thrillers geschrieben hat. In unserem Gespräch unterhalten wir uns über die Arbeit an der Serie, den Reiz solcher Spionagegeschichten und ein Leben ohne Vertrauen.

 

Könntest du uns etwas über den Hintergrund von Spy City verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Es war eigentlich eine Auftragsarbeit, aber eine sehr ungewöhnliche. Ursprünglich war die Serie eine deutsch-französische Coproduktion. Und als ich mich mit Odeon und Gaumont traf, nannte man mir drei Stichwörter: Spione, Berlin, 1961. Basierend auf dieser Vorgabe sollte ich eine Geschichte entwickeln. Im Anschluss habe ich natürlich sehr viel recherchiert, sowohl für die Geschichte selbst wie auch die Figuren. Ich habe eine ganze Bibliothek an Büchern zu dieser Zeit gekauft, um mehr über sie zu erfahren. Dann habe ich einen Freund, der 1959 in Berlin stationiert war und mir deshalb viel darüber erzählen konnte, wie das damals war. Außerdem stand uns natürlich auch ein Berater zur Verfügung, der sich in der Geschichte auskannte. Das war also schon mit recht viel Aufwand verbunden. Aber das hat sehr viel Spaß gemacht. Die 60er Jahre waren eine sehr spannende und faszinierende Zeit, gerade diese Phase direkt vor dem Mauerbau in Berlin.

Wie lange hat es dann am Ende gedauert, bis du die Geschichte entwickelt und geschrieben hast?

Ziemlich lange letztendlich. Ursprünglich sollte Pascal Chaumeil Regie führen, mit dem ich vorher schon einmal bei der Adaption eines meiner Büchern gearbeitet hatte und mit dem ich mich sehr gut verstand. Doch dann wurde er sehr krank und starb sehr jung, weshalb das Projekt erst einmal für einige Jahre auf Eis lag. Irgendwann stiegen die Franzosen auch ganz aus dem Projekt aus und es wurde eine deutsch-amerikanische Coproduktion. Zu dem Zeitpunkt kam auch Miguel Alexandre hinzu und übernahm die Regie der Serie. Als das dann erst einmal alles feststand, ging es relativ schnell. Normalerweise brauchst du einige Monate, um sechs Stunden Fernsehen zu schreiben. Danach fängt das Casting an und die Suche nach geeigneten Drehorten. Letztendlich haben wir in Prag gedreht und daraus unser Berlin gemacht.

Warum haben sie eigentlich einen englischen Autor gefragt, wenn es ursprünglich doch eine deutsch-französische Coproduktion war?

Die Amerikaner und Briten waren damals sehr aktiv, was die Spionage in Berlin angeht. Letztendlich sollte die Serie wohl auch auf Englisch sein, um sie international besser verkaufen zu können. Wobei sie von Anfang an als vielsprachige Geschichte angelegt war. Da die Serie in Berlin spielt, gibt es natürlich auch viele deutsche Dialoge. Du hast auch Russisch und ein bisschen Französisch zwischendurch, was ich sehr schön finde, da dies die Serie authentischer macht. Heutzutage ist es auch kein Problem mehr, wenn du Teile einer Geschichte in einer anderen Sprache hast und diese Szenen dann untertitelt sind. Das trägt für mich zur Atmosphäre bei. Dass man mich gefragt hat, dürfte aber auch daran liegen, dass ich einen gewissen Ruf habe als Autor von Spionagegeschichten und mehrere Romane in dem Bereich geschrieben habe.

Ist es eigentlich einfacher, Spionagegeschichten in einem historischen Setting zu erzählen?

Ich denke schon, ja. Es ist auf jeden Fall interessanter. Spionage bedeutet heutzutage in erster Linie Überwachung oder Whistleblowing. Die klassische Spionage, dass ein Agent draußen unterwegs ist, das ist heute selten geworden. Und damit sind auch die typischen Elemente solcher Geschichten verlorengegangen, etwa dass sich die Figuren gegenseitig verraten und hintergehen. Du kannst natürlich auch heute noch Spionagegeschichten erzählen. Aber sie haben nicht mehr dieses Flair, welches die Spionagethriller früher zu Zeiten des Kalten Krieges hatten. Deswegen schreibe ich persönlich lieber über vergangene Zeiten, über den Anfang des 20. Jahrhunderts, über den Zweiten Weltkrieg, über den Kalten Krieg. Du hast keine Handys, kein Internet, keine GPS-Ortung und musst dich deshalb noch auf deinen eigenen Einfallsreichtum verlassen.

Unabhängig vom Setting, was macht den Reiz einer Spionagegeschichte aus?

