Inhalt / Kritik

Breaking Glass

„Breaking Glass“ // Deutschland-Start: 23. April 1981 (Kino)

Für Kate Crowley (Hazel O’Connor) gibt es nur ein Ziel im Leben: Sie will auf der Bühne stehen und über die Welt singen, vor allem über all das, was in ihr kaputt ist. Das tut sie mit sehr viel Leidenschaft, sie lässt sich von nichts und niemandem aufhalten. So richtig erfolgreich ist sie damit jedoch bislang nicht, ihre Band bekommt keine nennenswerten Auftritte. Doch dann begegnet sie Danny (Phil Daniels), der von Anfang an von ihr begeistert ist und unbedingt ihr Manager werden möchte. Die anarchistische Kate ist zwar skeptisch, da sie alles, was nach Musikindustrie aussieht, vehement ablehnt. Am Ende lässt sie sich aber doch darauf ein und nimmt es sogar in Kauf, dass er ihre alte Band feuert und eine völlig neue namens Breaking Glass zusammenstellt. Doch die Anfänge sind schwer, auch weil die kontroversen Texte nicht überall auf Gegenliebe stoßen …

Der kurze Sprung an die Spitze

International nahm man von Hazel O’Connor eher wenig Notiz. Doch in ihrer Heimat war die Engländerin für eine kurze Zeit Anfang der 1980er tatsächlich ein Star. Das lag in erster Linie an Breaking Glass, in dem sie eine Sängerin spielte, welche die Schattenseiten der Musikindustrie kennenlernt. Mehrere Singles daraus erreichten die heimischen Charts, Eighth Day und Will You? sogar die Top 10. Der Soundtrack selbst, komplett von O’Connor eingespielt und gesungen, erreicht sogar Platz fünf und wurde mit Gold ausgezeichnet. Eine tatsächliche längerfristige Karriere blieb ihr jedoch verwehrt: Der Ruhm währte nur kurz. Obwohl sie auch später immer wieder neue Alben aufnahm und auf Tour ging, wird sie bis heute auf diesen einen Film und das dazugehörige Album reduziert.

Dafür genießt dieser durchaus einen gewissen Kultstatus. An der Geschichte dürfte das eher weniger liegen. Regisseur und Drehbuchautor Brian Gibson, der später unter anderem auch das Tina Turner Biopic What’s Love Got to Do with It gedreht hat, erzählt hier die klassische Geschichte eines Aufstiegs und Falls im Musikgeschäft. Damit verbunden ist der ewige Kampf zwischen Kommerzialität und künstlerischer Integrität. Verdeutlicht wird das beispielsweise an dem gesellschaftskritischen Lied Big Brother, dessen Textzeile „kick him in the arse“ später durch „punch him in the nose“ ersetzt wird. Denn weniger obszön bedeutet mehr Radioeinsätze. Und auch sonst bewegt sich Kate im Laufe von Breaking Glass immer weiter weg von dem, woran sie glaubte und was sie ausmachte.

In einer Männerwelt kaputt gegangen

Bemerkenswert ist dabei jedoch, wie die Sängerin an diesem Wandel selbst kaputt geht. Die Leidenschaft, mit der sie zu Beginn noch gegen die Welt ansingt und sich auch von Neo-Nazis nicht einschüchtern lässt, wird zu einer leeren Hülle. Wenn sie zum großen Finale von Breaking Glass im apokalyptischen Eighth Day davon singt, wie Roboter die Menschen ersetzen und sie selbst in einem grotesk-futuristischen Glitzerkostüm auf der Bühne steht, mit aufgerissenen Augen auf die vollgestopfte Dunkelheit starrend, dann ist sie selbst zu einer Maschine geworden. Eine Maschine, die keinen eigenen Willen mehr hat, dafür ständig von anderen manipuliert wurde. Am Anfang mit Lob und aufrichtiger Bewunderung. Später mit dem Versprechen auf Erfolg. Am Ende mit Drogen.

Tragisch ist dabei, wie die anfangs so starke, wenngleich naive Frau von Männern umgeformt wird und dabei zunehmend passiv agiert. Schon Danny ist richtig übergriffig, wenn er ihr die Band wegnimmt und ohne ihre Zustimmung neue Leute sucht. Auch später sind es Männer, von Plattenfirmen, im Radio oder der neue Manager, die bestimmen und bestimmen wollen, wer Kate zu sein hat. Breaking Glass ist damit nicht allein die Kritik an einem Musikgeschäft, das sich nicht für das Individuum, sondern nur dessen Vermarktung interessiert. Der Film ist zudem der Spiegel einer patriarchischen Gesellschaft, in der Frauen kein Mitspracherecht haben – nicht einmal für sich selbst.

Zeitporträt mit elektrisierenden Auftritten

Das lebt vor allem auch von O’Connor. Sie mag keine begnadete Schauspielerin sein, zeigt in ihren Auftritten aber eine elektrisierende Präsenz – mal rebellisch, mal theatralisch, dann wieder intim. Außerdem sind die Lieder bis heute echte Ohrwürmer. Allein für die Musik lohnt es sich daher, den Film auszugraben. Aber auch als Zeitporträt ist Breaking Glass sehenswert, wenn im Hintergrund die gesellschaftlichen und musikalischen Veränderungen der frühen 80er in England mitschwingen. Dazu gibt es frühe Auftritte einige späterer Schauspielgrößen. Von diesen sticht besonders Jonathan Pryce (Die zwei Päpste) hervor, der mit seiner Rolle als drogenabhängiger Saxophonist einige der emotionalsten Momente in dem Musikdrama hat. Denn auch für diesen gibt es irgendwann keinen Platz mehr in einer Welt, die von Thatcher, gierigen Anzugträgern und Robotern regiert wird.

Credits

OT: „Breaking Glass“
Land: UK
Jahr: 1980
Regie: Brian Gibson
Drehbuch: Brian Gibson
Kamera: Stephen Goldblatt
Besetzung: Hazel O’Connor, Phil Daniels, Jonathan Pryce, Jon Finch

Trailer

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Breaking Glass
„Breaking Glass“ ist ein inhaltlich zwar wenig originelles, aber doch noch immer sehenswertes Drama um den Aufstieg und Fall einer Punksängerin Anfang der 1980er, welches die Musikindustrie und eine patriarchische Gesellschaft anklagt. Neben den eingängigen Liedern und den elektrisierenden Auftritten von Hazel O’Connor ist es auch das Porträt eines sich verändernden Englands, welche den Film auszeichnen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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