In Generation Beziehungsunfähig (Kinostart: 29. Juli 2021), inspiriert von dem gleichnamigen Sachbuch-Bestseller, spielt Luise Heyer an der Seite von Frederick Lau die schlagfertige Ghost. Die hat zwar auf alles eine Antwort und großen Spaß an flüchtigen Begegnungen. Eine echte Beziehung kommt für sie aber nicht in Frage – zum Leidwesen von Tim, der sich das erste Mal ernsthaft verliebt. Wir haben uns bei der Weltpremiere auf dem Filmfest München mit der Schauspielerin über die Liebeskomödie, freiheitsliebende Generationen und den Reiz der Schauspielerei unterhalten.

Du bist gerade auf dem Filmfest München mit drei wirklich sehr unterschiedlichen Filmen am Start gewesen: das bittere DDR-Drama Nahschuss, die Kinderbuchadaption Lauras Stern und eben die Liebeskomödie Generation Beziehungsunfähig. Vor ein paar Wochen hast du im Krimi Polizeiruf 110: Sabine eine verzweifelte Frau gespielt, die zur Mörderin wird. Bei dieser Vielfalt stellt sich die Frage: Nach welchen Kriterien suchst du dir deine Filme aus?

Letztendlich nach dem Drehbuch. Wenn die Rolle zwar toll ist, aber die Geschichte für mich nicht stimmt, dann wirkt sich das auf meine Entscheidung aus. Manchmal sind es auch ganz persönliche Gründe. Das Gespräch mit den Regisseur:innen ist deshalb auch ein wichtiger Teil für meinen Entscheidungsprozess. Ich habe ja bislang viel Arthouse und schwere Figuren gespielt. Das macht mir Spaß und es ist mir auch ganz wichtig, solche Geschichten zu erzählen. So etwas wie Lauras Stern hat dann wieder etwas Heilendes und etwas Beruhigendes. Es ist schön, zwischendurch auch so etwas mal zu spielen, wo es gar nicht um mich geht oder die schauspielerische Leistung, sondern das große Ganze. Generation Beziehungsunfähig ist wiederum ein völlig anderes Metier, bei dem ich noch in den Kinderschuhen stecke und wo ich das Gefühl habe, ich kann noch ganz viel lernen. Und ich will einfach immer weiterlernen und mich ausprobieren.

Und was hat dich speziell an Generation Beziehungsunfähig überzeugt? Es hätte ja auch eine andere Liebeskomödie sein können.

Helena Hufnagel. Mit ihr hatte ich vorher schon Einmal bitte alles gedreht. Ich wusste also, wie sie arbeitet und wie liebevoll sie mit den Schauspieler:innen umgeht und dass ich mich gut aufgehoben fühle. Gerade weil Liebeskomödien für mich Neuland sind, war es mir wichtig, mit jemandem zusammenzuarbeiten, auf den ich mich verlassen kann und der mich bei Unsicherheiten auffängt.

In dem Film spielen Frederick Lau und du zwei Menschen, die sich schwer damit tun, ein Paar zu werden. Warum ist so schwierig für sie?

Weil beide Figuren, Tim und Ghost, verlernt haben, sich auf andere einzulassen. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Alleinsein und auch mit den Freiheiten, die sich daraus ergeben. Sie müssen keine Kompromisse mehr eingehen. Sie müssen sich um keine Gefühle anderer kümmern, sondern können ganz bei sich sein. Das ist wahrscheinlich auch eine Form der Überforderung, die man dann hat. Gepaart mit der Angst, sich verletzlich zu machen, indem man sich aufeinander einlässt. Gerade Ghost hat eine wahnsinnige Angst davor und will nicht, dass jemand diese Seite in ihr sieht. Die Seite, die eben nicht cool und stark ist. Deswegen meldet sie sich nicht mehr, weil ihr das schon zu nahekommt. Sie hat Angst davor, dass Tim sie verlassen könnte, wenn er ihre verletzliche, künstlerische und nachdenkliche Seite sieht.

