Julien Temple ist ein englischer Regisseur, der sich in seinen zahlreichen Dokumentationen und Spielfilmen insbesondere mit Musikern und Bands auseinandersetzt, mit ihrem Werk wie auch ihrer Geschichte. Neben Dokumentationen über Gruppen wie die Sex Pistols drehte er Filme über Persönlichkeiten wie Joe Strummer, den Frontmann der legendären britischen Punkband The Clash, oder Wilko Johnson. Darüber hinaus drehte er Spielfilme wie das Musical Absolute Beginners – Junge Helden. Temple ist außerdem wegen seiner zahlreichen Musikvideos bekannt, wobei er unter anderem mit Künstlern wie Sex Pistols, Judas Priest, Depeche Mode, The Kinks, Neil Young, Janet Jackson, Whitney Houston und Tom Petty and the Heartbreakers zusammenarbeitete.

Für seine Arbeit erhielt Temple viele Preise wie beispielsweise den Video Vanguard Award bei den MTV Video Music Awards und wurde für Arbeiten wie die Dokumentation The Filth and the Fury über die Sex Pistols oder Vigo über das Leben des französischen Regisseurs Jean Vigo auf Filmfestivals wie dem Verona Love Screens Film Festival und dem São Paulo International Film Festival geehrt.

In seinem neuen Dokumentarfilm Shane befasst sich Temple mit Leben und Werk des irischen Songwriters und Poeten Shane MacGowan, der vor allem als Frontmann der Band Pogues in den 1980er viele Erfolge feiern konnte und international bekannt wurde. Anlässlich des Kinostarts am 19. August 2021 unterhalten wir uns im Interview mit dem Regisseur über die Person Shane MacGowans, dessen Reaktion auf das Projekt und über die Beziehung zwischen Kunst und Medien.

Wie kam es dazu, dass du dich in deinem neuen Projekt mit Shane MacGowan befasst?

Es war Shane, der auf mich zukam und mich fragte, ob ich eine Dokumentation über sein Leben machen wollte. Zunächst zögerte ich, denn Shane ist dafür bekannt, dass er nicht leicht im Umgang ist, doch dann faszinierte mich vor allem seine Stellung innerhalb der irischen wie auch der englischen Kultur. Er ist auf der einen Seite ein Londoner, weil er viele Jahre seines Lebens dort verbrachte, dann aber ist es aus der irischen Geschichte, speziell, wenn es um Musik geht, einfach nicht wegzudenken.

Jeder Journalist, der versucht hat, ein Interview mit Shane zu führen, stieß auf Probleme im Umgang mit ihm, denn er kann in einer Minute der netteste Mensch sein, dem man je begegnet ist, doch im nächsten Moment wird er zu einem wahren Monster.

Eine Schwierigkeit bei dem Projekt war Shanes Aussage, er würde nicht fürs Interviews zur Verfügung stehen, was natürlich sehr problematisch ist. Wir mussten also Wege finden, dies zu umgehen, was wir einerseits durch unsere Recherche tun konnten, die viel zutage förderte, was die Person Shane MacGowan und sein Werk näher beleuchtete, doch dann wollten wir ihn auch zum Sprechen kriegen, wir wollten ihn vor der Kamera haben, was wir schafften, indem wir ihm einen Gesprächspartner gaben, den er kannte.

Dies mag zwar riskant sein, doch es stellte sich als sehr interessant heraus, denn man sieht diese verschiedenen Facetten Shanes. Er ist dann nicht in einem Interview, sondern mehr in einem Gespräch mit jemandem, den er schätzt und seit vielen Jahren kennt. Wenn er beispielsweise Johnny Depp gegenübersitzt, mit dem ihm eine jahrelange Freundschaft verbindet, ist er ganz anders als im Gespräch mit Gerry Adams. Für die Dokumentation ist diese Herangehensweise sehr vielversprechend, denn als Zuschauer kann man ein Bild von der Vielschichtigkeit dieses Künstlers machen und sich, wenn man es so sehen will, für eine Version entscheiden. So wurde aus der anfänglichen Herausforderung eine tolle Gelegenheit den Menschen und Künstler Shane MacGowan kennenzulernen, die man, wenn man sich für den „traditionellen“ Weg entschieden und Interviews statt Gespräche geführt hätte, so nicht hätte.

