(OT: „A Teströl és Lélekröl“, Regie: ldiko Enyedi, Ungarn, 2017)

Koerper und Seele

„Körper und Seele“ läuft ab 21. September 2017 im Kino

Wenn es darum geht, Prozesse und Abläufe genau einzuhalten, dann ist Mária (Alexandra Borbély) die perfekte Frau dafür. Als Autistin ist es ihr ein Gräuel, wenn irgendwo vom Standard abgewichen wird. Sonderlich beliebt ist sie dennoch nicht, als sie in dem Schlachthaus in Budapest anfängt. Penibel, unnahbar, unpersönlich – aus ihrer Außenseiterrolle kommt sie nicht heraus. Will sie aber auch nicht. Bis sie durch einen Zufall feststellt, dass sie und der halbseitig gelähmte Finanzchef Endre (Géza Morcsányi) nachts denselben Traum haben. In diesem sind sie zwei Hirsche und streifen durch einen winterlichen Wald, immer auf der Suche nach Futter. Aus der anfänglichen Neugierde, was es mit dem kuriosen Zwischenfall auf sich hat, wird mit der Zeit echte Zuneigung. Aber wie soll aus ihnen ein Paar werden, wenn Mária nie gelernt hat, Nähe zuzulassen?

Tja, wo die Liebe hinfällt. Es ist ein gern bemühtes Bild, wenn von den Anfängen einer Liebe gesprochen wird: Ich hätte dich auch lieber im Supermarkt kennengelernt. Normalität, aus der sich etwas ganz Besonderes ergibt – das ist für viele ein Traum. Um Träume geht es in Körper und Seele auch sehr oft. Und um eine Normalität, die manchen schon wieder zu normal sein wird. So romantisch der eine oder andere die Vorstellung finden wird, beim gemeinsamen Griff in die Wursttheke die Liebe des Lebens gefunden zu haben, so wenig gilt das für den Ort, wo diese Wurst hergestellt wurde. Ein Schlachthaus als Ort der zart knospenden Liebe? Nein, danke.

Distanzierter Einblick in einen blutrot-grauen Alltag
Zumal die ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin ldiko Enyedi auch keine Vorbehalte hat, den konkreten Arbeitsalltag aufzuzeigen. Schön ist es nicht, wenn Rinderköpfe abgeschlagen werden. Aber es gehört dazu. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Wo geschlachtet wird, die Körperteile. Der Anblick wird bei manchem womöglich die Überlegung wecken, es doch mal mit vegetarischer Ernährung zu versuchen. Aber Enyedi hat kein großes Interesse daran, die Vorgänge eines Schlachthauses selbst zu thematisieren, geschweige denn zu verurteilen. Es ist, was es ist, so wird das auch festgehalten, teilnahmslos, fast schon dokumentarisch.

Die ungarische Veteranin hat wohl auch deshalb darauf zurückgegriffen, um einen möglichst großen Kontrast zu den Traumszenen herzustellen. Im einen Moment sieht man majestätische Hirsche, die sanft durch eine Winterlandschaft stapfen. Im nächsten Fleischabfälle, Kantinen und lustige Hauben. Lustig ist auch manchmal der Film. Wenn Mária versucht, sich die Welt da draußen zu eigen zu machen, indem sie es mit Playmobilfiguren nachspielt. Wenn sie Endre aus der Fassung bringt, weil sie sich an jeden einzelnen Satz erinnert, den er zu ihr gesagt hat – in der akkuraten Reihenfolge natürlich. Und auch die Szene, in der die beiden Träumenden von ihrer Gemeinsamkeit herausfinden, darf einen mal zum Lachen bringen.

