Inhalt / Kritik

„The Father“ // Deutschland-Start: 26. August 2021 (Kino) // 3. Dezember 2021 (DVD/Blu-ray)

Sein ganzes Leben lang war es Anthony (Anthony Hopkins) gewohnt, sich um sich selbst zu kümmern. Und daran soll sich auch nichts ändern, wenn es nach ihm geht. Dabei ist der inzwischen 80-Jährige längst nicht mehr so gesund und rüstig, wie er meint. Vor allem wird er zunehmend von Demenz geplagt. Mal ist es seine Uhr, die er nicht mehr findet, mal bringt er Menschen und Orte durcheinander. Dabei kann er auch schon mal recht jähzornig werden, wie seine Pflegekräfte leidvoll erfahren müssen. Als sich Anthony mit einer überwirft, ist es daher Zeit für seine Tochter Anne (Olivia Colman) sich einzuschalten. Schließlich hat diese vor, mit ihrem Mann Paul (Rufus Sewell) nach Paris zu gehen und muss zuvor sichergehen, dass sich jemand um ihren Vater kümmert …

Über das Leben mit Demenz

Je mehr die Lebenserwartung der Menschen steigt, umso größer wird auch das Risiko von Demenz. Allein in Deutschland sollen derzeit etwa 1,7 Millionen betroffen sein, eine Zahl, die in Zukunft noch deutlich höher ausfallen dürfte. Da es sich um eine weltweite Entwicklung handelt, verwundert es nicht, wenn immer mehr Filmschaffende dieses Thema für sich entdecken. Meistens findet das im Rahmen eines Dramas statt, welches den geistigen Zerfall festhält. So erhielt Julianne Moore vor einigen Jahren für ihre Darstellung einer früh an Alzheimer erkrankten Linguistin in Still Alice ihren überfälligen Oscar. Viggo Mortensen erzählte kürzlich in seinem Regiedebüt Falling, wie sich jemand damit bemüht, seinen dementen Vater zu versorgen, zu dem er sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis hatte.

Auch in The Father müssen wir mitansehen – der Titel verrät es bereits –, wie jemand sich um seinen Vater kümmern möchte, dabei aber regelmäßig an dessen Starrsinn verzweifelt. Während einem das Szenario an sich recht bekannt vorkommt, die Handlung selbst kaum erwähnenswert ist, ist die Umsetzung dafür umso ungewöhnlicher. Der französische Regisseur Florian Zeller, der in seinem Spielfilm sein eigenes Theaterstück adaptiert, erzählt seine Geschichte fast durchgängig aus der Sicht des alten Mannes. Zwar standen auch bei den oben genannten Werken die Betroffenen im Mittelpunkt. Der Blick erfolgte jedoch jeweils von außen: Das Publikum wurde Zeuge, wie ein Mensch zu einem Fremdkörper in der Welt wird, er Sachen durcheinanderbringt, nie ganz da zu sein scheint.

Verfremdungseffekte aus dem Mysterybereich

In The Father ist es vielmehr die Welt, die fremd ist. Immer wieder baut Zellner Irritationen ein, manche eher versteckt, andere sehr offensiv. Wenn beispielsweise Anne zwischendurch von einer anderen Schauspielerin verkörpert wird, ein gerade gehörtes Gespräch von anderen bestritten oder Orte auf einmal anders aussehen, dann ist das schon eine unheimliche Erfahrung. Tatsächlich bedient sich der Filmemacher an unerwarteten Genreelementen. Vieles von dem, was hier geschieht, erinnert an Mysterythriller. Wenn Anthony versucht, aus den verwirrenden Erfahrungen schlau zu werden, die er andauernd macht, dann möchte man fast selbst glauben, dass da etwas ganz Finsteres vor sich geht und der alte Mann zum Opfer eines grausamen Plans geworden ist.

Das liegt auch daran, dass das Drama, welches auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, das mit der Demenz gar nicht so deutlich sagt. Wer nicht im Vorfeld weiß, worum es in dem Film geht, wird womöglich selbst eine Weile brauchen, um die einzelnen Szenen einordnen zu können. Doch dieser Mut zur Lücke zahlt sich aus. Wo andere Filme zu dem Thema die Hilflosigkeit der Angehörigen betonen, die einen geliebten Menschen vor den eigenen Augen verschwinden sehen, da verdeutlicht The Father den Horror, selbst in der Welt verloren zu gehen. Kaum etwas in der Geschichte hat Bestand, nicht Ort und Zeit, nicht die Menschen. Längst verstorbene Familienmitglieder tauchen wieder auf, Identitäten werden ausgetauscht, bis man am Ende nicht mehr genau weiß, wer noch wer ist – oder wer man selbst ist.

Herausragend gespieltes Bild von Zerbrechlichkeit

Konstant ist dabei nur das herausragende Ensemble, allen voran natürlich Anthony Hopkins. Der britische Charakterdarsteller erhielt hierfür etwas überraschend, aber nicht unverdient seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller und stellte hiermit einen neuen Rekord als ältester Gewinner auf. Seine Darstellung eines Mannes, der gleichzeitig charmant und unerträglich ist, gehört tatsächlich zu den stärksten, die man zuletzt hat bewundern dürfen. The Father ist trotz der Verfremdungseffekte ein zutiefst berührendes Drama um einen Mann, der voller Stolz und zugleich verzweifelt gegen eine Welt ankämpft, die er nicht versteht. Eine Welt, in der alles ineinander übergeht, Gegenwart und Vergangenheit, die verschiedensten Orte. Bilder eines langen Lebens, die alles überdauert haben und doch von einer Zerbrechlichkeit sind, die einem zu Herzen geht.

Credits

OT: „The Father“
Land: UK, Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Florian Zeller
Drehbuch: Florian Zeller, Christopher Hampton
Vorlage: Florian Zeller
Musik: Ludovico Einaudi
Kamera: Ben Smithard
Besetzung: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Mark Gatiss, Imogen Poots, Rufus Sewell, Olivia Williams

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2021 Bester Film Nominierung
Bester Hauptdarsteller Anthony Hopkins Sieg
Beste Nebendarstellerin Olivia Colman Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch Florian Zeller, Christopher Hampton Sieg
Bester Schnitt Yorgos Lamprinos Nominierung
Bestes Szenenbild Peter Francis, Cathy Featherstone Nominierung
BAFTA Awards 2021 Bester Film Nominierung
Bester Hauptdarsteller Anthony Hopkins Sieg
Bestes adaptiertes Drehbuch Florian Zeller, Christopher Hampton Sieg
Bester Schnitt Yorgos Lamprinos Nominierung
Bestes Szenenbild Peter Francis, Cathy Featherstone Nominierung
Bester britischer Film Nominierung
Golden Globes 2021 Bester Film (Drama) Nominierung
Bester Hauptdarsteller (Drama) Anthony Hopkins Nominierung
Beste Nebendarstellerin Olivia Colman Nominierung
Bestes Drehbuch Florian Zeller, Christopher Hampton Nominierung

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The Father
„The Father“ zeigt aus der Sicht eines 80-Jährigen, wie sich die Wahrnehmung der Welt aufgrund von Demenz verändern kann. Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles, ungewöhnliches und herausragend gespieltes Drama, das mit einfachsten Mitteln ein Entfremdungsgefühl entstehen lässt und verdeutlicht, was es heißt, in der Welt verloren zu gehen.
9von 10
Leserwertung: (4 Votes)
7.4

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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