Wenn du dir die britische Literaturgeschichte anschaust, wirst du feststellen, dass eine Reihe wirklich großer, ernsthafter Schriftsteller über Spione geschrieben haben, von Joseph Conrad über Graham Greene bis zu Ian McEwan. Meine Theorie ist, dass das damit zusammenhängt, dass wir vieles von dem, was Spione tun, auch in unserem eigenen Leben tun. Wir alle verraten mal andere Leute oder geben uns als jemand anderes aus, als wir in Wahrheit sind. Die Konsequenzen sind natürlich weniger tödlich als bei Spionen, aber dieses Schlüpfen in andere Identitäten findet so auch im Alltag statt. Darin liegt auch der Reiz dieser Geschichten: Wenn du über Spione schreibst, dann schreibst du über Menschen und menschliche Gefühle, über Strategien und Taktiken, die wir selbst alle anwenden, wenn auch nicht in dieser Form.

Und was sind die Herausforderungen beim Schreiben solcher Geschichten?

Du musst etwas erreichen, was ich gerne als kreative Verwirrung bezeichne. Damit meine ich, dass der Leser nicht genau versteht, was da gerade vor sich geht. Da musst du dich schon ein wenig konzentrieren, um dem Ganzen folgen zu können. Damit einher geht eine komplexe Geschichte. Wenn dies gut gemacht ist, dann hast du die Neugierde des Lesers oder des Zuschauers, der wissen will, was das alles bedeutet, und deswegen weiter dabei bleibt. Wichtig ist dabei aber auch, dass sich alles am Ende auflöst und das Durchhalten belohnt wird. Du musst vielleicht nicht jedes einzelne Detail erfasst haben. Aber du musst am Ende verstanden haben, was sich da insgesamt abgespielt hat. Und das ist schon ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn du die Auflösung des Rätsels siehst und alles jetzt einen Sinn ergibt. Das ist mit einem Krimi zu vergleichen. Der Unterschied ist jedoch, dass sich bei Spionagegeschichten alles ums Lügen und falsche Identitäten dreht.

Aber besteht dabei nicht auch die Gefahr, den Leser oder Zuschauer zu verlieren, wenn es zu kompliziert wird?

Wem Spionagegeschichten zu kompliziert sind, der sollte vielleicht einfach ein anderes Genre wählen. Du musst hier schon mitdenken können und wollen, um wirklich etwas aus solchen Geschichten für dich herauszuholen. Vermutlich gibt es auch Fälle, dass eine Geschichte übertrieben kompliziert angelegt ist. Meistens liegt es aber nur daran, dass du die ganze Geschichte noch nicht kennst. Tatsächlich gibt es fast immer, das versuche ich zumindest, irgendwelche Hinweise, die auf die Wahrheit hindeuten. Man muss sie nur finden und richtig deuten, was Teil des Spaßes ist. Ich will bei einer Spionagegeschichte rätseln, wer der Böse ist und wie alles zusammenhängt.

Spionagegeschichten leben dabei oft nicht nur von der Geschichte an sich, sondern auch vom Spion. Könntest du uns von deinem erzählen? Wer ist Fielding Scott?

Das Besondere an britischen Spionen ist, dass sie noch sehr vom alten Klassendenken geprägt sind. Wie eigentlich alles in Großbritannien. Wir sind geradezu besessen davon und haben eine sehr hierarchisch geprägtes System. Und das gilt eben auch für den Geheimdienst, bei dem die Spitze von Leuten aus der gesellschaftlichen Elite besetzt sind. Was dann auch bedeutet, dass dort ziemliche Snobs herumlaufen. Fielding ist ein mutiger junger Mann, der auch im Krieg war und ausgezeichnet wurde, der aber eben nicht aus der Oberschicht stammt. Dafür hat er Selbstbewusstsein und hat nicht vor, sich den Blödsinn von diesen Snobs gefallen zu lassen. Dadurch kommt es ständig zu Spannungen zwischen ihm und seinen Chefs.

Du hast eben schon erwähnt, dass in solchen Geschichten jeder jeden betrügt und verrät. Kann man überhaupt noch ein Leben führen, wenn praktisch jeder dein Feind sein könnte?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe mit „Ruhelos“ einen ganzen Roman darüber geschrieben, welchen Preis du bezahlen musst, wenn du ein Spion wirst. Letztendlich bedeutet das, dass du in einer Welt ohne Vertrauen lebst. Und das ist fast unmöglich für uns Menschen. Wir brauchen ein gewisses Vertrauen in die Menschen, denen wir begegnen, um in einer Gesellschaft zu leben. Ob es nun der Kellner ist, der uns unser Wechselgeld gibt, oder ein Taxifahrer, dem wir unser Leben anvertrauen – wir brauchen im Alltag dieses Vertrauen, dass uns unser Gegenüber nichts Böses will. Beim Spion ist das anders. Er entscheidet sich dafür, niemandem zu vertrauen, weil sein Leben davon abhängt. Er muss sich selbst entmenschlichen um zu überleben. Deswegen gibt es auch viele Spione, die zu Alkoholikern wurden.

