Ali Cukur (61) ist Boxtrainer beim TSV 1860 München. In seinem Gym trainieren 30 verschiedene Nationen. Er schafft es, für die sozial benachteiligten Jugendlichen Halt und Anlaufstation zugleich zu sein und ihnen eine Richtung zu geben. Davon erzählt auch der Dokumentarfilm Lionhearted – Aus der Deckung, der am 23. September 2021 im Kino startet. Im Interview erzählt er von den täglichen Herausforderungen, einer besonderen Reise nach Ghana und was ihn ganz persönlich stolz macht.

Wie bist du zum Boxen gekommen?

Ich war schon als Kind sportlich talentiert, habe gerne Fußball gespielt, auch Aikido ausprobiert. Ein Freund hat mich dann mit zum Boxen genommen. Der Trainer hat bei mir Potential gesehen und mich nach ein paar Wochen zum ersten Kampf angemeldet. Da habe ich mich ganz gut geschlagen und gemerkt: Das ist mein Ding. Da habe ich Erfolg und das macht mich stolz.

Als Beruf gelernt habe ich dann aber Elektroinstallateur, im Nachhinein hätte Sozialpädagogik mehr Sinn gemacht. Mittlerweile arbeite ich aber seit 30 Jahren als Boxtrainer beim TSV 1860 München.

Wie hat dir der Sport im Leben geholfen?

Er hat mich davor bewahrt, auf die schiefe Bahn zu geraten und mir geholfen, meiner Linie treu zu bleiben. Durch den Sport hatte ich immer einen festen Halt. Ich habe in meiner Jugend keinen Scheiß gebaut und bin ein anständiger Mensch geworden. Das Boxen ist ein Abbild vom Leben. Es geht darum, Treffer zu vermeiden, Rückschläge zu verwinden und weiterzumachen. Immer wieder aufstehen und kämpfen. Jede Runde hast du eine neue Chance. Deshalb darfst du nie aufgeben.

Welchen Herausforderungen stehen die Jugendlichen gegenüber, die du trainierst?

Sie wünschen sich Anerkennung, egal ob in der Schule oder in ihrer Freizeit. Sie wollen von der Gesellschaft wahrgenommen werden und ein aktiver Teil davon sein. Die meisten Jugendlichen in meinem Verein werden keine Box-Weltmeister, aber sie werden für ihre kleinen Erfolge gefeiert, anerkannt und respektiert. Wir sind nicht nur ein Verein, der Boxer ausbildet. Wir bilden auch Menschen aus. Wie sind wie ein soziales Unternehmen, wir nennen uns „Die Löwenfamilie“. Zu uns kann jeder kommen. Jeder ist willkommen. Wir schmeißen keinen raus.

Was möchtest du den Jugendlichen vermitteln?

Über den Boxsport vermittle ich ihnen Werte, die ihnen auch im Alltag weiterhelfen: Ehrlichkeit, Wertschätzung und Respekt. Wir leben das Tag für Tag hier im Verein. Bei uns trainieren über 30 verschiedene Nationen gemeinsam. Und obwohl manche Länder politisch miteinander im Konflikt sind, spielt das für die Jugendlichen untereinander keine Rolle. Sie halten zusammen, ohne jeglichen Zoff. Das ist nicht selbstverständlich. Statt Schlägerei und Streit gibt es bei uns Gespräche und klare Ansagen. Ich sage den Jugendlichen zum Beispiel, dass sie auch die Schule ernstnehmen müssen, sonst brauchen sie gar nicht erst ins Training zu kommen. Mir ist wichtig, dass sie ihr Leben auf die Reihe kriegen, ein Ziel vor Augen haben und versuchen, es zu erreichen. Das Boxen an sich ist nur nebensächlich.

Du bist mit deinen Schützlingen nach Ghana in ein Trainingslager gefahren. Dort habt ihr gemeinsam mit dem Boxgym von James Quartey trainiert, im Agbogoshie Slum in Accra. Wie war es dort für euch?

Es war eine unglaubliche Erfahrung, die noch immer nachwirkt. Die Reise hat die Jugendlichen sehr geerdet. Ich erzähle ihnen oft von meinem Leben. Auch ich bekam nicht immer alles geschenkt, sondern hatte schwere Zeiten und musste mir vieles erkämpfen. Ich bin im Alter von neun Jahren nach Deutschland gekommen und hatte es nicht immer leicht. Aber ich bin noch immer sehr dankbar dafür, dass ich hier lebe. Manche der Jugendlichen vergessen das hier irgendwann. Sie jammern und maulen und meckern. Deshalb habe ich sie mit nach Ghana in ein Trainingslager mitgenommen. Wir haben mit dem dortigen Boxclub trainiert. Da sind sie schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet und haben gemerkt, dass das alles nicht selbstverständlich ist, was sie in Deutschland haben. Und wie hart andere für eine Perspektive im Leben kämpfen müssen. Ich bin kein Fan von Kuschelpädagogik. Ich sage den Jungs, dass sie wunderbare Menschen sind, aber ich lasse es sie auch wissen, wenn sie Mist bauen. Wenn ein Teilnehmer länger nicht im Training auftaucht, dann rufe ich ihn auch an und sage: „Beweg deinen Arsch! Im nächsten Training bist du wieder da.“ Das hat bisher immer geklappt.

Welche Veränderungen merkst du bei den Jugendlichen?

Sie werden mit der Zeit lockerer, erzählen etwas von sich, lächeln öfters und machen auch mal einen Witz. Wenn sie es hier im Verein schaffen, schaffen sie es auch im Leben. Die Jugendlichen, die sich hier anstrengen, sind auch in der Schule gut. Sie haben mehr Selbstvertrauen und denken nicht mehr, dass sie auf der Verliererseite stehen. Deshalb bin ich neben dem Verein auch noch für die gemeinnützige Organisation DEIN MÜNCHEN im Einsatz und gebe dort Ressourcen- und Antigewalt-Trainings für benachteiligte Jugendliche mit dem Ziel, sie langfristig in die Gesellschaft zu integrieren.

Was macht dich stolz?

Besonders stolz macht mich Raschad, ein ehemaliger Teilnehmer. Er hat früher bei uns aktiv geboxt. Inzwischen hat er seine Schule beendet, hat Sport studiert und arbeitet nun als Sportlehrer und Personaltrainer. Er könnte woanders gutes Geld verdienen, aber er nimmt sich die Zeit und leitet hier ehrenamtlich das Boxtraining. Er ist ein wunderbarer Mensch geworden und gibt nun dem Verein das zurück, was er über all die Jahre bekommen hat.



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