Generation Beziehungsunfähig

Ein hoffnungsloser Fall? In „Generation Beziehungsunfähig“ verlieben sich Tim (Frederick Lau) und Ghost (Luise Heyer) ineinander, können mit den Gefühlen aber nichts anfangen. (© Warner Bros.)

Der Titel Generation Beziehungsunfähig impliziert, dass das hier nicht einfach ein Einzelfall ist, sondern ein weitläufiges Phänomen. Siehst du das auch so?

Ich glaube, dass man das schon so sagen kann. Aber ich habe auch von Leuten gehört, dass diese Generation sie an die 90er erinnert. Da war das wohl auch so. Wahrscheinlich ist das etwas, das immer wieder auftaucht. Die Generation meiner Eltern hat früh geheiratet, hat früh Kinder bekommen. Da wollen die Kinder das vielleicht nicht ähnlich leben, sondern mehr Freiheit haben. Und deren Kinder brauchen dann vielleicht wieder mehr Sicherheit. Das ist also schon etwas, was sich im Fluss befindet und sich immer wieder ändert. Der Mensch strebt wohl gerne danach, was er gerade nicht hat. Bei der aktuellen Generation ist dann die Freiheit wieder wichtiger. Wobei sich das natürlich auch unterscheidet kann, je nachdem wo du zum Beispiel wohnst. In einer Kleinstadt wird das weniger markant sein als in Berlin, wo einfach die Möglichkeiten viel größer sind.

Was macht das mit einer Gesellschaft, in der die Leute keine Bindungen mehr eingehen wollen?

Ich habe sehr einsame Menschen getroffen, die nach außen hin sehr selbstbewusst auftreten und fest im Leben stehen, im Herzen aber viele Sehnsüchte tragen, die nicht erfüllt werden. Die mit ihren ganzen Freiheiten gar nicht glücklich sind und vielleicht doch das Bedürfnis haben, an die Hand genommen zu werden. Das trifft nicht auf alle zu, klar. Ich würde also nicht sagen, dass die Gesellschaft als solche unglücklich ist mit der Situation. Aber es gibt doch einige, die sich damit schwer tun.

Dass das Thema Freiheit Überforderung bedeuten kann, sieht man auch in anderen Bereichen. Wenn du heute mit der Schule fertig bist, wird dir suggeriert, dass du eigentlich alles machen kannst, während da früher doch mehr vorbestimmt war. Das führt dazu, dass viele erst einmal gar nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Sind wir Menschen überhaupt für eine solche Freiheit gemacht?

Das entscheidet natürlich jetzt auch wieder jeder für sich. Aber ich stelle schon fest, dass viele junge Menschen diese Not empfinden. Wenn sie nicht in jungen Jahren ein Interessensfeld für sich entdeckt haben, wie Schauspiel zum Beispiel in meinem Fall, dann kann das schon schwierig werden. Gerade auch, wenn einem tatsächlich diese ganzen Türen offenstehen, man also das notwendige soziale Umfeld und die nötigen Noten hat. Wenn man in allem gut ist, da aber nichts ist, für das man Leidenschaft hat. Wenn es nichts gibt, für das man brennt, dann kann es für einige sehr schwierig sein, sich bei den Möglichkeiten festzulegen. Ich bin dann immer der Meinung, man probiert lieber einmal ganz viel aus, bis der Funke überspringt, anstatt sich gleich auf etwas festzulegen, das einen am Ende unglücklich macht.

Aber du wusstest schon von Anfang an, dass du Schauspielerin werden wolltest?

