In ihrer Romanadaption Die Geschichte meiner Frau erzählt Ildikó Enyedi die Geschichte von Schiffskapitän Jakob Störr (Gijs Naber) und Lizzy (Léa Seydoux), die sich in einem Café über den Weg laufen und im Anschluss eine stürmische Ehe führen. Zum Kinostart am 4. November 2021 hatten wir die Gelegenheit mit der ungarischen Film-Koryphäe einmal näher über das Geschichtsdrama zu sprechen.

 

Im Film wird eine Menge geraucht. Geht es den Schauspielern gut?

Für gewöhnlich werden am Filmset Kräuterzigaretten ohne Nikotin verwendet. Also keine Sorge, die Schauspieler sind wohlauf (lacht).

Basierend auf dem Filmtitel erwartet man eigentlich eine Geschichte über eine Ehefrau, tatsächlich geht es jedoch um den Ehemann. Was hat es damit auf sich?

Es ist tatsächlich die Geschichte des Ehemanns, ganz klar. Im Buch gibt es aber einen winzigen Unterschied: Hier befinden wir uns mitten im Charakter des Kapitäns Jacob Störr und es findet über 400 Seiten ein innerer Monolog statt. Wir haben es dabei mit einem suchenden Mann zu tun, der nach Hinweisen des Lebens sucht, um dieses zu enträtseln. Das ist aber wie ein Katz-und-Maus-Spiel, da er ständig denkt, er ist auf der richtigen Spur, nur um dann festzustellen, dass das Leben ihm wieder zuvorgekommen ist. Im Vergleich zum Film ist der Blick jedoch ein anderer. Hier gibt es keine inneren Monologe, sondern viele Dialoge zwischen ihm und seiner Frau. Durch die inneren Monologe bekommen wir im Buch aber eine viel tiefere Beschreibung der Ehefrau, deswegen auch der Titel. Im Film wiederum sind wir jedoch der Betrachter des Kapitäns – dadurch wechselt sich die Sicht.

Da die Beziehung des Paars in puncto Passion und toxische Verhaltensweisen einer modernen gleicht, könnte man argumentieren, dass sich in 100 Jahren Menschheitsgeschichte nicht viel geändert hat, wenn es um menschliche Beziehungen geht. Würden Sie dem zustimmen oder würden Sie schon sagen, dass es Fortschritte gab und dass sich die Geschlechter gut angenähert haben?

Durch die Sechziger und Siebziger Jahre gab es schon Fortschritte und zuletzt ganz klar durch die MeToo-Bewegung, die bei den Vorbereitungen des Films aufkam. Das hat den Film sogar geprägt, da ich eine gewisse Frage mit einfließen wollte: Was bedeutet es heutzutage ein Mann zu sein? Der Film ist damit schon ein Stück weit zeitgenössisch, auch wenn die Geschichte in den 1920er Jahren spielt. Dieses Set aus männlichen Sichtweisen, Verhaltensmustern und Gewohnheiten, die sich den gesamten Film durchziehen, erzählt daher auch viel über unsere Zeit. Das Gefühl von Unsicherheit bei der Selbstfindung, wie auch das Thema Verletzlichkeit – und das bei beiden Geschlechtern – hat sich im Laufe von hunderten Jahren aber kaum geändert, im Gegenteil. Das ist heutzutage nach wie vor sehr relevant.

Im Film fällt an einer Stelle eine nachdenkliche Phrase: Die Welt ist nicht für unsere Seelen gemacht. Ist das ein Ausdruck, den Sie 1:1 aus der Novelle übernommen haben oder ist dieses Statement auch ein Stück weit persönlich wichtig, weshalb Sie es im Film integriert haben?

