Inhalt / Kritik

Die Bartholomäusnacht

„Die Bartholomäusnacht“ // Deutschland-Start: 29. September 1994 (Kino) // 15. Oktober 2021 (Mediabook)

Im Jahre 1572 herrscht im französischen Königreich, regiert von König Karl IX. (Jean-Hughes Anglade) große Unruhen zwischen den Katholiken und den Protestanten, den Hugenotten. Um endlich Frieden herzustellen wird eine Heirat zwischen dem protestantischen Heinrich von Navarra (Daniel Auteuil) und der katholischen Margot (Isabella Adjani), der jüngsten Schwester des Königs und Tochter von Katharina von Medici (Virna Lisi), initiiert. Es ist eine Pflichtheirat, was beiden sehr wohl bewusst ist, sodass sich Heinrich keine Hoffnungen macht, auch nur irgendeine Form der Zuwendung von seiner Gemahlin zu erwarten. Stattdessen konzentrieren er und sein Beraterstab sich darauf, in Verhandlungen mit dem Königshaus zu treten, den Frieden also nicht nur zu sichern, sondern auch an Einfluss im Land zu gewinnen. Derweil vertreibt sich Margot mit ihrer engsten Vertrauten Henriette von Nevers (Dominique Blanc) den Abend und sucht nach einem geeigneten Mann, der ihr die Langweile in der Hochzeitsnacht vertreiben kann. In den Straßen von Paris findet sie Adelige, natürlich maskiert, in dem angereisten Edelmann La Môle (Vincent Perez) den angemessenen Begleiter, mit dem sie einige schöne Stunden verlebt. Wie viele andere ist auch er angereist, um die Heirat zu feiern und zugleich eine wichtige Angelegenheit mit Heinrich zu besprechen.

Währenddessen sieht Katharina die Stellung ihrer Familie und ihres Sohnes Karl am Hofe durch die Hugenotten bedroht. Mithilfe ihres Beraterstabes entspinnt sie den Plan für ein groß angelegtes Pogrom, welches am 24. August, dem Namenstag des Apostels Bartholomäus, stattfindet, an dem ganze Heerscharen von königstreuen Gefolgsleuten durch die Straßen der französischen Stadt ziehen und jeden Hugenotten kaltblütig ermorden. Nur mit der Hilfe einiger Vertrauter gelingt es Heinrich zu entkommen, wohingegen sich La Môle nur schwer verletzt retten kann. Vom Ausmaß des Mordens schockiert, sieht Margot nun, dass ihre Hochzeit vor allem als Köder für die vielen Menschen gedacht war, welche nun in den Straßen liegen. Während sie, sehr zum Unwillen ihrer Mutter und Brüder, beginnt aufzubegehren, plant Heinrich seine Flucht und schließt sich La Môle dem Widerstand gegen das System Karls an.

Kein historischer Film

Lange Zeit sah es nicht danach aus, dass das Projekt von Regisseur und Drehbuchautor Patrice Chéreau (Intimacy), der schon lange an einer Geschichte um die berüchtigte Bartholomäusnacht arbeitete, wirklich zustande kommen sollte. Gedacht als „Laudatio auf Toleranz“, wie er selbst einmal schrieb, war das Projekt doch in erster Linie ein historischer Stoff und von daher recht kostspielig. Die Hartnäckigkeit aller Beteiligten und der Glaube an das Projekt wurden belohnt, denn nicht nur kam der Film dann doch zustande, er wurde auch mit zahlreichen Auszeichnungen für Regie, Drehbuch und Schauspiel bedacht, unter anderem dem Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes 1994 sowie einer Auszeichnung für Isabella Adjani als Beste Hauptdarstellerin.

Interessant ist dabei, dass sowohl Patrice Chéreau wie auch Drehbuchautorin Danièle Thompson Die Bartholomäusnacht keinesfalls als einen Historienfilm betrachten. Allzu oft überwiegt gerade in diesem Genre die Ausstattung und das Detail die eigentliche Geschichte und deren Themen, was keiner von beiden beabsichtige, sind doch die Gesichter, wie es Chéreau beschreibt, wichtig. In diesen spiegelt sich die Wut und der Schmerz wider, was sich in der Kameraarbeit Philippe Rousselots sowie der Inszenierung niederschlägt, die in erster Linie auf Nahaufnahmen setzt und damit insbesondere das Schauspiel von so talentierten Darstellerin wie Adjani, Anglade, Perez und Lisi zum Ausdruck bringen. Die Bartholomäusnacht wird so zu großem Schauspielkino, aber auch zu einer Parabel auf Werte wie Toleranz, was den Machern, wie schon erwähnt, besonders am Herzen lag.