Wirklich gewusst nicht. Ich habe selbst erst einmal viel ausprobiert und die Schauspielerei war das Einzige, womit ich nicht wieder aufgehört habe. Ich habe es mit Basketball versucht und Kinderballett. Aber das war nichts für mich. Bei der Schauspielerei war es so, dass egal wie hart der Tag war, ich immer hingegangen bin. Es gab also schon den stillen Wunsch, Schauspielerin zu werden, ohne das aber irgendwie groß öffentlich zu machen. Ich hatte immer Angst davor, dass sich die Leute an den Kopf fassen, wenn sie davon erfahren. Außerdem war mir damals schon klar, wie gering die Chancen sind, es tatsächlich zu schaffen. Es gab aber immer wieder Menschen, die mir die Schauspielerei gelehrt haben, die meinten, ich solle es auf jeden Fall versuchen. Bei meinem ersten Vorsprechen habe ich dann erst mal eine Absage bekommen, aber mit den Worten, ich soll nächstes Jahr gerne wiederkommen, wenn ich noch nichts habe. Auch das war eine Bestätigung, dass der Weg nicht völlig falsch ist. Am Ende hat es dann über das Nachrückverfahren in Rostock geklappt und ich war überglücklich. Zweifel hatte ich im Anschluss zwar schon noch. Aber es hat sich alles gefügt und das eine zum anderen ergeben. Und jetzt bin ich hier.

Und hast auch nicht vor wieder wegzugehen.

Das nicht. Ich denke nur darüber nach, dass ich mir vielleicht mal ein Hobby zulegen könnte. (lacht) Irgendetwas, um meine Seele zu entspannen. Schauspielerei bedeutet viel Arbeit, wenn du dich ständig mit den Geschichten und Gefühlen der Figuren auseinandersetzen musst. Da wäre etwas Haptisches zum Ausgleich ganz nett. Tischlern zum Beispiel. Momentan fehlt mir für so etwas die Zeit. Aber ich habe es vor.

Was ist denn das Tolle an der Schauspielerei, dass du dich so darin gefunden hast?

Gute Frage. Ich lerne ganz viel. Zum einen, weil man sich mit der Kunst generell beschäftigt, mit dem Theater, mit alten Meistern wie Shakespeare. Zum anderen ist Schauspielerei immer auch eine Art psychologische Studie, bei der ich ganz viel über die Menschen lerne – und ganz viel über mich. Für mich ist es ein ganz großer Reiz, andere Menschen und andere Persönlichkeiten ganz authentisch zu erzählen. Oder auch eine Geschichte zu erzählen, die ich als wichtig empfinde. Bei Polizeiruf 110: Sabine wusste ich beim Lesen, ich muss das unbedingt machen. Der Sender hat nach der Ausstrahlung des Films eine Hotline verlinkt, bei der Menschen anrufen konnten, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Wie ich später erfahren habe, haben sich wohl sehr viele Betroffene darüber Hilfe gesucht. Bei Der Junge muss an die frische Luft habe ich eine E-Mail von einer Frau erhalten, der durch den Film bewusst geworden ist, dass sie das ihren Kindern nicht antun will, und die sich deshalb Hilfe suchen wollte. Was soll ich sagen… das berührt mich. Und, das mag egoistisch klingen, ich fühle mich in meiner Arbeit gesehen.

Und wie geht es jetzt weiter? Welche Projekte sind geplant?

Ich arbeite als nächstes mit Aslı Özge, mit der ich Auf einmal gedreht habe. Der Film soll dann nächstes Jahr in die Kinos kommen. Außerdem kommt nächstes Jahr noch JGA von Alireza Golafshan, eine Komödie über einen Junggesellinnenabschied.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Luise Heyer wurde am 25. März 1985 in Berlin geboren. Von 2006 bis 2010 studierte sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Nachdem sie jahrelang Theater gespielt hatte, übernahm sie 2011 in dem Drama Westwind ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Ihr bekanntester Film ist Der Junge muss an die frische Luft (2018), in dem sie die depressive Mutter von Hape Kerkeling spielte. Hierfür erhielt sie den Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin. Bei der gleichen Veranstaltung war sie als Vergewaltigungsopfer in Das schönste Paar (2018) für die beste Hauptdarstellerin nominiert, was ihr die seltene Ehre einer gleichzeitigen Doppelnominierung einbrachte. 



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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