Wie hast du die gerade von dir angesprochenen Gesprächspartner Shanes überzeugt, an dem Projekt mitzumachen?

Johnny Depp für das Projekt zu gewinnen war einfach, doch das Filmen an sich war recht schwierig. Wir hatten drei Tage Zeit für das Gespräch zwischen den beiden, wobei Johnny am ersten Tag nicht auftauchte und Shane dann am zweiten nicht aufzufinden war. Am dritten Tag hatten wir sie dann beide in einem Raum und sie unterhielten sich acht Stunden lang über alle möglichen Themen, wobei wir am Ende nur drei Minuten von dem ganzen Material verwenden konnten. Einen Tag später saßen sie wohl immer noch da und unterhielten sich und wir hätten wohl die Kamera einfach laufen lassen können. Wer weiß, vielleicht hätten wir so drei weitere Minuten bekommen. (lacht)

Im Gespräch mit Bobby Gillespie, der Shane vor allem wegen seiner Poesie bewundert, war MacGowan, wie wohl jeder Zuschauer sehen kann, in keiner guten Stimmung. Es ist ein anderer Shane, als der, den wir im Gespräch mit Johnny Depp sehen, doch auch dies ist eine Facette von ihm, die ihn ausmacht und die wir im Film zeigen wollten.

Deine Dokumentation betrachtet Shane MacGowan von vielen Seiten, was ihm wohl selbst etwas missfiel, denn als Shane den fertigen Film gesehen hatte, sagte er, dieser lasse ihn „elend“ aussehen. Was sagst du zu dieser Aussage?

Shane hat recht, aber er sieht nun einmal bisweilen elend aus und fühlt sich auch so, wie man im Film sieht. Die Dokumentation ist nicht zuletzt als abschreckendes Beispiel zu verstehen, die deutlich macht, dass es Folgen hat, wenn man so lebt, wie es Shane über Jahre hinweg getan hat. Eine Folge ist dabei, dass er sich elend fühlt und auch so aussieht. Aber das ist nur eine Seite der Person Shane MacGowans, denn die Dokumentation zeigt auch seinen Triumph, vor allem im Kontext irischer Kultur, für die er eine wichtige Rolle spielt.

All die Facetten, die der Film zeigt, angefangen von seiner Musik, zum Alkoholismus bis hin zu seiner unglücklichen Zeit in London haben eine Person ergeben, der es möglich war, so zu schreiben wie er es konnte. Shane ist eine komplexe Figur und ich wollte dem in Shane Tribut zollen. Als Zuschauer kann man sich entscheiden, ob man den unglücklichen Shane in all dem sehen will, doch dann gibt es wieder Stellen, wenn er sehr nachdenklich, sehr sympathisch und überaus lustig erscheint. Nicht alles, was Shane zeigt, ist einfach und vieles wird den Zuschauer schockieren, doch am Ende kommt es meiner Meinung nach dem wahren Shane MacGowan sehr nahe.

Um noch einmal zu Shanes Aussage zurückzukommen, ich glaube, jeder hätte so reagiert, wenn er einen Film über sein Leben gesehen hätte, gerade wenn man so in der Öffentlichkeit steht wie Shane. Übrigens habe ich gehört, dass Diego Maradona ähnlich reagierte, als er die Dokumentation über sein Leben das erste Mal sah. Es geht bei einem Projekt wie diesem auch weniger darum, Shane zu gefallen. Wenn man ihn respektiert, als Künstler wie auch als Menschen, ist die „elende“ Seite ein Teil dieser Person, welche in den Film gehört. Wenn es nur um diese Seite ginge oder nur um den Künstler, dann wäre das Porträt unvollständig, doch so kann man alle Facetten Shanes sehen, auch wenn nicht alle einfach zu ertragen sind. Shane zelebriert beide Seiten von Shane MacGowan, die guten wie auch die schlechten und schert sich nicht darum, jemandem zu gefallen.

