Inhalt / Kritik

„Martin Eden“ // Deutschland-Start: 26. August 2021 (Kino)

Sie ist sein Glück und sein Verhängnis. Als Martin (Luca Marinelli) zum ersten Mal die schöne Elena (Jessica Cressy) sieht, ist es um ihn geschehen. Für das junge Mädchen aus großbürgerlichem Hause würde der arme Schlucker aus dem Subproletariat alles tun – egal was es ihn auch an Fleiß, Aufopferung und Verrat an seiner Klasse kosten möge. Und das heißt vor allem: lernen, lernen, lernen. Denn das feinsinnige Mädchen, das so anmutig Klavier spielt, ist mit Büchern aufgewachsen und verabscheut grammatische Fehler. Doch woher soll der einfache Arbeiter und Seemann, der nach der ersten Klasse die Schule verlassen musste, die Kenntnisse und Fähigkeiten nehmen, um die ebenfalls verliebte Elena an sich binden zu können? Erst verschlingt er Bücher wie Meterware. Dann überlegt er tatsächlich, noch einmal die Schulbank zu drücken. Und schließlich entdeckt er etwas, was Elena ernsthaft fasziniert und auch ihm großen Spaß macht: sein Talent zum Schreiben. Martins Plan steht fest. Er will ein erfolgreicher Schriftsteller werden und dann um Elenas Hand anhalten. Aber kann das gut gehen: die Prinzessin und der Seemann?

Distinguiertes Mienenspiel

Familientisch im herrschaftlichen Anwesen von Elenas Eltern: Sie haben Martin gebeten, zum Essen zu bleiben, nachdem er Elenas Bruder in einer Schlägerei zur Seite gesprungen ist. Die Kamera betrachtet diskret, wie Martin isst, nämlich gierig, mit sichtlichem Appetit und vollem Mund. Der Blick auf Martin ist der der Eltern, deren distinguiertes Mienenspiel die Abscheu über die rohe Kraft unverfälschter Lust nur mit höchster Anspannung unterdrückt. Um ihnen dennoch zu gefallen, greift Martin zu einer Metapher, die die Sache nur noch schlimmer macht. Nehmen wir mal an, das Brot sei die Bildung und die Soße sei die Armut. Dann wird doch die Soße, also die Armut, komplett verschwinden, wenn man sie mit dem Brot, also der Bildung aufsaugt, oder? Sagt’s und isst quasi mit den Händen. Helles Entsetzen in den Augen der Eltern, aber kein Sterbenswörtchen der Kritik, höchstens ein Zucken um die Mundwinkel. Schöner und kompakter hat selten eine Filmsequenz den Klassengegensatz beleuchtet.

Martin Eden basiert lose auf dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Jack London (1876 bis 1916). Der vor allem als Abenteurer bekannte Romancier Ruf der Wildnis, „Die Abenteuer von Wolfsblut) verarbeitet darin seine von materieller Not geprägte Kindheit und seine mühevollen literarischen Anfänge, bei denen sich der lange ausbleibende Erfolg erst einstellte, als er schon halb verhungert war. Regisseur Pietro Marcello und sein Co-Autor Maurizio Braucci verlegen die mehrfach verfilmte Handlung aus den USA nach Neapel und machen daraus einen modernen, zeitlosen Bildungsroman über die Lehrjahre eines Dichters, den Traum vom sozialen Aufstieg und die Tücken des Sich-neu-erfinden-Wollens. Edens (und Londons) Begeisterung für einen vom Sozialdarwinismus ausgehöhlten, recht eigensinnig interpretierten Sozialismus nehmen sie als Menetekel für unsere individualistische, vom Narzissmus zerfressene Zeit.

Virtuose Kunst der Montage

Dass dies so wundersam poetisch gelingt und der Film nicht in einen Historienschinken abgleitet, liegt an der virtuos ausgespielten Kunst der Montage. Der italienische Filmemacher Pietro Marcello kommt ursprünglich vom Dokumentarfilm, er bezeichnet Martin Eden als sein „erstes komplett fiktionales“ Werk. Aber das ist zum Glück nicht die ganze Wahrheit, denn die Geschichte um den tragisch verliebten Aufsteiger ist durchsetzt von Echtem, Ungeschliffenem, Realem. Gesichter aus dem Neapel von heute schauen vorbei, ein historisches Segelboot füttert die Schaulust, reale Streiks von Arbeitern untermauern und kontrastieren das spannungsreiche Verhältnis Edens zu seiner Herkunft.

Wuchtiger Hauptdarsteller

Jack London kannte die Armut genauso gut wie seine literarische Figur Martin. Marcello knüpft daran an. „Ich bin der Sohn eines Seemanns und komme aus einer Welt, in der man ohne Bücher aufwuchs“, schreibt er im Presseheft. Die Seelenverwandtschaft spiegelt sich bis hinein ins Filmmaterial: körniges 16-Millimeter- Material, so rau wie die Armutsviertel Neapels. Der Film webt einen Teppich aus Archivmaterial, selbst gedrehten Dokuszenen und Fiktion, der die eigentliche Erzählung nicht schwächt, sondern umso deutlicher leuchten lässt. Die komplexe Montage bereitet den festen Boden unter den Füßen der fiktiven Figur und bildet die Basis für die physische Präsenz und die emotionale Wucht, mit der sich Hauptdarsteller Luca Marinelli in die Rolle hineinwirft, als ginge es um sein Leben. Sehr zu Recht gewann er damit 2019 bei den Filmfestspielen in Venedig den Coppa Volpi als bester Schauspieler.

Credits

OT: „Martin Eden“
Land: Italien, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Pietro Marcello
Drehbuch: Maurizio Braucci, Pietro Marcello
Vorlage: Jack London
Musik: Marco Messina, Sacha Ricci, Paolo Marzocchi
Kamera: Alessandro Abate, Francesco Di Giacomo
Besetzung: Luca Marinelli, Jessica Cressy, Denise Sardisco, Vincenzo Nemolato, Carmen Pommella, Carlo Cecci

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2020 Bester Film Nominierung
Beste Regie Pietro Marcello Nominierung
Bestes Drehbuch Maurizio Braucci, Pietro Marcello Nominierung
Bester Darsteller Luca Marinelli Nominierung
Venedig 2019 Goldener Löwe Nominierung

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Martin Eden
„Martin Eden“ ist eine sehr heutige Interpretation des autobiografisch gefärbten Romans von Jack London. Regisseur Pietro Marcello nutzt die formale Meisterschaft der Montage, um in einem wuchtigen Epos Themen anzusprechen, die lange nachhallen.
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