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Quo vadis Aida

„Quo vadis, Aida?“ // Deutschland-Start: 5. August 2021 (Kino)

Bosnien 1995: Aida (Jasna Ðuriči) arbeitet als Übersetzerin für die niederländischen Blauhelmsoldaten. Die UN-Truppe soll die bosnischen Muslime vor dem brutalen General Ratko Mladić (Boris Isaković) schützen, einem orthodoxen Serben, der das Land im zerfallenden Vielvölkerstaat Ex-Jugoslawien von der einstigen Mehrheitsbevölkerung säubern will. Ihm standzuhalten ist für die UN-Einheit unter Oberstleutnant Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) keine leichte Aufgabe. Immer wieder fleht er seine Vorgesetzten an, die NATO möge doch endlich die versprochenen Kampfflugzeuge schicken. Sie allein könnten die Serben in die Schranken weisen. Die 400 Blauhelme sind damit heillos überfordert. Aida weiß das. Der Job als Dolmetscherin verschafft ihr Insiderwissen über die wahre Gefahr hinter den offiziellen Beschwichtigungen. Verzweifelt versucht sie, wenigstens ihre Familie zu retten – in einem sehenswerten Drama, das ein individuelles Schicksal mit dem Irrsinn des Krieges verschmilzt.

Eine marodierende Soldateska

Mitte Juli, sengende Hitze: Tausende belagern einen Zaum mit Stacheldraht. Sie wollen ins Lager der UN-Soldaten, auf der Flucht vor alles zermalmenden Panzern. 5000 bosnische Muslime sind schon drin, sitzen eng gedrängt auf dem Boden. Niederländische Blauhelme können niemanden mehr in die überfüllte Schutzburg lassen. Doch dann kommt ein schwer bewaffneter serbischer Anführer, mit höchstens zwei Dutzend Mann steigt er aus dem gepanzerten Fahrzeug. „Ich will da rein“, schnauzt er die holländischen Wachmänner an, blutjunge Kerle mit kurzen Hosen, ängstlich und überfordert. Die Serben treiben ihren Spott mit ihnen, nehmen einem den Blauhelm vom Kopf, lachen über die hilflose Truppe, die auch Mädchen in ihren Reihen hat – und laufen einfach an den Wachen vorbei.

Der Auftritt der marodierenden Soldateska erinnert in seiner Willkür an Nazi- und KZ-Filme, aber offene Gewalt wird fast nie gezeigt. Der Völkermord liegt nicht in den Bildern, sondern zwischen ihnen, in der bis zum Zerreißen angespannten Atmosphäre. Statt Maschinengewehrsalven in die Schutzsuchenden abzufeuern, werfen die Eroberer plötzlich Brote in die Menge. Aber das Unheimliche, das den Film von der ersten Minute an durchzieht, bleibt. Es wird sich steigern bis zum bitteren Ende.

Ein moralisches Dilemma

Das Kraftzentrum der Handlung dreht sich um Aidas löwinnenhaften Kampf um ihre Familie. Dabei handelt sie nicht immer ethisch einwandfrei, aber das macht ihre Figur umso interessanter. Und überhaupt: Wo bleibt die Moral, wenn es ums reine Überleben geht? „Meine Erfahrung mit dem Krieg ist, dass man als menschliches Wesen schrumpft“, sagt Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić in einem Interview. Sie selbst stammt aus Sarajevo und war 17, als der Krieg ausbrach.

Die Regisseurin schildert die Umstände des unmittelbar bevorstehenden Massakers dokumentarisch genau. Sie bezieht sich auf eine historische Vorlage, den Bericht des Übersetzers, Zeitzeugen und Buchautors Hasan Nuhanovićigkeit. Aber sie löst sich auch ein Stück weit davon, indem sie aus ihm eine Frau macht und die erfundene Figur mit fiktiven Freiheiten ausstattet. Das erlaubt ihr, neben den weithin bekannten Verbrechen der Serben, die in Gerichtsverfahren genauestens untersucht wurden, etwas zu erzählen, dessen Ausgang durchaus ungewiss ist. Aida funktioniert als starke Identifikationsfigur, die dem Publikum eine universelle Frage zurückspiegelt: Was würdest du tun, wenn dich die Barbarei dermaßen überrollt und es nur noch um Leben oder Tod geht?

Mehr als Geschichtsstunde

Die eindrucksvollste Sequenz des visuell starken Films ist eine Rückblende. Sie zeigt ein fröhliches Neujahrsfest in Srebrenica. Aidas jüngster Sohn spielt mit seiner Band, irgendwann bilden alle ein großes Rund, tanzen den volkstümlichen Kolo. Die Kamera von Christine A. Maier kreist aber nicht mit. Sie scheint das ausgelassene Treiben kurz anzuhalten, um von jedem Tanzenden eine porträtartige Großaufnahme zu machen, Augen direkt ins Objektiv. Alle sind hier noch zusammen, orthodoxe Serben und muslimische Bosnier, die seit Jahrzehnten friedlich miteinander lebten. Aber die Frage des Filmtitels liegt in der Luft. „Quo vadis?“, wohin wirst du gehen? Das ist das zentrale Thema für jeden einzelnen, nicht nur für Aida.

Credits

OT: „Quo vadis, Aida?“
Land: Bosnien und Herzegowina, Österreich, Rumänien, Niederlande, Deutschland, Polen, Frankreich, Norwegen
Jahr: 2020
Regie: Jasmila Žbanić
Drehbuch: Jasmila Žbanić
Musik: Antoni Komasa-Łazarkiewicz
Kamera: Christine A. Maier
Besetzung: Jasna Ðuriči, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isaković, Johan Heldenbergh, Edita Malovčić

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2021 Bester internationaler Film Nominierung
BAFTA Awards 2021 Beste Regie Jasmila Zbanic Nominierung
Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Film Independent Spirit Awards 2021 Bester internationaler Film Sieg

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Quo vadis, Aida?
„Quo vadis, Aida?“ verbindet historische Fakten mit dem persönlichen, auf Tatsachen beruhenden, aber fiktionalisierten Überlebenskampf einer Familie. Regisseurin Jasmila Žbanić (Goldener Bär für „Esmas Geheimnis“, 2006) fährt großes Kino auf, um mit einer packenden Geschichte die Erinnerung an das Massaker von Srebrenica wachzuhalten.
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