Das ist eine der wenigen Phrasen – ich denke es sind gerade einmal fünf, sechs Stück – die ich direkt 1:1 aus der Romanvorlage übernommen habe. Da ich meine Drehbücher aber immer nur selbst geschrieben habe, war das bei dem Film mal ein anderer Ansatz. Gerade durch nachdenklich machende Sätze wie diese, habe ich mich entschieden diesen Roman zu verfilmen. Dazu aber eine kleine Geschichte: 1999 habe ich meinen Film Simon, the Magician gemacht, bei dem ich im Rahmen der Recherche sehr viel dazu gelernt habe. Ich hatte da sogar das Gefühl, ich habe etwas über das Leben verstanden, was mir immer verborgen blieb. Um etwas konkreter zu werden: Die Zärtlichkeit und Schönheit der Welt, wie auch die Grausamkeit und Gemeinheit und wie nah diese Sachen doch beieinander liegen, beschäftigt mich bis heute. Jahre später kommt jetzt Die Geschichte meiner Frau ins Kino, über genau das – man könnte auch sagen als Resultat. Das Zitat fasst das Ganze also perfekt zusammen. Es ist aber schon eine harte Erkenntnis, die in dem Spruch steckt. Gleichermaßen ist es aber auch ermutigend, gerade dann, wenn Jacob feststellt, dass er nicht der Einzige ist, der leidet. Das Ausschlaggebende ist dabei, dass er das Loslassen erst einmal lernen muss, besonders im Punkt Drang nach Kontrolle. Der Fokus sollte stattdessen mehr auf der Schönheit und der Reichhaltigkeit des Lebens liegen, ohne alles kontrollieren und analysieren zu wollen. Diesen Drang, den aber jeder Mensch in sich trägt, ist aber auch tief in uns verwurzelt, schon von Kind an. All diese Themen über das menschliche Leben finden wir auch im Roman vor und deswegen war diese Geschichte für mich so ansprechend.

Da es einmal mehr um menschliche Seelen geht, denken Sie viel über Themen wie diese nach und hat Die Geschichte meiner Frau viel mit Körper und Seele gemein?

Ich mache mir über so etwas tatsächlich viele Gedanken. Bei den zwei Produktionen ist die Bildsprache zwar grundverschieden, aber im Kern haben sie doch etwas gemeinsam: meine Intention. Mir geht es in beiden Werken darum, dass Menschen sich einander öffnen und so zueinander finden. Die Fähigkeit loslassen zu können, besonders bei toxischen Verhaltensmustern, ist dabei am wichtigsten. Ich hoffe, dass das Publikum genau das aus dem Film mitnimmt.

Neben dem Loslassen geht es im Film noch um weitere Themen, die kapitelweise behandelt werden, darunter Sinnlichkeit, Kontrollverlust und die soziale Interaktion mit anderen Menschen. Sind all diese Themen in Ihrer Neuproduktion gleichermaßen wichtig für das Leben?

Ja, eigentlich schon. Im Endeffekt geht es mir um das große Ganze. Die unterschiedlichen Kapitel nehmen dabei nur eine andere Perspektive auf das Leben ein. Sie sollen dem Publikum einfach mehrere Orientierungspunkte geben, sodass sich der Zuschauer nach dem Film dann auch selber einmal die Zeit nehmen kann, um auf sein Leben zu schauen. Durch den Film kann man im besten Fall auch eine Menge über sich selbst lernen. Das sehe ich schon bei den Vorführungen, wenn das Publikum ergriffen ist. Ein älterer Mann kam nach einer Vorführung sogar letztens zu mir und obwohl er groß war und den Anschein erweckte, nichts könnte ihm etwas anhaben, so war ich über seine Reaktion zu dem Film überrascht. Er fragte mich, was er tun soll, wenn traditionelle Männer nicht mehr gebraucht werden. In solchen berührenden Momenten merke ich, dass auch Männer wie er eine tiefe Verletzlichkeit in sich tragen.

Welcher Film ist Ihnen persönlich wichtiger, Die Geschichte meiner Frau oder Körper und Seele und welchen sehenswerten Film haben Sie zuletzt gesehen?

Körper und Seele war ein winziger Film, der direkt sehr positiv bei den Menschen ankam. Ich bin bei dem Film also sehr stolz, dass meine Botschaft so gut ankam. Die ersten Reaktionen zum neuen Film sind erneut sehr gut und das freut mich. Wie das dann in der Gesamtheit aussieht, kann ich noch nicht sagen aber ich bin sehr gespannt – wie ein Schüler vor seinem ersten Schultag. Zuletzt habe ich von ungarischen Filmstudenten Kurzfilme gesehen, darunter waren wundervolle Werke. Und Red Rocket von Sean Baker habe ich gesehen, auch ein großartiger Film.

Vielen Dank für ihre Zeit und das tolle Gespräch!

Zur Person
Ildikó Enyedi ist eine ungarische Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Preisträgerin unterschiedlicher Filmfestival-Preise. Während ihr Debütfilm Mein 20. Jahrhundert Enyedi 1989 die Goldene Kamera für den besten Nachwuchsfilm bescherte, wurde sie zuletzt 2017 für das Melodram Körper und Seele auf weltweiten Filmfestivals gefeiert.



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Über den Autor

Freier Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und seit vielen Jahren leidenschaftlicher Filmfan, wobei mein Fokus den kleineren Filmperlen gilt.

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