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Gunda

„Gunda“ // Deutschland-Start: 19. August 2021 (Kino)

Nur was man kennt, wird man auch bewahren. So lautet ein bewährtes Motto des Naturschutzes. Das gemeine Hausschwein kennen heutzutage die meisten nur von Schinken- und Wurstverpackungen. Es wird oft in engen Ställen gehalten, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Einen Namen gibt man den Tieren in der Massenaufzucht natürlich nicht mehr, anders als vielleicht vor 70 oder 80 Jahren, als Kleinbauern neben Kühen und Hühnern auch ein paar Schweine hielten, die raus auf die Wiese durften. Insofern ist es durchaus ein Statement, dass Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky sein neues Werk Gunda nennt – eine visuell betörende, zutiefst einfühlsame Annäherung an etwas, was unsere Großeltern und Urgroßeltern noch wie selbstverständlich wussten.

Gegen den Niedlichkeitskitsch

Ein Stall irgendwo in Norwegen. Gunda liegt mitten im Eingang, auf der Seite, die Augen geschlossen. Schläft sie? Könnte man meinen. Aber die kleinen Bewegungen ganz hinten im Bild sprechen dagegen. Schlägt die Sau mit dem Schwanz? Nein, irgendwann wird es deutlich in der geduldigen Einstellung: Ein winzig kleines Ferkelchen klettert über Gundas Schulter ins Freie, noch ganz wackelig auf den Beinen. Dann noch eins und ein weiteres, die putzige Schar scheint gar kein Ende zu nehmen. Putzig? Ja und nein. Es ist eine Herz zerreißende Szene. Aber wie würde sie erst in den Niedlichkeitskitsch abgleiten, wenn die kleinen Neugeborenen in rosa Farbe leuchten würden? Unter anderem, um dem vorzubeugen, hat sich der Regisseur für Schwarz-Weiß entschieden.

Die Farblosigkeit hat weitere Gründe. Etwa die Tatsache, dass Licht und Schatten so faszinierend miteinander spielen, wenn die Kamera nicht mehr außerhalb, sondern nun im Stall steht und betrachtet, wie die Winzlinge die Zitzen der immer noch auf der Seite liegenden Mutter suchen, wie taumelig übereinander fallen und mehr per Zufall zu saugen beginnen. Ganz tief steht jetzt die Kamera, vermutlich direkt auf dem Boden. Sie zoomt so nah heran, dass sie einem Ferkelchen direkt in die Augen sieht. Ganz aufgeregt erscheint sein Gesichtchen, neugierig und verschreckt zugleich. Irgendwann haben sie genug getrunken, Gunda steht auf, die Kamera schwenkt langsam zu einer Stelle im Stroh, wo unter den Halmen etwas zu atmen scheint. Das Muttertier hat das auch bemerkt, es räumt mit seiner lange Schnauze das Stroh weg, entdeckt das noch ganz nasse Junge und schubst es ein bisschen an, um ihm auf die Beine und ins Leben zu helfen.

Verzicht auf Kommentar

Man kann nicht umhin, Gundas Mutterinstinkt, ihr Aufzuchts- und Erziehungsmanagement mit vermenschlichenden Worten zu beschreiben. Aber ganz korrekt ist das nicht. Da der Film auf jeglichen Kommentar verzichtet und auch nie ein Mensch darin vorkommt, erfahren wir nicht, was der Regisseur in eingehenden Recherchen über das Verhalten der Tiere herausgefunden hat. Wir sehen es einfach, machen uns einen Reim darauf, und der ist notgedrungen menschengefärbt. Vielleicht kommen wir deswegen den Tieren so nahe – neben Gunda noch einem einbeinigen Huhn und einer galoppierenden Rinderherde, jedenfalls näher als es ein Sprecher vermöchte, der das Gesehene einordnet beziehungsweise erklärt.

Es ist kein Zufall, dass Victor Kossakovsky ausschließlich „Nutz“-Tiere zeigt. Und es ist ebenso gewollt, dass der Vorteil, den wir Menschen aus ihnen ziehen, bis auf die letzten fünf Minuten völlig ausgeblendet bleibt. Der Regisseur gibt mit seiner experimentell anmutenden Konzentration auf das reine Sehen (und Hören) den Geschöpfen ihre Würde zurück – ein Dasein ganz aus sich heraus, nicht als Mittel für etwas anderes. Dazu betrachtet er sie aus extremer Nähe. Das mag langweilig klingen, doch in 93 Minuten geschieht ein Wunder. In dem Mikrokosmos geschehen genauso viele überwältigende Momente wie in Kossakovskys vorigem, eher monumentalem und weltumspannendem Film Aquarela (2018) über die Kraft des Wassers. Jede Einstellung ein Hingucker, jeder Schnitt überraschend, erhellend in Bezug auf die Emotionen, die Lebendigkeit und Schläue der Tiere.

Vegetarismus ohne Zeigefinger

Dabei ist es keineswegs ein Widerspruch, dass Kossakovsky seinen Film komplett deutungsoffen hält, aber in Interviews gerne erzählt, wie er in seiner russischen Heimat sich als Kind mit einem Schwein angefreundet hat und von da an zum Vegetarier wurde, als es geschlachtet wurde. Der Regisseur möchte sich mit seinen stilistisch gewagten Arbeiten nicht vornehm zurückhalten und nur einem selbstverliebten Ästhetizismus frönen. Er will etwas bewegen und bewirken. Dabei geht seine Konzentration auf das reine Sehen wundersamer Weise viel tiefer unter die Haut als eine weitere Dokumentation über das Elend der Massentierhaltung.

Credits

OT: „Gunda“
Land: Norwegen, USA
Jahr: 2020
Regie: Victor Kossakovsky
Drehbuch: Victor Kossakovsky
Musik: Alexandr Dudarev
Kamera: Egil Haskjold Larsen, Victor Kossakovsky

Bilder

Trailer

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Mit „Gunda“ macht Regisseur Victor Kossakovsky eine massive Muttersau zum Filmstar. Die kommentarlose Begleitung ihres Daseins beweist die Kraft einer Filmkunst, die sich allein auf genaues Hinschauen verlässt.
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