In gewisser Weise ist diese Seite des Charakters etwas, dass auch viele Künstler kultivieren mit der Zeit, weshalb mich Shane, wie er in deinem Film gezeigt wird, bisweilen an Klaus Kinski und dessen unvergessenen Auftritte in Talkshows erinnerte.

Das ist schon richtig, aber bei Menschen wie Kinski oder MacGowan ist es auch eine Art von Verteidigungsmechanismus. Kreativ zu sein bedeutet eine gewisse Sensibilität zu haben, die man in allen Werken Shanes spürt und diese Eigenschaft macht ihn so großartig. Natürlich kommt damit nicht jeder klar, auch wenn seine Frau einen Weg gefunden zu haben scheint. (lacht)

In Shane geht es um Kreativität und wie man diese auslebt. Für MacGowan bestand dies im Schreiben von Songs und im Erzählen von Erlebnissen, die für ihn eine bestimmte Wahrheit enthielten. Diese Sensibilität, die ich gerade erwähnte, genauso wie die Kreativität gehören zu einem Menschen wie Shane MacGowan und ohne sie würde er wahrscheinlich kaum Kunst schaffen oder Texte schreiben, auch wenn er dies im Moment nicht tut. Ich glaube auch nicht, dass man ihn als elend, wie Shane es gesagt hat, empfindet, wenn man meinen Film sieht. Im Gegenteil, erkennt man, was für ein toller Künstler er ist und freut sich mit ihm über das, was er der Welt geschenkt hat.

In der Dokumentation gibt es ein paar sehr interessante Szenen aus einem Interview mit Shane aus dem britischen Fernsehen, in dem es in den ersten Fragen direkt um seinen Alkoholismus und andere Eskapaden geht. Findest du, dass der Fokus der Medien auf diese Themen die kulturelle Relevanz eines Menschen wie Shane MacGowan schmälert oder versucht diese zu reduzieren?

Ja, das denke ich schon. Zum einen wurden durch diesen Fokus auf Drogen und Alkohol im Shanes Leben lange Zeit seine kreativen Leistungen ignoriert und zum anderen erschien Shane wie eine Art Kuriosität, die man vor die Kamera zerrte, damit man gute Quoten bekam oder bestenfalls einen Skandal. Wenn man sich diese Stellen in der Dokumentation genauer ansieht, bemerkt man, dass die Lacher zwar meistens auf Shanes Seite sind, weil er die Situation umdreht. Shane verstand immer, worauf es den Moderatoren in solchen Situation ankam, doch indem er dies erkannte, sorgte er dafür, dass sie am Ende wie die Dummen aussahen und sich lächerlich machten, weil sie solch dämlich Fragen stellten.

Natürlich ging es dabei auch darum, Shanes Kunst zu entschärfen. Seine Songs und seine Gedichte sind in der Tradition großer irischer Autoren und enthalten viel Zündstoff und Provokantes, was man dann in den Medien nicht zur Sprache kam. Wenn sie sich auf die Drogen oder Fairytale in New York, Shanes größten Hit, konzentrieren, versuchen sie Shane zu einem Klischee zu machen. Dann geht es nicht um die politischen Themen oder die Gesellschaftskritik in seinen Songs, viele von ihnen um Längen besser als Fairytale.

Inwiefern ist Shane MacGowan aufgrund seiner Biografie und seinen Einflüssen einzigartig innerhalb der irischen Kultur?

Shane ist einzigartig sowohl innerhalb der irischen wie auch der englischen Kultur, denn in ihm und seiner Kunst vereinen sich beide Seiten. Als jemand, der aus Irland kam und dort aufwuchs, nimmt er England, insbesondere London und seine Menschen anders wahr, was seinen Texten eine spezielle Perspektive gibt, die einzigartig ist. James Joyce verließ zwar seine Heimat Irland, schrieb aber weiterhin über sie, auch im Exil, wohingegen Shane die irische Seite mit der englischen verbindet in seinen Texten. Diese Eigenart macht ihn so besonders und gibt ihm den Stellenwert in der englischen wie auch der irischen Kultur.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.



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