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Shane

„Shane“ // Deutschland-Start: 19. August 2021 (Kino)

Im Volksmund steht Punk sinnbildlich für eine Form des Widerstandes gegen das Establishment und den durch die Gesellschaft sowie die Politik vermittelten Status Quo. Wie auch Gothic oder die Hippie-Bewegung hat sich dieses Verständnis vor allem auf äußerliche Merkmale wie einen Irokesenschnitt, eine schon etwas verfilzte Lederjacke und Piercings beschränkt. Doch bei genauem Hinsehen identifiziert dies nicht nur ein gesellschaftliches Vorurteil, sondern zudem ein Missverständnis, welches Punk als eine Art Modetrend ansieht. Da die globale Kultur und der Kommerz solche Trends nicht nur identifiziert, sondern auch bisweilen in sich aufnimmt, so können diese Kriterien alleine nicht herhalten, um zu beschreiben, was Punk eigentlich ist, nicht zuletzt, weil auch echte Punker oder Punk-Musiker ihre Kultur als wesentlich mehr ansehen, nämlich als eine Einstellung, eine Form der Freiheit und eine Art des Aufstandes gegen Konformismus, wenn nötig sogar mit dem Werkzeug der Dekonstruktion oder der Anarchie.

Wenn man an Punkmusik denkt, befindet man sich schnell im Großbritannien der späten 70er Jahre, wo die Bewegung ihren Ursprung hat. Die Bilder von Musikern wie Johnny Rotten oder Joe Strummer mit ihren Bands wie The Sex Pistols oder The Clash kommen einem in den Sinn, aber auch ein Mann wie Shane MacGowan, seines Zeichens Gründungsmitglied von The Pogues, einer Band, die innerhalb der Annalen der Punkbewegung eine gewisse Sonderstellung genießt, verbindet sich in ihrer Musik nicht nur Elemente des Punk, sondern auch die irische Kultur. Dies alleine ist wahrscheinlich schon Grund genug das Leben wie auch das künstlerische Schaffen MacGowans zum Kern eines Filmes zu machen, wie es der erfahrene Dokumentarfilmer Julien Temple mit seiner neuen Dokumentation Shane getan hat, welche bereits auf dem Internationalen  Filmfestival San Sebastian mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.

Rebellion und die Liebe zu den Außenseitern

Wie bereits in seinen anderen Musikerbiografien über Joe Strummer oder Keith Richards folgt Temple in Shane einem chronologischen Ansatz, der bei MacGowans Kindheit auf einer irischen Farm beginnt und ihn bis in die heutige Zeit begleitet. Immer wieder ist es die Stimme MacGowans selbst, der im Gespräch mit Weggefährten und Freunden wie Johnny Depp, Gerry Adams oder seiner Ehefrau Victoria Mary Clarke mit viel Humor und sehr anekdotenreich über Musik spricht, aber auch über seine Philosophie, was Themen wie Drogen, Alkohol und die irische Seele angeht, ein Thema, welches nicht zuletzt zentral ist für seine Musik. Das Ergebnis ist mit über zwei Stunden Laufzeit nicht nur sehr facettenreich, sondern wird der Vielfalt der künstlerischen Tätigkeit gerecht, die jemanden wie MacGowan ausmacht, der in vielen Interviews, welche man in Ausschnitten zu sehen bekommt, immer wieder auf seine Drogensucht und den Alkoholkonsum reduziert wurde.

Besonders interessant ist hierbei die, wenn man so will, These, nach welcher es eine Verbindung zwischen den Grundüberzeugungen des Punk gibt und dem, was die „irische Seele“ ausmacht. In einem für den Punk typischen Moment des Nicht-Anerkennens oder des Ekels vor dem Mainstream wenden sich die Musik der Pogues wie auch die Texte MacGowans von der Kultur der 80er Jahre ab, die eine Rückkehr zum Konformismus sowie einer globalen Kultur nahekommt, in der vieles nach außen hin anders, aber im tiefsten Innern doch sehr gleich ist. Die Rückbesinnung auf die Tradition, in MacGowans Falle die irische Tradition, die Songs seiner Kindheit und Jugend sowie die irische Geschichte, sind die Motivation hinter jenen ersten Lieder, die er beginnt zu schreiben und welche schon bald die Band wie auch ihren Frontmann berühmt machen sollen.

Neben dieser Verbindung ist es der Bezug zu den gesellschaftlichen Außenseitern, die MacGowan stets beschäftigt in seinen Texten und denen er viele sehr schöne aber auch sehr traurige Verse widmet. Wie er im Gespräch sagt waren es schließlich auch die Iren selbst, die immer wieder Ablehnung erfahren mussten, als die ersten Einwanderer in den USA oder aber als viele von ihnen, wie MacGowans Familie auch, nach England gingen, um dort Arbeit zu finden. Lieder wie Dirty Old Town, If I Should Fall From Grace With God oder Dark Streets Of London beschreiben dieses Leben im gesellschaftlichen Abseits, die Einsamkeit, aber auch eine große Zähigkeit, sich gegen dieses System zu stellen.

Credits

OT: „Crock of Gold: A Few Rounds With Shane MacGowan“
Land: USA, UK
Jahr: 2020
Regie: Julien Temple
Drehbuch: Julien Temple
Musik: Jocelyn Campbell, Jc Carroll
Kamera: Steve Organ

Bilder

Trailer

Interview

Shane Julien Temple InterviewWie war die Zusammenarbeit mit Shane MacGown? Und was macht den Sänger so besonders? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseur Julien Temple in unserem Interview zu Shane gestellt.

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Shane
„Shane“ ist die Geschichte eines großen Künstlers der Musikszene, eines Poeten wie auch Unangepassten, dem Regisseur Julien Temple eine sehr beeindruckende Dokumentation widmet. Über eine Fülle an Archivmaterial, aber vor allem durch die Musik sowie die vielen Gespräche MacGowans mit Familie und Freunde entsteht ein faszinierendes Porträt dieses Musikers, der es über die Kunst schaffte, die Welt mit irischen Traditionen bekannt zu machen und gleichzeitig mit den Prinzipien des Punk.
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