In der Romanadaption Schachnovelle nach Stefan Zweig verkörpert Oliver Masucci den Wiener Anwalt Josef Bartok, der nach der Machtergreifung der Nazis 1938 von diesen in ein Hotelzimmer gesperrt wird. Dort soll er bleiben, bis er den Zugang zu den Konten seiner Klienten ermöglicht. Das kommt für ihn jedoch nicht in Frage, unter keinem Preis will er die dafür notwendigen Zahlen rausrücken. Doch seine Gegner sind geduldig und vertrauen darauf, dass die fortwährende Isolation den Gefangenen schon klein kriegen wird. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis Bartok das Gefühl für Zeit und Raum verliert und zunehmend die Grenzen zwischen der Realität und seiner Fantasie verschwimmen. Wir unterhalten uns zum Kinostart am 23. September 2021 mit dem Schauspieler über seine Rolle, Mittel gegen den Realitätsverlust und was er in ein einsames Hotelzimmer mitnehmen würde.

 

Was hat Sie daran gereizt, bei Schachnovelle mitzuspielen? Warum hat es Sie gefreut, den Film zu drehen?

Tatsächlich habe ich mich nicht darauf gefreut. Als ich mit Philipp Stölzl zum ersten Mal an dem Stoff gearbeitet habe, ein Jahr vor dem Dreh, ging mir das schon sehr nahe. Es gibt Fälle von Schizophrenie in meiner Familie. Ich kenne das also. Ich kenne die Symptome. Einen solchen Menschen zu spielen, das ging mir zu tief rein, weshalb ich zu Philipp gesagt habe, er soll doch noch weiter suchen, ob er nicht jemand anderen für diese Rolle findet. Das hat er auch getan: Er hat gesucht, er hat neu gecastet. Und ein halbes Jahr später rief er bei mir an, als ich gerade gut gelaunt mit meiner Tochter auf Mallorca war, und sagte mir, er habe niemand anderen gefunden. Da fühlte ich mich derart in meiner Eitelkeit geschmeichelt, dass ich doch noch zugesagt habe. Zudem ist Philipp Stölzl ein sehr sehr genauer und ernsthafter Regisseur, der sich immer sehr gut vorbereitet, was mich beeindruckt hat.

Wie sah diese Vorbereitung denn aus?

Um mich zu gewinnen, hat er mir das komplette Storyboard des Films vorab geschickt. Da war jedes Detail aufgezeichnet, jede Kameraeinstellung. Das war das erste Mal, dass ich ein Jahr vor Drehbeginn schon wusste, wie der Film aussieht. Literatur in Bilder umzusetzen, das ist dann doch noch mal etwas ganz anderes. Da war dieses Storyboard ein sehr gutes Gerüst, mit dem man arbeiten konnte. Mir hat die filmische Umsetzung unglaublich gut gefallen. Philipp löste sich bei der Verfilmung in gewissen Teilen von der Novelle und baut eine komplett andere Dramaturgie auf. Das ist auch schön für das Publikum, welches das Buch kennt und noch einmal überrascht wird. Es wird auf eine Reise mitgenommen, die es so nicht erwartet hat. Das ist dem Film sehr gut gelungen, ohne dass dabei die Schachnovelle verloren geht.

Wie präsent war denn die Schachnovelle in Ihnen selbst?

Die Schachnovelle war etwas, womit ich in der Schule Kontakt hatte. Das fiel noch unter Pflichtprogramm. Ich bin in keiner bildungsbürgerlichen Familie aufgewachsen, meine Eltern haben sich hochgearbeitet. Mein Vater war quasi ein Wirtschaftsflüchtling, der in den 60ern mit drei Brüdern aus Italien kam. Ich sah mich damals noch als das Ausländerkind, das in Deutschland ausgegrenzt wird, als Itaker oder Spagettifresser beschimpft wurde. Solche Bezeichnungen nimmst du dann irgendwann an als Kind und denkst: Ich kann das nicht, das Deutsch. Wenn ich dann in der Schule etwas vorlesen musste, baute sich in mir ein solcher Druck auf. Sätze haben sich in Worte aufgelöst, Worte in Buchtstaben, die vor meinen Augen zu tanzen anfingen. Deswegen habe ich nie gern gelesen. Dafür habe ich das Kino geliebt. Ich habe einmal, da war ich noch ein Kind, 100 Mark gefunden und die ins Kino getragen. Ich bin immer heimlich in die Stadt gefahren und habe mir Filme angeschaut. Gerade weil mir die Realität damals nicht so gefallen hat, konnte ich mit diesen Filmen von einem anderen Leben träumen. Damals entstand dann auch der Wunsch, selbst zu spielen und Teil von dieser Welt zu werden, die ich vor mir sah.