Gefühlvoll und herzerwärmend
Eine Komödie ist Körper und Seele dadurch aber noch lange nicht. Drama steht auf der Verpackung, Drama ist auch meistens drin. Vor allem aber viel Herz: Der Film erzählt die Geschichte zweier Menschen, die irgendwie nicht so richtig fürs Leben gemacht sind. Mária schreckt vor allem zurück, was nah und menschlich sein könnte. Endre hat aufgrund seiner Behinderung ohnehin mit allem abgeschlossen. Wenn diese beiden in der mal skurrilen, dann wieder surrealen Romanze zusammenfinden, dann bedeutet das – ähnlich zum parallel startenden Blind & Hässlich –, dass zwei Außenseiter doch noch ihr Plätzchen finden. Und wer will dazu schon Nein sagen? Dass es nie eine Erklärung für die Träume gibt, spielt dabei keine relevante Rolle. Und auch der etwas seltsame Nebenstrang um ein geklautes Präparat ist schnell vergessen. Hier darf man sich zurücklehnen und träumen, auch am Tage, daran glauben und glauben wollen, dass alles irgendwo irgendwann irgendwie gut geht. Selbst in einem Schlachthaus.



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Körper und Seele
3.88 (77.5%) 16 Artikel bewerten

Körper und Seele
Ein körperlich Behinderter und eine Autistin verlieben sich in einem Schlachthaus, weil sie in Träumen zu Hirschen werden. Wie bitte? Die Geschichte ist skurril bis surreal, manchmal auch komisch, insgesamt aber vor allem gefühlvoll: „Körper und Seele“ ist ein Geheimtipp für die Freunde leiser und ungewöhnlicher Romanzen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    VORSICHT SPOILER!!

    Was für ein großartiger Film! Für anspruchsvolle Zuschauer zum Zunge schnalzen. Hier stimmt einfach alles. Vom Titel bis zum Abspann, vom Score bis zu den Darstellern. In ein gedankliches Konstrukt vom Feinsten ist die ungewöhnlichste Liebesgeschichte der Leinwand eingebettet. Und Kameraführung, Schnitt und die ganze Technik tun ein Übriges, um uns von Anfang an in einen emotionalen Strudel mit hinein zu ziehen, aus dem wir erst durch ein unerwartetes Happy End erwachen. Das Fantastische dabei ist, dass wir uns in Sphären bewegen, die sonst nur durch Psi und Metaphysik besetzt sind. Hier wird dieses Phänomen aber so abgehandelt, als sei es das Natürlichste der Welt:
    Maria und Endre haben denselben Traum: Ein Hirsch und eine Hirschkuh im Winterwald. Sie lernen sich erst kennen, als im Betrieb, in dem sie arbeiten, ‘Unregelmäßigkeiten‘ vorkommen. Eine Befragung durch eine aufreizende Psychologin bringt den gemeinsamen Traum ans Licht. (Mit verschämt netter Komik.)
    Maria ist eine autistische Qualitätsprüferin, Endre, ein leicht behinderter Finanzdirektor: zwei Außenseiter also.
    Geschickt geschnitten wechselt die Szene vom idyllischen Winterwald zum brutalen Vorgang im Schlachthof, in dem beide arbeiten. Hirsch und Hirschkuh begegnen sich und trinken gemeinsam in einem Bach. Ihre Nasen berühren sich. In der Realität treffen sich Maria und Endre. Gemeinsames Einschlafen zwecks gemeinsamem Träumen gerät zum Fiasko. Maria fürchtet Berührungen. Wie sie die versucht zu überwinden und als sie es fast geschafft hat und durch Endres Absage einen Suizidversuch macht, geht unter die Haut, so wunderschön auch die Bilder dazu sind.
    In dem Zweipersonenstück – mit wenigen deftigen Nebenrollen – überzeugt vor allem Maria (Alexandra Borbely). Mit leerem Blick stakst sie wie in Trance linkisch durch die Welt. Endre (Geza Morcsanyi) ist als Chef eher etwas geerdet aber auch unbeholfen und unsicher. All das wird durch die sexuelle Erfüllung erlösend beseitigt, auch der gemeinsame Traum. Selten war der Goldene Bär so verdient für ein Beinahe-Debüt von Ildiko Enyedi. Chapeau!

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