(„Auf einmal“ directed by Aslı Özge, 2016)

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„Auf einmal“ läuft ab 6. Oktober im Kino

Und dann war sie tot. Im einen Moment hat Anna (Natalia Belitski) noch fröhlich gefeiert, im nächsten liegt sie auf dem Boden. Anstatt einen Krankenwagen zu rufen, läuft Karsten (Sebastian Hülk) zur nahegelegenen Klinik, ohne zu wissen, dass diese nachts geschlossen hat. Als dann doch noch die Sanitäter eintreffen, ist es bereits zu spät, die junge Frau ist nicht mehr zu retten. Während Karstens Freundin Laura (Julia Jentsch) zu ihm hält und auch sein Vater Klaus (Hanns Zischler) alles tut, um Schaden von ihm abzuwenden, sind andere irritiert: Warum hat Karsten sich so verhalten? Hätte man sie retten können, wenn er sofort den Notruf getätigt hätte? Auch ihm kommen immer mehr Zweifel, zumal Annas Ehemann Andrej (Alexander Gersak) Klage erhebt. Plötzlich muss Karsten nicht nur mit seinem Gewissen kämpfen, auch juristische Folgen drohen nun dem jungen Bankier.

Bislang hatte die in Istanbul geborene, nun aber in Deutschland lebende Aslı Özge nur in der alten Heimat gedreht, mit Auf einmal wagt sich die Regisseurin und Drehbuchautorin das erste Mal an einen deutschsprachigen Stoff. Und zum Teil zumindest ist das ein Glücksfall, darf nun auch ein größeres Publikum hierzulande an dem Werken der Filmemacherin teilhaben. An vielen Stellen des Thrillerdramas zeigen sich dieselben Qualitäten, welche sie bereits in Lifelong gezeigt hatte. Es gibt starke Bilder, die einen emotional mitnehmen, auch wenn in ihnen überhaupt nichts passiert. Und wenn es darum geht, menschliche Spannung auf die Leinwand zu bringen, dann macht Özge so schnell ohnehin niemand etwas vor. Ob es nun das gemeinsame Essen mit den Eltern ist oder auch ein Treffen mit Freunden, selbst ohne Dialoge wird die Stimmung so unangenehm, dass man am liebsten das Zimmer verlassen würde. Vielleicht sogar vor allem, wenn gerade niemand spricht.

Spannend ist Auf einmal dann auch aus zwei Gründen. Zunächst wäre da der Tod an sich. Eine junge Mittzwanzigerin, warum sollte die so plötzlich sterben? Und wer war sie überhaupt? Indem Özge lange offen lässt, was sich wirklich in der Nacht zugetragen hat, sie nur nach und nach Hinweise streut, bleibt man zunächst allein schon deshalb am Ball, um die Wahrheit zu erfahren. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus aber zunehmend in Richtung Drama, wenn nicht das Ereignis entscheidend ist, sondern die Folgen für die Beteiligten. Im privaten wie beruflichen Umfeld von Karsten wird sich im Anschluss einiges ändern, teils bringt das Unglück aber auch nur das hervor, was zuvor schon unter der Oberfläche rumorte. In diesen Momenten wird der Film zu einer Mischung aus Charakterstudie und Gesellschaftsporträt, denn nicht jede Entscheidung, die hier getroffen wird, ist allein auf die Person zurückzuführen.

Gleichzeitig ist der letzte Punkt aber auch eine Schwäche von Auf einmal: Die Geschichte, vor allem die Handlungen und Dialoge sind nicht immer so plausibel, wie es der Film verdienen würde. Zwischendurch wird einiges etwas willkürlich, die späteren Erklärungsversuche bleiben ohne echte Überzeugungskraft, sind oft zu dünn. Vor allem zum Ende hin, wenn sich die Geschichte überschlägt, Özge erneut eine Wendung einbaut, kommen mehr Fragen als Antworten hinzu. Auch wenn Sebastian Hülk insgesamt seine Rolle hervorragend ambivalent spielt, man als Zuschauer so gar nicht weiß, von Karsten eigentlich zu halten ist, ausgerechnet wenn es konkreter wird, verliert der Film seinen Halt. Ein bisschen zu plötzlich kommt das alles, was unser Protagonist da tut, auch seine Begegnungen sind in vielen Punkten kaum mehr nachvollziehbar. Dass der über weite Strecken so trittsichere Streifen auf den letzten Metern noch so stark abbaut, so absurd-befremdlich wird, ist mehr als schade. Dennoch überwiegt die Neugierde, was wir beim nächsten Mal von der inszenatorisch starken Regisseurin erwarten dürfen.

Auf einmal
3.6 (72%) 10 Artikel bewerten

Auf einmal
Geheimnisvoller Thriller, Charakterstudie, Gesellschaftsporträt – „Auf einmal“ wandert von einem Genre zum nächsten, zeigt sich dabei über weite Strecken ebenso trittsicher wie spannend inszeniert. Bei der Glaubwürdigkeit hapert es jedoch zuweilen, vor allem beim völlig überzogenen und urplötzlichen Ende.
6von 10

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