In Ein nasser Hund erzählt Damir Lukačević, inspiriert von einer wahren Geschichte, wie der iranische Jugendlicher Soheil in Berlin Anschluss bei einer muslimischen Clique findet. Dabei ahnt diese nicht, dass Soheils Familie jüdisch ist. Das Drama erzählt dabei, wie er im Anschluss seine Herkunft vor den anderen zu verheimlichen versucht, aus Angst vor deren Reaktionen. Wir haben uns anlässlich des Kinostarts am 9. September 2021 mit dem Regisseur über die Arbeit mit der Vorlage, das Streben nach Authentizität und die Suche nach Identität unterhalten.

 

Könnten Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte von Ein nasser Hund erzählen? Wie sind Sie auf den Stoff gekommen?

Ich hatte 2011 einen Zeitungsartikel gelesen über Aryes Leben in Wedding und seine Autobiografie. Das Buch habe ich mir danach geholt und war fasziniert davon, auch von den ganzen filmischen Möglichkeiten, die es bot. Zu diesem Zeitpunkt war Arye zu Besuch für eine Lesung. Also bin ich hingegangen und habe ihm gesagt, dass ich gerne einen Spielfilm daraus machen würde. Er hat dann erst einmal etwas skeptisch geschaut. Erst später ging es weiter.

Nun ist 2011 schon eine Weile her. Warum hat das mit Ein nasser Hund im Anschluss so lange gedauert?

Erst einmal waren die Filmrechte weg, weil ein anderer Produzent sie hatte. Als ich mich ein, zwei Jahre später wieder bei ihm gemeldet habe, habe ich die Rechte doch noch bekommen. Der nächste Schritt war herauszufinden, wie ich den Film überhaupt machen will. Beispielsweise spielte seine Geschichte in den 90ern und da stand die Frage im Raum: Soll ich das auch so machen? Richtig los ging es eigentlich erst 2016, als ich mich entschieden hatte, alles in die Jetztzeit zu versetzen. Der Grundriss der Geschichte war mir dabei relativ schnell klar, ebenso wie die Figuren angeordnet sein sollen. Aber mir war auch klar, dass ich diese Dialoge nicht schreiben konnte. Die mussten sehr authentisch sein, weil damit alles steht und fällt. Meine Idee war damals, ein Theaterstück mit Jugendlichen zu machen. Also bin ich in die Schule gegangen, in der Arye damals auch sein Fachabi gemacht hat. Dort gab es einen Kurs namens „Darstellendes Spiel“. Die Lehrerin fand die Idee sehr interessant. Mit ihr und einer Kollegin haben wir innerhalb eines halben, dreiviertel Jahres das Theaterstück entwickelt. Die Jugendlichen haben darin ihre Szenen immer wieder improvisiert. Parallel dazu habe ich mein Drehbuch geschrieben. Erst dann konnte es wirklich losgehen. Wobei es danach noch bis 2018 dauerte, bis ich die richtigen Produzenten getroffen habe. Danach ging es dafür relativ schnell.

Warum haben Sie am Ende die Geschichte in die Neuzeit versetzt? Sie hätten sie ja auch im Original belassen können.

Zuerst wollte ich das auch. Aber es gab 2016 relativ viele Fälle von jüdischen Jugendlichen, die in Berlin gemobbt wurden. Ich hatte das Gefühl, dass der Stoff heute aktueller ist als in den 90ern. In den 90ern war Arye eigentlich ein Einzelkämpfer, ein bunter Hund. Ein zweiter Grund ist, dass es vom Produktionstechnischen her deutlich einfacher ist, wenn du einfach das nehmen kannst, was du draußen findest, anstatt die Vergangenheit rekonstruieren zu müssen. Ursprünglich wollte ich das Projekt auch als reine Low-Budget-Produktion umsetzen. Einfach rausgehen mit meiner Kamera, so wie früher an der Filmhochschule.

Abgesehen von der Versetzung in die Gegenwart, was haben Sie sonst noch bei der Adaption geändert?

