Inhalt / Kritik

Borga

„Borga“ // Deutschland-Start: 28. Oktober 2021 (Kino)

Das Leben der beiden Brüder Kojo (Eugene Boateng) und Kofi (Jude Arnold Kurankyi) könnte kaum weniger glamourös sein. Ihre Jugend ist von dem geprägt, was sie auf der Elektroschrott-Müllhalde Agbogbloshi finden und mit dem Vater (Adjetey Anang) zu Geld machen. Das hindert die zwei aber nicht daran, vom großen Glück zu träumen. Während Kofi in die Fußstapfen des Vaters treten und dessen Betrieb übernehmen soll, will Kojo eines Tages nach Deutschland gehen. Denn dort wartet der Reichtum auf ihn. Er könnte zu einem Borga werden, wie seine Landsmänner genannt werden, die es im Ausland zu Ansehen und Wohlstand gebracht haben. Tatsächlich bietet sich Kojo eines Tages die Möglichkeit, ins Land seiner Träume zu warten. Doch dort erwartet ihn nicht das erhoffte Abenteuer …

Die Suche nach dem Glück

Und was willst du einmal werden, wenn du groß bist? Reich! Nein, man kann nicht behaupten, dass Kojo einen besonders schönen Traum hat. Er ist nicht einmal wirklich ausgefeilt. Vielmehr wird er von diesem diffusen Bild eines Borgas verfolgt, den er gesehen hat. Kojo weiß eigentlich gar nichts über diesen Mann. Er weiß nicht, wer er ist oder was er genau tut. Er weiß nur, dass er elegant gekleidet ist und über Geld verfügt. Vor allem aber wird er von seiner Familie bewundert. Das ist es vermutlich, was den jungen Ghanaer am meisten anzieht. Nicht nur dass er arm ist und keine berufliche Perspektive vor Augen hat. Er wird vom eigenen Vater nicht wirklich wahrgenommen, der in erster Linie auf den älteren Bruder Kofi setzt.

Mit nur wenigen Strichen legt Regisseur und Co-Autor York-Fabian Raabe damit die Koordinaten fest, innerhalb derer sich seine Geschichte abspielt. Es geht um Geld und Ansehen. Es geht aber auch um familiäre Bande und die Sehnsucht nach Anerkennung. Borga erzählt, wie der junge Protagonist sich durchs Leben schlägt, immer auf der Suche nach dem Glück. Wie so viele tritt er die Reise nach Europa an, im festen Glauben, dass dort alles anders und vor allem besser ist. Er muss nur dort ankommen, dann lösen sich seine Probleme wie von selbst. Das ist natürlich sehr naiv: Auf die anfängliche Euphorie folgt bald Ernüchterung. Denn auch wenn Kojo sich das zunächst nicht eingestehen will, so merkt er doch, dass das in Deutschland irgendwie alles nicht so wirklich toll ist.

Das Festhalten an einer Fassade

Das Drama zeigt ungeschminkt, welche Enttäuschungen das Leben für Kojo bereithält, wenn er von Tag zu Tag stolpert, ohne wirklich voranzukommen. Interessanter ist aber, wie dieser damit umgeht: Er tut einfach so, als wäre trotzdem alles prima. Er hat sich so sehr darauf versteift, als Borga endlich jemand zu werden, dass er keinen Plan B hat. Seiner Familie gegenüber tritt er trotz allem so auf, als wäre er der, der er gern wäre. Und auch gegenüber Lina (Christiane Paul), die ihm tatsächlich die Möglichkeit geben würde, jemand zu werden, weiß er nicht so recht, was er tun soll. Wer kann er sein, wenn er kein Borga ist? Ist er überhaupt irgendwer?  Und so verfällt er in alte Muster, macht einfach weiter, in der Hoffnung, dass die Träume doch noch wahr werden. Irgendwie.

Dafür zeigt das Drama, welches auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 Premiere feierte und dort eine Reihe von Preisen einheimste, eine Alternativ: die Familie. So richtig gut läuft es dort zwar auch nicht, eigentlich befindet sich praktisch jeder irgendwie im Streit. Kojo mit seinem Vater. Kojo mit Kofi. Kofi mit seinem Sohn. Denn sie alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das Leben zu funktionieren hat, und geraten dabei aneinander. Und doch bietet die Familie eine echte Möglichkeit zur Identität. Sie ist gleichzeitig sehr dynamisch und eine Konstante im Leben von Kojo. Etwas, zu dem man immer wieder zurückkommen kann, wenn sich mal wieder ein Traumpalast als Müllkippe herausstellt, vollgestopft mit dem, was keiner haben will.

Ein Füllhorn an Themen

Letzteres ist natürlich durchaus auch als Kritik an den großen Industriestaaten gemeint. Wenn sich Kojo und Kofi um den Elektroschrott kümmern, für den bei uns keiner Verwendung hat, dann ist das schon ein starkes Bild dafür, wie diese Welt aufgeteilt ist. Damit einher geht ein wahres Füllhorn an Themen, die zwischendurch angeschnitten werden, von Umweltverschmutzung und Immigration über Klassenunterschiede bis zu den Folgen des Kolonialismus. Raabe verzichtet aber darauf, da mit erhobenem Finger das Publikum ermahnen zu wollen. Stattdessen lässt er sich einfühlsam auf seine Hauptfigur ein, berichtet aus ihrem Blickwinkel, was es heißt, in einer Welt jemand sein zu wollen, die sich nicht für dich interessiert. Außer du bist ein Borga natürlich.

Credits

OT: „Borga“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: York-Fabian Raabe
Drehbuch: York-Fabian Raabe, Toks Körner
Musik: Tomer Moked, Ben Lukas Boysen
Kamera: Tobias von dem Borne
Besetzung: Eugene Boateng, Christiane Paul, Thelma Buabeng, Ibrahima Sanogo, Prince Kuhlmann, Jerry Kwarteng, Helgi Schmid

Bilder

Trailer

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Borga
„Borga“ folgt einem jungen Mann aus Ghana, der vom reichen Leben in Deutschland träumt und dort ziemlich enttäuscht wird. Das Drama erzählt dabei von einer Sinnsuche und falschen Fassaden, von nicht gehaltenen Versprechen, aber auch familiären Banden, die in einer Welt des Scheins und Mülls eine Konstante sind.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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