Über das Täuschen und das Tauschen

Jedoch ist Patrice Chéreau noch weit mehr als die von ihm beschrieben Intentionen vermuten lassen. Gerade aus heutiger Sicht verweisen die zahlreichen Szenen, welche lediglich dem Ränkespiel am französischen Hofe gewidmet sind sowie den politischen Machenschaften, auf jenen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung sowie dem zwischen Individuum und System. Vor diesem Hintergrund mag der Originaltitel La Reine Margot wesentlich treffender sein, zeigt die Entwicklung einer Figur wie der von Isabella Adjani gespielten einen Erkenntnisprozess, der zeigt, welche Macht sie tatsächlich hat in einem System, welches sie in erster Linie als Tauschobjekt begreift und als Mittel, die eigene Macht zu erweitern. Chéreaus Spielfilm ist ein unglaublich physischer Film in dem Sinne, dass er den Körper immer wieder in den Vordergrund rückt, als Spiegelbild dieses Machtanspruchs, der Willkür und der Grausamkeit. Letztlich ist einer sicher in diesem Frankreich, weder auf den Straßen noch in den Garten des Königsschlosses, wenn er oder die dem Willen der Oberen im Wege steht.

Gerade ein historischer Stoff neigt, unabhängig von der Qualität der Inszenierung, gerne zur Akribie, sei es nun auf Details wie Kostüme oder Sets bezogen oder eben auf die Beziehungen der Figuren untereinander. Patrice Chéreau geht in seinem Film einen dynamischeren Weg, der zum einen auf die Charaktere konzentriert und zum anderen auf den fatalen Dominoeffekt, den viele Entscheidungen nach sich ziehen, was meist Gewalt und Tod nach sich zieht. Dieser Ansatz gibt der Geschichte einen unglaublichen Sog, welcher den Zuschauer mit sich zieht und über die Laufzeit von 159 Minuten an sich bindet.

Credits

OT: „La Reine Margot“
Land: Frankreich, Deutschland, Italien
Jahr: 1994
Regie: Patrice Chéreau
Drehbuch: Danièle Thompson, Patrice Chéreau
Musik: Goran Bregović
Kamera: Philippe Rousselot
Besetzung: Isabella Adjani, Daniel Auteuil, Jean-Hughes Anglade, Vincent Perez, Virna Lisi, Dominique Blanc, Pascal Greggory, Asia Argento, Julien Rassam, Claudio Amendola

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1995 Beste Kostüme Moidele Bickel Nominierung
BAFTA 1996 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Cannes 1994 Goldene Palme Nominierung
César 1995 Bester Film Nominierung
Beste Regie Patrice Chéreau Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Patrice Chéreau, Danièle Thompson Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Isabelle Adjani Sieg
Bester Nebendarsteller Jean-Hugues Anglade Sieg
Beste Nebendarstellerin Virna Lisi Sieg
Beste Nebendarstellerin Dominique Blanc Nominierung
Beste Musik Goran Bregovic Nominierung
Beste Kamera Philippe Rousselot Sieg
Beste Kostüme Moidele Bickel Sieg
Bestes Szenenbild Richard Peduzzi, Olivier Radot Nominierung
Bester Schnitt François Gédigier, Hélène Viard Nominierung
Golden Globes 1995 Bester fremdsprachiger Film Nominierung

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Die Bartholomäusnacht
"Die Bartholomäusnacht" ist ein Historiendrama über Toleranz, Willkür und politische Intrigen. Patrice Chéreau gelingt ein Paradebeispiel für einen Geschichtsfilm, der trotz seines Settings aktuell geblieben ist und darüber hinaus mit vielen tollen Darstellern zu überzeugen weiß.
9von 10
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