Und wie sieht es bei dir aus? Beeinflusst es deine eigene Weltsicht, wenn du die ganze Zeit von Verrat und Lügen erzählst, oder kannst du diese beiden Welten voneinander getrennt halten?

Das kann ich prinzipiell schon. Wobei es aber schon Gemeinsamkeiten gibt zwischen einem Schriftsteller und einem Spion. Wir verbringen unser Leben damit, andere sehr genau zu beobachten. Wenn ich mit dem Bus oder der U-Bahn unterwegs bin, betrachte ich immer die anderen Leute. Was tragen sie? Was lesen sie? Wie verhalten sie sich? Das tue ich, weil ich das für meine Romane brauche. Ein Spion tut dasselbe, um beispielsweise herauszufinden, ob ihm jemand folgt. Du brauchst in beiden Fällen dieses sehr scharfe Bewusstsein für die Welt, in der du dich bewegst. Außerdem erfinden wir ständig irgendwelche Geschichten. Wir sind beide Experten, was das Lügen angeht. Aber ansonsten bin ich ganz normal, keine Sorge. Zumindest so normal, wie ein Autor eben sein kann. (lacht)

Kommen wir kurz zu einem anderen berühmten britischen Agenten: James Bond. Gerade kam „Keine Zeit zu sterben“ in die Kinos, der letzte Film mit Daniel Craig. Schon vorher gab es viele Diskussionen, wie es mit der Reihe weitergehen wird in Zukunft. Da du selbst auch schon einmal einen Bond-Roman geschrieben hättest: Wie würdest du die Reihe fortsetzen, wenn du das Sagen hättest?

Ich muss gestehen, dass ich die Filme um James Bond nie besonders mochte, weil sie sich zu sehr von den Romanen von Ian Fleming entfernt haben. Der eigentliche Bond war ein ganz anderer Mensch als der, den wir zu sehen bekommen. Wenn ich Barbara Broccoli wäre, würde ich keine Bond-Filme mehr drehen, die in der Gegenwart spielen, sondern einen Retro-Bond machen. Einen Film, der in den 50ern oder 60ern spielt und näher ist an der Figur, die Fleming erschaffen hat. Denn die war sehr komplex und faszinierend. Sehr viel mehr als der Bond, der uns immer gezeigt wurde. Die heutigen Filme sind alle so sehr auf ein internationales Publikum ausgerichtet, dass sie keinen eigenen Charakter mehr haben. Du kannst Bond-Filme nicht mehr von anderen Franchises unterscheiden. Mein Rat wäre daher: Geht zurück zu den Anfängen.

Und wie sieht es mit deinen eigenen Werken aus? Woran arbeitest du?

Ich schreibe gerade einen Roman, der Ende nächsten Jahres veröffentlicht werden soll. Darin erzähle ich die Lebensgeschichte eines Mannes von 1799 bis 1882, vor dem Hintergrund der großen Veränderungen, die im 19. Jahrhundert stattgefunden haben. Ansonsten arbeite ich an mehreren Filmen und Serien. Beispielsweise soll Isabel Coixet eine meiner Kurzgeschichten verfilmen. Eine sehr seltsame Liebesgeschichte, die in den 1930ern in Lissabon spielt. Ein anderes Projekt ist eine Serie über den Brand in Notre Dame 2019, eine Art Echtzeitdrama. Außerdem versuchen wir gerade, meinen Roman „Einfache Gewitter“ als sechsteilige Serie zu verkaufen. Dabei handelt es sich um einen Verschwörungsthriller im heutigen London.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

Zur Person
William Boys wurde am 7. März 1952 als Sohn schottischer Eltern in Accra, Ghana geboren. Er studierte in Nizza, Glasgow und Oxford und hat einen Abschluss in Englisch und Philosophie. Von 1980 bis 1983 arbeitete er selbst als Dozent in Glasgow. 1981 erschien sein erster Roman, die schwarze Komödie Unser Mann in Afrika. Seither hat er mehr als ein Dutzend weiterer Romane geschrieben, dazu Kurzgeschichten, Theaterstücke und Drehbücher.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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