Kritik

Enfant Terrible

„Enfant Terrible“ // Deutschland-Start: 1. Oktober 2020 (Kino)

1967 steht Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) mit 22 Jahren am Anfang seiner Karriere. Gerade noch am Theater, kapert er zunächst die Inszenierungen, um sich sogleich provokativ ins Filmgeschäft zu stürzen. Es folgen Jahre, in denen der Regisseur wie besessen Film um Film dreht, sich und seine Kollegen dabei zusehends vereinnahmt und ausbeuterisch an den (eigenen) seelischen und körperlichen Kräften zehrt. Angesichts erster Erfolge scheinen die ersten Opfer, die sein hartes Regime fordern, mehr vertretbare Kollateralschäden, als wirkliche Verluste. Alle Mittel sind ihm recht, um in einen Atemzug wie beispielsweise Godard genannt werden zu können.

Setzt man sich mit deutscher Filmgeschichte auseinander, wird einem ein Name unweigerlich und durchaus nicht nur einmal begegnen: Rainer Werner Fassbinder. Ein Künstler, Theater- und Filmschaffender der, bevor er mit 37 Jahren starb, innerhalb von 13 Jahren 42 Filme drehte und den deutschen Film wie kein anderer neu erfand. Fassbinders Darstellung von – fast unerträglicher und persönlicher – Realität ist bisweilen bis an die Grenze der Ambivalenz und seelischen Belastbarkeit getrieben und bis heute fast beispiellos wie einprägsam markant. Dabei spalten die Werke des Filmemachers gleichermaßen wie seine Persönlichkeit selbst.

Kunst als zerstörerische Kraft
Oskar Roehler (Elementarteilchen, HERRliche Zeiten), der schon in jungen Jahren mit den Werken des manisch exzessiven Regisseurs in Berührung kam, inszeniert Enfant Terrible weniger als Hommage, sondern vielmehr als ein Porträt eines Mannes, dessen Sehnsüchte nach Liebe, Wahrheit und Erfolg sich zum einen in den Filmen, aber auch in einem Arbeitsumfeld, das von Abhängigkeiten und ausbeutenden sowie (selbst-) zerstörerischen Machtverhältnissen geprägt ist, wiederfinden.

Und so ist der Titel des Films auch durchweg Programm. Enfant Terrible setzt den Fokus ganz ohne Umschweife auf die provokantesten Seiten des Filmemachers. Trotzig, stur, laut, niederträchtig, masochistisch, hedonistisch und fast immer auf Kosten seiner Mitmenschen, Mitschaffenden und Liebhaber. Eigenschaften, die Oliver Masucci (Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Werk ohne Autor) offensiv und, im wahrsten Sinne des Wortes, mit vollem Körpereinsatz auf die Leinwand bannt. Manchmal erschreckend, brutal, manchmal reserviert verletzlich, manchmal beinah karikativ und derart überspitzt, dass es gewissen Szenen sogar zögerlich Komik überstülpt. Wenngleich der Schauspieler deutlich älter ist, als es Fassbinder seiner Zeit war, so passt er doch gerade in den Szenen, die die letzten Jahre des körperlichen Verfalls bebildern und von ausgeprägten Alkohol- und Drogenkonsum, Schlafmangel und Medikamentenmissbrauch gekennzeichnet waren, erstaunlich gut. Eine Schwere liegt auf dem Gesicht, auf dem Körper, der die Abgründe vom Scheitern in der Liebe und im Leben offenbart.

Das rätselhafte, hässliche Ende eines Traums
Trotz dessen bleibt am Ende doch zu wenig Spielraum, um noch mehr Facetten des Ausnahmeregisseurs zeigen zu können, mehr Eindrücke, welche die Frage nach dem Warum beantworten würden. Was war es, dass Fassbinder zu dem werden ließ der er war? Zu jemandem, der seine Schauspieler und Kollegen auch demütigte, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass er sich für seine Werke vorstellte? Genauso unbeantwortet bleibt die Frage, warum ihm trotz aller Widrigkeiten die ihn Umgebenden so ergeben waren und sich seinen harten Launen beugten. Zuschauer, die Fassbinder und seine Schaffenszeit kaum kennen, dürften mit diesem Ausschnitt aus seinem Leben am Ende kaum viel mehr als eine egomanische Seite erleben, die herausfordernd das Gemüt beansprucht und sicherlich polarisiert. Sympathien oder aufrichtige Bewunderung wird man am Ende des biographischen Porträt wohl weniger empfinden.

Dennoch vermag es Roehler damit genau das aufzugreifen, das auch vielen Filmen von Fassbinder innewohnt. Ein ungewöhnlich ungeschöntes Abbild der Realität, die weniger dafür konzipiert waren, sich selbst in anderen Wirklichkeiten zu verlieren, sondern vielmehr unmittelbar Menschen beim Träumen zuzusehen und wie ihre Träume kaputt gehen. Und weil Theater das nicht kann, sondern nur das Kino, lässt der Regisseur sein Enfant Terrible in einem für das Publikum stets geöffneten Szenenbild agieren, das ähnlich einem Theaterstück in beengtem Raum, mit typischer Ausstattung und greller, beharrlicher und kontrollierter Ausleuchtung wenig Möglichkeiten bietet sich dem Gezeigten zu entziehen. Hier gibt der Regisseur dem Zuschauer einen episodenartigen Film an die Hand, den es auch aufgrund der etwas zu langen Laufzeit auszuhalten gilt. Und das kann man am Ende, wie die Filme Fassbinders, irritierend anmaßend und abstoßend oder reflektiert packend und bemerkenswert finden.

Credits

OT: „Enfant Terrible“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler, Klaus Richter
Musik: Martin Todsharow
Kamera: Carl-Friedrich Koschnick
Besetzung: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, Alexander Scheer, Eva Mattes, Jochen Schropp, Désirée Nick, André Hennicke, Erdal Yildiz, Michael Klammer, Frida-Lovisa Hamann, Lucas Gregorowicz, Antoine Monot Jr.

Bilder

Trailer

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Enfant Terrible
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Enfant Terrible
Ambivalent, offensiv provokant und destruktiv. Wie das Leben und das filmische Schaffen des Fassbinders selbst, ist „Enfant Terrible“ ein nur schwer verdaulicher, zum Teil schwer hinnehmbarer Balanceakt eines menschlichen Porträts, das Abgründe und Sehnsüchte offenbart, dem Publikum aber tieferliegende Antworten verwehrt. Der Einblick in das Leben des Künstlers wird polarisieren, ebenso wie die Werke es seinerzeit taten.
7von 10

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