Intimacy

Intimacy

Intimacy
„Intimacy“ // Deutschland-Start: 7. Juni 2001 (Kino) // 10. Oktober 2019 (DVD)

Jeden Mittwoch erhält der Barmanager Jay (Mark Rylance) Besuch von einer Frau (Kerry Fox), einer Zufallsbekanntschaft, sie haben Sex miteinander und kurze Zeit später verschwindet die Frau wieder. Zunächst ist Jay diese Prozedur nur recht, lebt er doch getrennt von seiner Frau (Susannah Harker) sowie seinen Kindern und hat durchaus wenig Lust auf eine emotionale Bindung. Jedoch kann Jay nicht anders, als fasziniert zu sein von dieser schönen Unbekannten, an der er letztlich doch mehr Interesse hat als anfangs vermutet. Als er ihr eines Tages bis in die Vororte Londons folgt, findet er nicht nur heraus, dass ihr Name Claire ist und sie Schauspielerin ist, sondern trifft zudem ihren Ehemann Andy (Timothy Spall), der Jay zunächst für einen Besucher ihres Theaterstücks hält. Nun muss Jay einsehen, dass nicht nur er es ist, der keine emotionale Bindung haben will, sondern auch sie möchte nicht viel mehr als Sex von ihm. Dies ist Jay aber nun zu wenig.

Körperzeit
Neben Die Bartholomäusnacht (1994) gehört Intimacy zu den wohl bekanntesten Werken des französischen Regisseurs Patrice Chéreau. Gefeiert auf der Berlinale und auf dem Sundance Film Festival, umgab Intimacy schon sehr bald aufgrund der freizügigen Sex-Szenen die Aura des Skandalfilms, die der Film bis heute noch nicht ganz abgeschüttelt hat, sodass er teils in einem Zug mit Filmen genannt wurde wie Leo Carax‘ Pola X oder Alexandre Ajas High Tension. Auch wenn die Thematik des menschlichen Körpers und einer realistischen Ästhetik durchaus auf Chéreaus Werk zutrifft, tut man dem Film doch Unrecht, wenn man ihn alleine im Kontext einer solchen Bewegung behandelt.

Basierend auf dem Roman Rasende Nähe sowie der Kurzgeschichte Night Light des britischen Autors Hanif Kureishi begreift sich Chéreaus Film vielmehr als eine Geschichte menschlicher Nähe und emotionaler Distanz. Ohne sonstige Hintergründe wird der Zuschauer sogleich in die Leben dieser Menschen „hineingeworfen“, beobachtet Claire und Jay beim Sex, der bereits etwas Ritualhaftes hat, was wenige Szenen später in einem Dialog mit einem neuen Barkeeper von Jay bestätigt wird. Die körperliche Nähe ist eine Art Schutz vor einer emotionalen Annäherung, zu der sich beide außerstande fühlen, zu der beide nicht bereit sind, auch wenn die Gründe variieren. Nach diesem rein physischen Akt der Nähe suchen beide wieder die rettende Distanz, die räumliche wie auch emotionale, entfernen sich, ohne sich selbst preisgegeben zu haben.

Diese Distanz spiegelt sich in den Dialogen Chéreaus und Anne-Luise Trividics Skript wider. Immer gefährlich nahe an der Abstraktheit, ist die Beziehungslosigkeit Jays sowie die innere Leere Claires zu finden in ihrem Umgang mit anderen. So wird Victor (Alastair Galbraith), ein Bekannter Jays, aufgrund seines unsteten Lebensstils eher als Last empfunden, oder die Teilnehmerin von Claires Schauspielkurs (Marianne Faithfull) beschuldigt, ihrem Spiel würde die Tiefe fehlen.

Sklaven der Lust
In Zusammenhang mit der Inszenierung der Körper und der Lust steht die Darstellung des Raumes. Speziell Jays Wohnung gleicht eher einer jener Transitzonen des Lebens, in denen man sich nur temporär aufhalten will, in der Jay aber auf eigene Wahl hin gefangen zu sein scheint. Die Umzugskartons noch teils befüllt, die rissigen Wände und die kahle Matratze auf dem Boden gleichen eher eine Höhle, in die man sich zurückzieht, die man aber scheut, sich selbst zu einem neuen Zuhause zu machen. Die nüchtern-kalten Bilder Eric Gautiers betonen die Kühle in diesen Räumen, die Anonymität des Lebensstils, den vor allem Jay gerne für sich beansprucht.

Diese Einheit von Körper und Raum findet sich beispielsweise in den Dramen eines Tennessee Williams (Endstation Sehnsucht). Neben der offensichtlichen Referenz im Film (Claires Theatergruppe spielt ein Stück von ihm), bietet Chéreau eine zunächst befremdliche Außensicht auf Charaktere, die in ihren Handlungen und Motiven seltsam wirken, aber zugleich tief verwundet und auf der Hut. Erst im Rahmen der vielen intensiv gespielten Szenen ist man in der Lage, das Gesamtbild dieser Figur zu entschlüsseln, hinter die Maske zu blicken.



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Intimacy ist ein intensiver Film über menschliche Nähe und Beziehungen. Teils etwas sehr abstrakt in den Dialogen überzeugt das starke Spiel der Darsteller und der visuelle Stil des Films jedoch durchgehend. Dies ist ein Film, der seinen Zuschauer vor Fragen stellt und sich erst langsam diesem öffnet, ähnlich wie seine Figuren.
7
von 10