Sie meinten, dass Sie wegen des Themas der Schizophrenie die Rolle eigentlich nicht übernehmen wollten. Wie war es für Sie, diese dann doch zu spielen?

Grausam. Es ist nicht schön zum Set zu kommen in dem Wissen: Heute werde ich wieder durchgefoltert. Ich darf mir wieder vorstellen, in einem Zimmer eingesperrt zu sein, seit einem dreiviertel Jahr, und dabei die Vorstellung von Raum und Zeit zu verlieren. Als Schauspieler ist es deine Aufgabe, für den Zuschauer zur Projektionsfläche zu werden. Und das bedeutet in diesem Fall, für ihn glaubhaft zu durchleben, dass sich alles auflöst, was mich an mein Leben erinnert. Dass ich mich selbst langsam auflöse. Eine starke Szene in dem Film ist, wie ihm die Worte verloren gehen. Ihm, dem Bildungsbürger, dem Worte so wichtig sind und der Odysseus zitiert. Der Schauspieler muss in einer solchen Szene aufmachen, damit ihm der Zuschauer in die Seele blickt. Das bedarf einer gewissen Überwindung. Das bedarf auch viel Mut. Denn es kostet dich etwas, dich derart zu öffnen und bloßzulegen. Zumindest wenn es wie in der Schachnovelle tragisch ist. Es kostet dich immer ein bisschen als Schauspieler. Aber das bin ich eben auch bereit, für die Kunst zu zahlen. Du bekommst ja auch etwas dafür. Jede Rolle bringt dir etwas, bereichert dich auf die eine oder andere Weise in deinem Spektrum als Mensch.

Was haben Sie aus der Schachnovelle für sich mitgenommen?

Dass ich in eine solche Situation niemals geraten möchte. Ich habe eine große Empathie für diesen Mann mitgenommen. Ich habe auch mitgenommen, dass ich viel über Realität nachgedacht habe. Gibt es die überhaupt? Wenn der Geist so stark ist, dass er sich wie in dem Film eine zweite Realität schaffen kann, dann fängst du an, an vielem zu zweifeln. Als Zuschauer von außen siehst du den Unterschied zwischen den beiden Realitäten und sagst: Der ist doch verrückt! Aber innerhalb dieser Realität siehst du das nicht. Denn das, was du wahrnimmst, das ist für dich die Realität. Das ist einerseits furchtbar. Ich habe nach dem Dreh auch lange gebraucht, bis ich mir den Film anschauen konnte. „Schachnovelle“ ist alles andere als ein Wohlfühlfilm. Und doch erzählt der Film auch die Geschichte eines Triumphes. Indem der Protagonist sich eine zweite Realität erschafft, schafft er es, den Nazis zu trotzen und Widerstand zu leisten. Er geht für mich als Gewinner da raus, weil er sich nicht ergibt.

Schachnovelle 2021

Endtstaion Hotelzimmer: Der gefangene Bartok (Oliver Masucci) kämpft mit einem improvisierten Schachbrett gegen den geistigen Zerfall (© Studiocanal/ Walker + Worm Film /Julia Terjung)

Warum leistet er überhaupt Widerstand? Es geht ja noch nicht mal um seinen Besitz, den er aushändigen soll, sondern den von anderen.

Weil er den Nazi Scheiße findet. Ganz einfach. Wir haben Bartok als einen Wiener Bildungsbürger angelegt, der mit Sicherheit kein Sympathisant ist, aber auch kein Widerstandskämpfer. Wenn er trotzt, dann nicht weil er politischer Aktivist ist. Er ist kein Ideologe. Bartok ist ein Mensch, der in diese Sache hineingerät und das erst nicht glauben kann. Der einem ungehobelten, furchtbaren Nazi gegenüber sitzt, der Manieren vortäuscht, während er gleichzeitig versucht, andere Menschen zu brechen. Bartok will sich nicht brechen lassen. Nicht von ihm, nicht von jemand anderem. Zweig hat sich brechen lassen und hat sich im Glauben, dass die Nazis den Krieg gewinnen würden, in Brasilien im Exil umgebracht, zusammen mit seiner Frau. Bartok geht stattdessen den Weg des Wahnsinns, um den Nazis zu entkommen.

Bartok geht mit der Zeit zunehmend in dieser von ihm erschaffenen Realität verloren. Als Schauspieler müssen Sie ebenfalls viele Realitäten erschaffen und sich in diesen bewegen. Was tun Sie, um nicht wie er darin verloren zu gehen?