Einen Großteil. Ein nasser Hund ist nur vom Leben von Arye inspiriert, soll aber keine Dokumentation seines Lebens sein. Ein paar der Szenen haben zwar schon so stattgefunden, beispielsweise mit seinen Eltern. Aber das war alles nur die Grundlage, um etwas Eigenes und Neues zu kreieren. Das war mir Arye so auch abgesprochen. Gleichzeitig wollte ich das bewahren, was ihm wichtig war und was ich in seiner Geschichte gesehen habe. Es war mir wichtig, dass er zu allem sein grünes Licht gibt. Was er auch getan hat. Er hat das Theaterstück gesehen und auch die letzte Drehbuchfassung gelesen und fand beides gut.

Was haben Sie denn in dieser Geschichte gesehen? Was hat Sie an dem Stoff so fasziniert, dass Sie daraus einen Film machen wollten?

Arye kommt ja eigentlich aus dem Iran. Und er sah so aus wie alle anderen im Wedding, weshalb alle dachten, dass er Türke oder Araber ist. Wer aus dem Iran kommt, der muss Moslem sein. Aus diesem Grund konnte er auch mit allen Freundschaft schließen. Es wusste keiner, dass er Jude ist. Es gab nicht diese Grenze zwischen ihm und den Rest. Für sie war er einer von ihnen. Er ist dann zwar nicht mit, wenn die anderen in die Moschee sind, weil er angab, nicht so religiös zu sein. Ansonsten hat er aber alles getan um dazu zu gehören, hat sich geprügelt, wollte anerkannt werden. Das ging auch gut, bis rauskam, dass er Jude ist. Danach wurde es sehr sehr schwer. Sein bester Freund hat damals zu ihm gesagt, dass Arye sein bester Freund ist und deswegen kein Jude sein kann. Das war für ihn völlig unmöglich. Ich selbst komme aus Ex-Jugoslawien, wo es in den 90ern zu diesem furchtbaren Krieg kam. Damals war es auch so, dass Leute, die zum gleichen Kulturkreis wie du gehörten, so aussahen wie du, auf einmal der Feind waren. Und auf diesen Feind musste man schießen.

Das Beispiel zeigt auf, wie früh Diskriminierung bereits beginnt. Wo könnte man ansetzen, um da einzugreifen?

Ein nasser Hund ist ja schon auf eine gewisse Weise ein Coming-of-Age-Film. Was ich an dem Stoff interessant fand: In dem Alter, also mit 18, 19, 20, glaubt man noch mehr daran, dass eine Freundschaft möglich ist. Man hat vielleicht noch nicht diese Erfahrungen gemacht, um automatisch allen einen Stempel zu verpassen. Ich habe den Film selbst nie als einen über Antisemitismus gesehen. Es ging mir mehr über die Freundschaft. Es haben Arye auch einige gesagt aus dieser Clique, dass ihnen das egal ist, wenn er Jude ist.

Anfangs hat man aber schon den Eindruck, dass diese Religion einen Teil ihrer Identität ausmacht, wenn diese Jugendlichen als Gruppe zusammenfinden. Wenn das dann wieder in Frage gestellt wird, was macht die Identität stattdessen aus?

Das ist eine gute Frage. Die Eltern von Arye sind zwar jüdisch, haben ihre Kinder aber nicht in dem religiösen Glauben erzogen oder sind mit ihnen in die Synagoge gegangen. Deshalb war das am Anfang für Arye auch nicht wichtig, dass er Jude ist. Er wollte einfach nur Freunde finden und ein ganz normales Teenagerleben führen. Da er aber einer Minderheit in Wedding angehörte, war er gezwungen, sich mit seiner Religion auseinanderzusetzen. Die Frage, was letztendlich seine Identität ausmacht, ist deshalb gar nicht so leicht zu beantworten. Ich wollte da auch gar keine wirklichen Antworten geben. Natürlich kann man eine Person immer politisch oder soziologisch kategorisieren. Ich fand es aber spannender, eine Insider-Perspektive einzunehmen und es dem Publikum zu überlassen, sich eigene Gedanken zu machen.

Diese Suche nach einer eigenen Identität, wie sie in einem Coming-of-Age-Film üblich ist: Denken Sie, dass diese heute leichter oder schwieriger als früher ist?

Da müsste man letztendlich die jungen Leute von heute befragen. Natürlich lese ich viel zu dem Thema, gerade auch im Hinblick auf einen Migrationshintergrund. Aber ich kann nur für mich selbst sprechen. Als ich das Buch gelesen habe, hat es mich jedoch sehr an meine eigene Reise erinnert. Ich habe mich damals nicht wie ein Teil einer deutschen Mehrheitsgesellschaft gefühlt. Dabei hätte ich das gerne. Ich konnte mich deshalb mit Arye identifizieren, aber auch den Schauspielern. Wir hatten bei dem Workshop dadurch eine sehr schöne familiäre Atmosphäre. Ich war dort nicht einfach nur der Regisseur, sondern eine Art Papa, der dazugehört.

Ein nasser Hund

Nachwuchsschauspieler Doguhan Kabadayi als Soheil in „Ein nasser Hund“ (© Volker Roloff / Carte Blanche International / 2019)

Warum haben Sie überhaupt mit lauter Laienschauspielern gearbeitet?

Es war mir nicht wichtig, dass sie Laien sind. Wichtig war mir, Leute zu finden, die diese Figuren verstehen und diese Geschichte verstehen. Ich finde in dem Zusammenhang deshalb auch nicht, dass es Laien sind, was die Figuren betrifft. Sie haben absolut Talent, sie hatten auch die Leidenschaft, welche es für den Film braucht. In der Hinsicht habe ich großes Glück gehabt, dass wir mit dem Workshop so viele richtig gute Leute gefunden haben.

Wie lange hatte es denn gedauert, bis Sie alle gefunden haben?

Der Workshop selbst dauerte zwei Monate. Danach kam das Casting und weitere Probenprozesse. Insgesamt dürften es etwa drei Monate gewesen sein.

Wie wichtig ist für die Geschichte neben den Figuren auch der Ort? Hätte Ein nasser Hund anstatt in Wedding auch in einem anderen Teil von Berlin spielen können?

Ich habe in den 90er Jahren selbst auch eine Zeit lang im Wedding gewohnt und kenne ihn ganz gut. Ich bin dann auch mit Arye durch den Wedding gelaufen und er hat mir alles noch einmal aus seiner Sicht gezeigt. Prinzipiell hätte man den Film schon woanders drehen können. Tatsächlich haben wir auch an anderen Orten gescoutet. Aber wir haben dabei gemerkt, dass der Wedding einfach ein wahnsinnig toller Drehort ist und wollten ihn als einen Darsteller benutzen.

Jetzt, da der Film endlich fertig ist, wie geht es im Anschluss bei Ihnen weiter? Woran arbeiten Sie?

Ich schreibe gerade an einem Stoff, der sich um das Thema Ex-Jugoslawien dreht. Das Drehbuch spielt auf zwei Zeitebenen. Die eine ist in den 90er Jahren während des Krieges, die andere im heutigen Bosnien, zum Teil auch im heutigen Deutschland. Da geht es um den Krieg und die Auswirkungen auf die Menschen, die noch immer andauern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Damir Lukačević wurde am 27. März 1966 in Zagreb, Kroatien geboren. Seine Familie zog mit ihm nach Deutschland, als er vier Jahre alt war. Schon als Kind drehte er erste Filme, von 1993 bis 1999 absolvierte Lukačević eine Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. In seinen Kurzfilmen thematisierte er mehrfach den Kroatienkrieg, sein Spielfilmdebüt Heimkehr (2003) befasste sich mit der Situation einer kroatischen Familie in Deutschland. 2010 folgte der Science-Fiction-Film Transfer über eine Firma, die für viel Geld Persönlichkeiten in jüngere Körper transferiert.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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