Ich koche ganz gern, gerade auch beim Dreh. Kochen ist für mich ein Mittel, um mich daran zu erinnern, wo ich herkomme. Ich bekoche auch andere Leute sehr gerne, etwa meine Kinder. Ich verstehe immer mehr, warum man bei diesem Beruf eine Entourage braucht, die dich zu Hause wieder aus allem herausholen kann. Ein Filmdreh ist eine sehr intensive Zeit. Wenn du abends nach Hause kommst, heißt es: Nach dem Dreh ist vor dem Dreh. Wie beim Fußball. Du bist dann damit beschäftigt, den Text für den nächsten Tag zu lernen, und bekommst den Film einfach nicht mehr aus deinem Kopf heraus. Da brauchst du Leute, die dich aus dem wieder herausholen. Sonst bewegst du dich nur noch in dieser Spirale. Das ist einerseits gut, weil du auf diese Weise deine Figur gut verkörpern kannst. Aber du läufst eben Gefahr, dich zu verlieren. Da ist es gut, wenn du Menschen außerhalb des Drehs hast, mit denen du dich beschäftigst. Ich habe beispielsweise festgestellt, dass meine Trainer so etwas wie Psychologen für mich sind, weil du dich mit ihnen unterhältst, während du deine Übungen machst. Körperliche Betätigung tut allgemein gut, um wieder zu dir zu kommen. Film bedeutet viel Arbeit mit dem Kopf. Ein Drama ist nun einmal keine physische Veranstaltung, sondern eine geistige Veranstaltung. Da ist es wichtig, einfach mal mit dem Mountainbike den Berg hoch und wieder runterzufahren, um wieder bei dir zu sein.

Früher war die Frage beliebt, welche drei Dinge man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Welche drei Dinge würden Sie in ein einsames Hotelzimmer mitnehmen?

Da war ich zuletzt sehr viel. Ich habe fünf Monate in London verbracht und dort den dritten Teil von Phantastische Tierwesen gedreht. Da war ich in einem wundervollen Hotel auf einem Goldplatz, mitten im Lockdown. Drei Monate lang war ich allein in diesem Hotel. Da habe ich indische Gewürze mitgenommen, einen Instant Pot und Lebensmittel. In dem Hotel wurde ja nicht mehr wirklich gekocht, weil es keinen wirklichen Betrieb mehr gab. Da war zwar ein Koch, aber der konnte auch nicht mehr machen, als irgendwelche Sachen aufzuwärmen. Also habe ich das selbst gemacht. Im anschließenden Raum haben sie noch Fitnessgeräte aufgebaut, weil ich auch nicht ins Gym durfte. Und so habe ich meine Tage damit verbracht, Gewichte zu heben, Fahrrad zu fahren und mit Bändern zu arbeiten und abends zu kochen. Mehrere Monate lang. Ansonsten ging da nichts in dem Hotel. Da fühlte ich mich nach einiger Zeit wie in Shining, inklusive der beiden Zwillinge, die den Korridor entlangkommen. Aber ich bin ganz gut mit mir klargekommen, muss ich sagen. Ich habe das als positive Zeit wahrgenommen. Wobei es da auch noch so war, dass meine Kinder reinkommen durften. Der Dreh in Amerika war da schlimmer, weil meine Kinder nicht kommen durften. Die müssen also auch noch ins Hotelzimmer, neben meinen Kochutensilien und den Fitnessgeräten.

Was steht außer Phantastische Tierwesen noch bei Ihnen an?

Ich habe außerdem die Serie Der Schwarm nach Frank Schätzing gedreht. Oh, und noch ein schöner Film, den ich mit Snoop Dogg und Jamie Foxx gedreht habe: ein Vampir Super Hero Action Film. Darin sind alle Weißen Vampire und alle Schwarzen Vampirjäger. Ich bin ein großer Genre Fan und mit vielen B- und C-Movies groß geworden, deswegen hat es mich gefreut, so einen 80s Film drehen zu dürfen. Außerdem war es großartig, Snoop Dogg kennenzulernen. Er ist ein wahnsinnig netter Kerl, dessen Anwesenheit man immer spürt. Und riecht: Da lag immer ein ganz typischer Duft über dem Trailerpark, wenn er da war.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Oliver Masucci wurde am 6. Dezember 1968 in Stuttgart geboren und wuchs anschließend in Bonn auf. Das Schauspielstudium absolvierte er an der Universität der Künste in Berlin und startete danach eine erfolgreiche Theaterkarriere. Einem Kinopublikum wurde er 2015 durch die Satire Er ist wieder da bekannt, in der er Adolf Hitler spielte. Zu seinen weiteren größeren Filmen die Romanadaption Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2019) über eine jüdische Familie auf der Flucht während des Nationalsozialismus sowie Enfant Terrible (2020), wo er den Filmemacher Rainer Fassbinder spielte.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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